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Gotteserlebnis

Thomas Northoff importierte lange vor Arno Geiger ein Nilpferd nach Wien.


Thomas Northoff: Schmutz und Schund. Geschichten über Gott und die Welt.

Gotteserlebnis

Hannibal: Wien 1983

Rezensiert von: dominika meindl


[ Anm.d.Red.: Folgende Rezension ist aus der Reihe VERGILBT BUT NOT FORGOTTEN ]

Um mich zu testen, drückte mir einst ein interessanter Kollege zwei Bücher in die Hand. Das zum Glück nicht vergriffene "QQ" von Max Goldt sowie das reichlich vergilbte "Schmutz und Schund". Die beiden geheimen Testaufgaben habe ich dann offensichtlich bestanden (1. Alles unversehrt innerhalb der gebotenen Zeit retournieren, 2. Die Texte gut finden). Neun Jahre später suche ich in der gemeinsamen Wohnung nach dem test piece Northoffs. Vage erinnere ich mich an allerhand blumige Erzählungen von Exzess und Inwendigkeit.

Die Erzählungen entstanden zwischen 1974 und 1982, etliche erschienen in der "Volksstimme", in der "Arbeiterzeitung" oder im "Wespennest". Northoff, 1947 in Wien geboren und immer noch dort lebend, ist nicht allein Schriftsteller und Fot/ograf, sondern Graffiti-Forscher von Graden. Seit 1983 arbeitet er an seinem urbansemiotischen literarischen Endlosprojekt "StadtLeseBuch/Letztes VolksBuch" und verwaltet das österreichische „GraffitiArchiv“. Der Hannibal-Verlag, in dem Northoffs Bücher erschienen, ist in der Zwischenzeit nach Deutschland gewandert und nennt sich heute „Der Verlag der Stars“; man veröffentlicht erfolgreich Musikerbiographien (Michael Jackson, 50 Cent). Man wird mittlerweile wohl auch genug Geld für ein Lektorat haben. Was der historische Text aber vor Tippfehlern strotzt, überstrahlt er mit Fotos von Gottfried Helnwein (!).

"Schmutz und Schund" also. „Ich habe Gott gesehen!“ schildert natürlich keine Theophanie, sondern die hinterfotzige Beiwohnung eines Konzerts von Karel Gott, als der noch als „Sinatra des Ostens“ galt. „Das Publikum rotiert nach den Gegebenheiten des Alters … So manches Ehepaar reicht sich seit Jahren erstmals wieder die Hände und gehört zusammen.“ Gott bringt eine „verjazzte Biene Maja“ und „kennt das Ragout namens Familienprogramm“.

Dem Gotteserlebnis folgt eine stupende Vielfalt an Textsorten. Eine garstige Lausbubengeschichte über eine Weihnachtsfeier im Wiener Blindenverein, eine rechtschaffen grünbewegte, sehr nachdenklich stimmen wollende Parabel zur Umweltzerstörung. Ein Hörspiel über die Fadesse der unterforderten Hausfrau, ein empathischer Reisebericht aus Sri Lanka. Nicht jeder Text ist gut gealtert. Viele der eher experimentellen Montagen und Dramolette hatten Anfang der 1980er wohl höhere Sprengkraft. Herrlich aber dann wieder die Moritat vom Wilderer, dem der Leu im Wienerwald die Brust zerfetzt hat und der im Sterben Läuterung gelobt. Es spricht der Erzähler: „ein mensch wurde der welt gewonnen!“

Northoff ist stark, wo er den hohen Ton mit dem derben Spruch vermählt, zuweilen schwingt er sich gar zum urbanen Hödlmoser auf. Paradetext ist „Ohnsorg Hasenhündel“, das Romanfragment aus dem Tierwärtermilieu. Lange vor Arno Geiger importiert er ein Nilpferd nach Wien und schenkt uns fein zum Thema passende Lyrik:

Der Löwe mit der Quaste

am Schwanz, sie baumelt wild,

der Löwe niemals rastet,

bis auch er vergilbt.

Dann allerdings geht’s hinab in die Niederungen des Alkoholmissbrauchs, es folgen sehr grobe Szenen, es wird viel gespieben und ... Milde Vergesslichkeit hatte sich über diese intensiv geschilderten Körperereignisse gebreitet. Ich konfrontiere den interessanten Kollegen mit meinem Erstaunen, was er mir damals zugemutet habe. „Ohja!“, lacht er, „großartige Widerlichkeit!“ Da lache ich mit, denn angesichts der sauberen Ärztekinderliteratur der vergangenen Jahre (die Autorin ist hier selbstkritisch) muss einen die ordinäre Volksnähe wahrlich erfrischen.