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Gegen die Welt, gegen das Leben

„Wer das Leben liebt, liest nicht“, behauptet Michel Houellebecq in einem frühen Buch zu H. P. Lovecraft.


Michel Houellebecq: Gegen die Welt, gegen das Leben

Gegen die Welt, gegen das Leben

DuMont: Köln 2002

Rezensiert von: christoph laible


Lange bevor Michel Houellebecq mit den Elementarteilchen berühmt wurde, widmete er sich in einem 120-Seiten-Essay der Figur und dem Werk des H. P. Lovecraft. Nun gibt es unzählige Biografien über den Ausnahmeautor, der mit Recht als einer der wichtigsten und besten Horrorschriftsteller bezeichnet werden kann. Was an Gegen die Welt,gegen das Leben jedoch besonders ist und fasziniert, ist der Umstand, dass ein großer Misanthrop über einen noch größeren schreibt, sich damit Blickwinkel auftun, die vielen Lovecraft-Lesern bisher wohl verborgen blieben und die damit sowohl Neues über den Biografierten als auch über den Biografen selbst erfahren.

Zum Buch: Die deutsche Neuauflage von 2002 enthält ein Vorwort, in dem Houellebecq über seinen 1991 erschienenen Essay reflektiert, den Leser über die Umstände und Motivation seiner Entstehung aufklärt und in das erste Kapitel, in „Ein neues Universum“, einführt. Das ist nicht nur für Lovecraft-Fans hochinteressant, sondern auch für all jene, die eine Schwäche für Außenseiter und für das Extreme haben. Wir lernen Lovecraft als jungen Mann kennen, der mit seinem Denken und (Nicht-)Handeln eine radikale Absage an die Welt erteilt. Einen Menschen, der an nichts glaubt, nichts tut und sich in den niederschmetternden Erkenntnissen seines Nihilismus masochistisch suhlt, bis er seine Passivität überwindet und jene Erkenntnisse in geniale Erzählungen überführt; einen Mythos schafft, der erst posthum in alle Winkel der Popkultur einsickert und zahlreichen Autoren als Stoff für ihre Bücher dient und stetig fortgeschrieben wird.

Houllebecq pflichtet dabei der Absage des hageren Amerikaners an das realistische Schreiben bei, was im Blick auf sein eigenes Werk verwundert. Lovecrafts Ausspruch „Ich bin der Menschheit so überdrüssig, dass mich nichts interessieren kann, wenn es nicht wenigstens zwei Morde pro Seite gibt oder um namenlose Schrecken geht, die aus äußeren Welten kommen“, ergänzt Houellebecq um „Wir brauchen ein unfehlbares Mittel gegen alle Formen von Realismus“. Später wird er diesen Realismus zum Kern seiner eigenen „Horrorliteratur“ machen. Seine Figuren werden sich durch eine entzauberte Welt bewegen. Liebe, Freundschaft und Religion sind dort auf dem Altar rationaler Erkenntnis geopfert und er wird die Protagonisten bei der Suche nach einem Ausweg aus dieser Leere,sei es durch hedonistische Zerstreuung (Ausweitung der Kampfzone, 1994), eine fremde Religion (Unterwerfung, 2015), ausgerechnet durch Wissenschaft (Elementarteilchen, 1998) oder eine unsägliche Kombination aller drei (Die Möglichkeit einer Insel, 2005), der Lächerlichkeit preisgeben.

Und dennoch behauptet der junge Houellebecq hier sogar „Wer das Leben liebt, liest nicht“. Literatur als Flucht vor der Schwere der Welt. Doch weshalb flüchten wir uns nicht in ein angenehmes Universum? Weshalb lockt uns der von Lovecraft erschaffene Kosmos, in dem der Mensch noch hilfloser, noch alleingelassener ist, derart? Dieser Widerspruch bleibt auch Houellebecq nicht verborgen, und dass er als Antwort nur „Teufel oder Nyarlathotep, das ist unwichtig, aber den Realismus ertragen wir keine Minute länger“ findet, steht für die fast mystische Anziehungskraft des Werkes und der Person von Howard Phillips Lovecraft.

Im nächsten Überkapitel widmet sich Michel Houellebecq den literarischen Techniken des Horrormeisters. Dabei läuft er nicht Gefahr, in den Duktus eines Literaturwissenschaftlers zu verfallen, dem immer eine gewisse Entzauberung innewohnt. Demütig verneigt sich der Franzose, der sich selbst einmal als hässliche alte Schildkröte beschrieb, vor der Schönheit lovecraftscher Prosa. Auch nimmt er ihn vor wiederkehrenden Angriffen in Schutz, er sei im Grunde ein zwar phantasievoller, aber schlechter Schriftsteller gewesen mit überbordendem Hang zu Adjektiven. „Ich sah das Grauen und das heillose Alter Ägyptens und die grausige Allianz, die es immer mit den Gräbern und Tempeln der Toten geschlossen hatte. Ich sah geisterhafte Prozessionen von Priestern mit den Köpfen von Stieren, Falken, Katzen und Ibissen; geisterhafte Prozessionen, die endlos durch unterirdische Labyrinthe und titanische Säulenhallen marschierten, neben denen der Mensch eine Mücke ist, und unbeschreiblichen Göttern unnennbare Opfer darbrachten. Steinkolosse marschierten in nicht endender Nacht und trieben Herden grinsender Androsphingen zu den Ufern unermesslicher stockender Pechflüsse. Und hinter alldem sah ich die unsägliche Verruchtheit uranfänglicher Nekromantie, schwarz und amorph, und in der Dunkelheit mir hinterhertappend, um dem Geist das Maul zu stopfen, der es gewagt hatte, sie mit seinem Wetteifer zu verhöhnen.“

Für Houellebecq sind solche Passagen, die bei Advokaten dessen, was allgemein als guter Stil gilt, zu Gänsehaut führen dürften, die Höhepunkte, auf die Lovecrafts Geschichten zulaufen, um sich in „Raserei“ und in „Ausrufen reinsten Wahnsinns“ zu verlieren. Sätze wie „Nilpferde dürfen keine menschlichen Hände haben und Fackeln tragen“ erscheinen dann aus der Panik eines Fiebertraums geboren und lösen genau das aus, was gute Horrorliteratur ausmacht: absolutes Unbehagen und Irritation. Houellebecq hält dazu fest, „Wenn sein Stil erbärmlich ist, kann man daraus munter folgern, dass der Stil in der Literatur nicht die geringste Bedeutung hat – und zu etwas anderem übergehen“, was er sogleich tut.

Denn auch auf die lovecraftsche Eigenart, ein umfangreiches wissenschaftliches Vokabular zu verwenden, wird vor allem am Beispiel der Berge des Wahnsinns eingegangen. „Je monströser und unbegreiflicher die beschriebenen Ereignisse und Wesen sind, um so präziser und klinischer ist die Beschreibung“, vermerkt Michel Houellebecq zu dieser Technik. Indem Lovecraft präzise Breiten- und Längenmaße, Daten und Datumsangaben verwendet, erscheint das fantastische Geschehen erst in seiner ganzen Unvorstellbarkeit. Die Relation zwischen uralten Wesen und der präzisen Datierung ihrer Entdeckung, zwischen Bekanntem und Unbekanntem, zwischen Jetzt und Unendlichkeit, erschafft ein Gefühl des Schwindels. In diesem Kontrast, der für Lovecrafts Werk elementar ist, schälen sich die Konturen des „namenlosen Schreckens“ umso schärfer heraus. Und wenn man Houellebecqs Behauptung folgt, dass, wer das Leben liebt, nicht liest, lässt sich hier eine Antwort finden, weshalb sich auch ein Leser ohne Hang zum Masochismus ausgerechnet in ein so unwirtliches Universum flüchten sollte.

„Jeder Rationalismus tendiert dahin, den Wert und die Bedeutung des Lebens herabzusetzen und die Gesamtmenge menschlichen Glückes zu verringern. In vielen Fällen kann die Wahrheit zum Selbstmord führen oder zumindest eine fast selbstmörderische Depression auslösen“, schreibt Lovecraft in einem Brief. Indem er also den Beschreibungen der Topografie, des wissenschaftlichen Gerätes und Vokabulars das Irrationale, das absolut Böse entgegensetzt, sprengt er jenen unerträglichen Rationalismus total. Seine Protagonisten klammern sich beim Anblick von Architektur, die allen geometrischen Regeln zuwiderläuft, von Wesen, die eine Negation naturwissenschaftlicher Gesetzmäßigkeiten verkörpern, an ihr Wissen, das auf rationalen Erkenntnissen beruht, bis sich ihr Verstand und damit die Regeln der uns bekannten Welt in reinem Wahnsinn auflösen. Er stellt sich „gegen die Welt und gegen das Leben“. Was sollte jene, die des Lebens in dieser Welt überdrüssig sind, glücklicher machen? Das letzte Überkapitel trägt den Namen „Holocaust“ und hat es in sich. Dass Howard Phillips Lovecraft ein übler Rassist und zumindest zeitweise ein Hitlerbewunderer war, ist allgemein bekannt. Doch sind es zwei Dinge, die an diesem letzten Kapitel erschrecken. Zum einen die ungemeine Vulgarität, in der sich der sonst so Feingeistige in Vernichtungsfantasien mit Giftgas von Rassen ergeht, die er als minderwertig erachtet. Und zum anderen, dass dieser Wesenszug untrennbar mit der Kraft seines Werkes verwoben ist. Sein Rassismus kann nicht isoliert betrachtet werden, wie das bei den Büchern Louis Ferdinand Celines möglich ist, sondern ist der fruchtbare Boden, der seine Geschichten nährt.

Als Lovecraft mit seiner Ehefrau nach New York zieht und grandios dabei scheitert, einen Erwerb zu finden, bricht sich sein Rassenhass erstmals Bahn. Er, der Gentleman angelsächsischer Herkunft, sieht sich Konkurrenten aus aller Herren Länder ausgesetzt, die sich im Melting Pot des Amerikas der 1920er viel besser zurechtfinden. Ein Scheitern, an dem auch seine Ehe zu Grunde gehen soll und ihn mit Hass zurücklässt auf diese „stinkende und amorphe Bastardwelt“ von New York, die Welt der Moderne.

Houellebecq arbeitet einleuchtend heraus, wie diese Einstellungen in Lovecrafts Werk einflossen und ihm Antrieb gaben. Wie der Moloch ihm als Vorbild diente für schreckliche Städte, bewohnt von degenerierten, animalisch-kräftigen Kreaturen, die dem schwächlichen gebildeten Protagonisten nach dem Leben trachten. Kultivierte Universitätsprofessoren werden Opfer uralter Wesen, fischartiger Ungetüme und deren Diener, die oftmals Mischlinge oder Schwarze sind. Lovecrafts Motiv für Rassenhass ist demnach in Furcht vor dem Fremden und dem Unbekannten begründet, seine Protagonisten mehr oder weniger Abbilder seiner selbst. Es liegt nahe, dass derjenige, der diese Furcht vor dem Anderen in einem Maße wie Lovecraft verinnerlicht hat, fähig ist, von ihr zu berichten, was das Hauptmotiv sämtlicher Horrorliteratur sein muss. Und das hat er wie kein anderer getan. Gegen die Welt, gegen das Leben ist ein kurzes und ein kurzweiliges Buch, das so widersprüchlich ist wie die beiden Autoren selbst. Ein Buch, das Liebhaber von Houellebecq und Lovecraft (und beides fällt oftmals zusammen) verschlingen werden. Es ist ein Buch, das zwar kein „Schlüssel zum literarischen Schaffen des wichtigsten französischen Autors der Gegenwart“ ist, wie im Klappentext behauptet wird, aber eines, das auf 120 Seiten die Psyche seines Verfassers und des Biografierten verdichtet und eine misanthropische Gedankenwelt aufschließt, die sie teilen. Es scheint, als habe Lovecraft posthum endlich einen gefunden, der ihn versteht. „Wer das Leben liebt, der liest nicht“, sagt Houellebecq. Im Fall der beiden Autoren trifft zumindest zu: Wer das Leben liebt, der schreibt nicht.