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claus philipp , veronica kaup-hasler | Erzähl weiter

Über den gemeinsamen Akt des Vorlesens

Kannst du dich noch erinnern an das erste Buch, das wir einander vorgelesen, gemeinsam gelesen haben?

Da waren so viele ... Die Wahlverwandtschaften?

Das war das zweite. Das erste war interessanterweise ein Buch, das wir bis heute nicht zu Ende gelesen haben: Roberto Calassos Die Hochzeit von Kadmos und Harmonia . Irrsee, Sommer 2007.

So lange ist das her? Eigentlich ungewöhnlich, dass wir ein Buch nicht fertiggelesen haben. Aber das liegt vermutlich auch an der Komplexität dieses sich stets verzweigenden Texts, der sich so herrlich überbordend im Gewirr der antiken Mythologie verästelt und immer wieder weiter wuchert. Eigentlich ein Buch über das Lesen. Wir sollten dieses „Projekt“ unbedingt wiederaufnehmen. Damals waren wir jedenfalls in der Arbeitsaufteilung von Lesen und Zuhören noch relativ ausgewogen. Das mit dem Vorlesen hat sich ja mittlerweile eindeutig in deine Richtung verlagert. Das sage ich aber ganz wertfrei – du weißt, wie gerne ich deine Stimme höre.

Ja. Aber du sagst schon mitunter: „Er hört sich halt selbst gerne lesen.“ Wobei, das hat in aller Boshaftigkeit wohl einen wahren Kern: Zumindest empfinde ich den Vorgang des Vorlesens seit frühester Kindheit als Schutzzone. Ich konnte schon mit drei, vier Jahren lesen, und die Kindergärtnerinnen haben mich oft dazu vergattert, den anderen Zöglingen Bilderbücher vorzulesen. Ob die das eher nur durchlitten haben, kann ich naturgemäß nicht einschätzen. Ich habe es immer genossen: Einen Text quasi so zu erfahren, als entwickle er sich – mit allen Fehlern und Fehlleistungen, die man beim Vor- und Sich-Verlesen macht – zum ersten Mal. Schon damals fiel aber, ich erinnere mich, mitunter der Satz: „Erzähl weiter!“

Zwei Arten von Aufmerksamkeit, die kooperieren ... Ich denke, dass ich grundsätzlich lieber zuhöre, lieber beobachte, wahrnehme, als selbst zu performen. Was ist dir für das Lesen wichtiger – der Mund oder das Ohr?

Gute Frage. Das eine ist ohne das andere nicht denkbar. Ich lese zum Beispiel, wenn ich nur für mich, allein, laut lese, quasi um einen Text akustisch auszutesten, völlig anders, als wenn du oder unsere Kinder zuhören. Die Zuhörer beeinflussen durch Aufmerksamkeit oder Unaufmerksamkeit sehr deutlich, was wie zum Vortrag kommt bzw. ob „Vortrag“ überhaupt das geeignete Mittel ist, einen Text „sprechen“ zu lassen. Gegenfrage: Welcher Art von Texten hörst du am liebsten zu?

Das ist nicht so einfach zu beantworten. Eigentlich ist es über die Jahre hinweg ein größerer dramaturgischer Bogen, in dem die Texte stehen, die wir einander vorlesen. Eine Partitur unterschiedlichster Stile, Schreibweisen, Handschriften, Stimmen und Tonlagen, die einander konterkarieren, kommentieren, abwechseln. Wir lesen mitunter ja auch Verschiedenstes durchaus parallel. Zum Beispiel jetzt – den Kindern liest du Tolkiens Herr der Ringe vor ...

... und achte immer darauf, dass du davon nichts versäumst.

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