schreibkraft - Das Feuilletonmagazin

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Feuilleton der Ausgabe 32 - durchlesen

andrea scrima | Zwischen den Zeilen

Die Fähigkeit zu lesen ist nicht das Einzige, was wir in die nächste Generation retten müssen.

Versuchen Sie es: Versuchen Sie einmal, über das Lesen zu sprechen, ohne thematisch dahin abzuschweifen, wie das Internet die Art unserer Informationsaufnahme verändert hat. Ich – und auch die Mehrheit der Menschen, die ich kenne, deren Lesegewohnheiten schon lange vor dem Aufkommen von digitalen Zeitschriften und Zeitungen, Google Books, Blogs, RSS-Feeds, Social Media und Kindle geprägt wurden – habe meist das Gefühl, dass ich nur dann... lesen


helge streit | Warum liest einer?

Wer immer nach dem Zweck fragt, darf sich nicht wundern, wenn auch er bloß zum Zweck wird.

Warum liest einer nicht? Warum hat einer, der seine Kindheit hindurch gelesen hat, später ganz damit aufgehört? Fängt einer damit an, der als Kind nie gelesen hat? Vom Einkauf brachte meine Mutter ein Comic mit nach Hause. Bis zu diesem Tag war mir nichts begegnet, was so neu, so vollkommen war wie dieses Heft, dessen erster Leser zu sein offenbar ich bestimmt war. Ich muss etwa fünf Jahre alt gewesen sein, denn ich lebte noch in... lesen


dirk werner | Der Schulbuchleser

Eine verbesserbare Einladung zum Wissenserwerb

Wie sehr hat es ihm Spaß bereitet, das Buch unter Stapeln von anderen Büchern hervorzuziehen. Wie viel Entzücken und Neugier waren da gleich in ihm: Er wollte es aber nicht mitnehmen. Er wollte nur einen Blick hineinwerfen. Aber – ist es die Wahrheit, das hier so hinzuschreiben? Hatte er nicht von Anfang an ein Buch aus dem zweirädrigen Wagen hervorziehen wollen, das dann ganz einfach das seine werden würde, und war letztlich nicht das Sc... lesen


Franziska Bauer | Amena ist ein schöner Name

Über die mögliche Freude am Lernen.

Darf ich meiner Mama beim Lernen helfen?“ Das Mädchen, das sich an Amena schmiegte, mochte etwa neun Jahre alt sein. Amena hatte ihre kleine Tochter Rubabwe in den Alphakurs mitgebracht. Offenbar befürchtete sie, das Lesen alleine nicht erlernen zu können. „Ja, sicher darfst du. Du hast ja das Lesen und Schreiben schon bei uns in der Schule gelernt?“, fragte ich zurück. Rubabwe nickte. Die Lerngruppe bestand aus drei schüchtern l... lesen


lisa ndokwu | Die Leserin

Welt erlesen ist eine Alternative

Die Autorin Ama Ata Aidoo wendet sich zu Beginn ihres Romans Die Zweitfrau mit einem Geständnis an ihre Leserinnen und Leser: „Vor einigen Jahren, als ich ein klein bisschen älter war, […]“. Ama Ata Aidoo schreibt so poetisch, wie ihr Name klingt, und liest sich so leicht und so schwer, wie ihr Geständnis widersprüchlich ist. Sie ist eine der wenigen Schreibenden, die eine direkte Botschaft an ihr Lesepublikum richten Vor etwa zwan... lesen


walburga fröhlich | Von Begabungen und Beschränkungen

Warum das eine und das andere immer eine Frage der Zeit ist.

Man kann in unserer Zeit handwerklich völlig unbegabt sein. Man darf weder eine Schraube in die Wand drehen nochselbst für sich kochen oder eine Socke stopfen können. Man kann alles Mögliche nicht können, ohne besonders abwertende Kommentare fürchten zu müssen. Ja, in gewissen Kreisen gilt es regelrecht als schick, etwa keinen einzigen Gesellschaftstanz zu beherrschen, und selbst ausgewiesenen Bildungsbürgern ist es erlaubt, kein Mus... lesen


Uta Hauthal | Zeit zur Sommerlese

Die Poesie-Tankstelle lädt zum gemeinsamen Hören und Empfinden.

Jetzt, im späten Herbst 2017, erinnere ich mich an die Wochen, in denen ich auf Reisen war, quer durch die Schweiz und durch Ostsachsen: Ich bin mit meinem Fahrrad und daran befestigtem handgeschriebenem Schild „Poesie-Tankstelle“ an eher unpoetische Orte gefahren, habe mich auf Straßen, Marktplätze, vor Cafés gestellt und die Vorübergehenden gefragt: „Haben Sie Lust auf ein Gedicht?“ oder: „Kann ich Sie mit einem Gedicht erfreu... lesen


wolfgang gulis | Selbst-Behauptung

Ein Suchttagebuch.

Prolog: Donauland! Die Buchgemeinschaft Donauland ist schuld oder verantwortlich, je nach Sichtweise. Da bin ich mir ganz sicher. Anders kann ich mir es nicht erklären, dass Bücher in die Regale des Wohnzimmerverbaus meiner Eltern gekommen sind. Durch Besuch einer Buchhandlung sicher nicht! Mein Vater hat nie eine Buchhandlung von innen gesehen. Manche fragen sich vielleicht, what the hell is Donauland? Das ist eine sogenannte Buchg... lesen


harald a. friedl | Reisen ist Lesen in der Welt

Über Bücher als geistige Survival-Kits für schwierige Zeiten.

Ich reise stets mit schwerem Gepäck. Für eine mehrwöchige Reise in die Wüste etwa bedarf es neben zwei T-Shirts, einer Jacke und einer ordentlichen Trinkflasche mindestens sieben Bücher. Auf Nahrung kann man notfalls für ein paar Tage verzichten. Abends aber, wenn das Lagerfeuer tanzende Schatten an die roten Felsen wirft und der Mond die Dünen mit milchigem Licht übergießt, dann brauche ich meine Ration Lesestoff. Droht dieser auszugeh... lesen


harald darer | Literatur am Wasserklosett

Über die Melancholie der letzten Sätze.

Aber an K.s Gurgel legten sich die Hände des einen Herrn, während der andere das Messer ihm tief ins Herz stieß und zweimal dort drehte. Mit brechenden Augen sah noch K., wie die Herren, nahe vor seinem Gesicht, Wange an Wange aneinandergelehnt, die Entscheidung beobachteten. „Wie ein Hund!“, sagte er, es war, als sollte die Scham ihn überleben. Das waren die letzten Sätze aus Franz Kafkas Roman Der Prozess , die ich Dutzende... lesen


claus philipp , veronica kaup-hasler | Erzähl weiter

Über den gemeinsamen Akt des Vorlesens

Kannst du dich noch erinnern an das erste Buch, das wir einander vorgelesen, gemeinsam gelesen haben? Da waren so viele ... Die Wahlverwandtschaften? Das war das zweite. Das erste war interessanterweise ein Buch, das wir bis heute nicht zu Ende gelesen haben: Roberto Calassos Die Hochzeit von Kadmos und Harmonia . Irrsee, Sommer 2007. So lange ist das her? Eigentlich ungewöhnlich, dass wir ein Buch nicht fertiggelesen haben. A... lesen


bernhard horwatitsch | Dichterleuchten

Um zu lesen, braucht man Licht.

München leuchtete. Über den festlichen Plätzen und weißen Säulentempeln, den antikisierenden Monumenten und Barockkirchen, den springenden Brunnen, Palästen und Gartenanlagen der Residenz spannte sich strahlend ein Himmel von blauer Seide, und ihre breiten und leichten, umgrünten und wohlberechneten Perspektiven lagen in dem Sonnendunst eines ersten, schönen Junitags. - Thomas Mann, Gladius die Wir lesen Romane sind... lesen


timo brandt | Das Aufbewahrte

Solange wir ein Buch aufschlagen und zuhören, gibt es noch etwas.

Über meiner Bettcouch ist ein Licht angebracht worden, damit ich nur an der Schnur zu ziehen brauche, wenn nachts geschossen wird. Im Augenblick geht das aber nicht, da unser Fenster Tag und Nacht spaltbreit geöffnet ist. […] Mit Vater bin ich jetzt damit beschäftigt, einen Stammbaum seiner Familie zu machen, und dabei erzählt er etwas von jedem. […] Als ich neulich etwas über Frau van Daan schrieb, kam sie gerade ins Zimmer. Klapp... lesen


christoph dolgan | Lest Martin Sellner

Von Herrensignifikanten und Untertiteln.

Ein Mensch, dem wir seine lustige Seite abgewinnen können, die andere darf er behalten. -Elfriede Jelinek, Totenauberg Vor etwas mehr als zwei Jahren habe ich, warum immer, damit begonnen, Martin Sellner zu lesen. Nicht sein Opus magnum Identitär! Geschichte eines Aufbruchs , sondern seinen YouTube-Vlog. Ja, Vlog, auch ein solcher kann und will gelesen werden. Möglich wird dies dank der von YouTube zur Verfügung gestellten Unterti... lesen


birgit mattausch | Eine Art Freiheit

Dazwischen, genauer gesagt daneben.

Anfang der Achtziger – ich studierte gerade eine afrikanische Sprache, zu deren Sprechern uns private Kontakte untersagt waren und in deren Land ich wegen Parteilosigkeit nicht reisen durfte – stellten Gäste aus dem Westen die Frage, ob wir es nicht für schizophren hielten, am Frühstückstisch in Leipzig-Gohlis zu sitzen, aus dem Fenster zu schauen und dabei Nachrichten und Wetterbericht aus dem Ruhrpott oder dem Schwarzwald zu hören. Di... lesen


doris neidl | How to get sexy?

Lies ein Buch.

Neulich in der U-Bahn musste ich plötzlich laut lachen, als ich ein Buch gelesen habe. Eigentlich war das Buch traurig, über die mühevolle Reise eines flüchtenden Menschen, doch diese eine Szene war wirklich lustig. Ich lachte und die zwei älteren Damen (ich meine, ich gehöre ja auch nicht gerade zum jungen Eisen) nickten freundlich und die eine Dame sagte zur anderen: „Mei liab. Die liest a Buach und lacht auch noch. Des sieht ma heutzu... lesen


peter iwaniewicz | Wenn Fliegen hinter Fliegen fliegen

Eine kurze Einführung in die Semiotik der Natur.

Sorgfältig betrachtete ich Winnetous Stapfen. Sie waren tief eingedrückt, tiefer als vorher. Es kam nun darauf an, Spuren zu finden, freilich nicht unten an der Erde, sondern ich musste sie weiter oben suchen. So fand ich an mehreren Stellen abgebrochenes Gezweig und beschädigte Blätter, also Zeichen, die nicht hätten entstehen können, wenn Winnetou allein hier gegangen wäre. Seitdem Karl May in seinen Erzählungen das Interpretiere... lesen


martin stein | Der Kleinverleger

Über einen Beruf, der schon abwertend klingt

„Schreiben Sie doch mal einen Text über Kleinverleger.“ Immer gerne, kein Ding, hat man ja quasi eh schon so gut wie fertig ausformuliert im Hinterstübchen. „Schreiben Sie doch mal einen Text über Kleinverleger. Vermeiden sie dabei die Begriffe Gewinnerzielungsabsicht, Selbstausbeutung, Establishment und Mainstream.“ Schon wird’s anstrengend. Aber bevor man mühsam im Synonym-Wörterbuch herumblättert und auf das Benutzerhandbuc... lesen


birgit pointner | Mieten statt Kaufen

Der Lesezirkel im Wandel der Zeit.

Cholera- und Diphteriekeime, Schwindsucht und Pocken als Gefahr für die gesamte ahnungslose Familie: 1901 wurde mit harten Bandagen gegen die Lesezirkel gekämpft. Diese waren damals gerade wirtschaftlich erblüht, und im Novitäten-Anzeiger für den Colportage-Buchhandel wehrte man sich mit einer regelrechten publizistischen Kampagne dagegen. In dieser Kampagne spielte auch das Hygiene-Argument eine Rolle: Immerhin gingen die Zeitschriften woc... lesen