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andreas r. peternell , hannes luxbacher | Lesen und lesen lassen

Nachdem wir uns im letzten Heft ausgiebig und durchaus selbstreferenziell dem Schreiben gewidmet haben, dürfen wir Ihnen nun die Ausgabe zur Komplementärkompetenz vorlegen: Denn wozu schreiben, wenn es niemanden mehr gibt, der das Ganze auch lesen kann? Doch Gott sei Dank – des Lesens Mächtige gibt es viele, und Herangehensweisen, was Lesen heutzutage noch sein kann, ebenso: Ist es Therapie? Emanzipation? Ist es Identitätsbildung, Verortung innerhalb einer Gesellschaft? Oder ist es einfach nur Zeitvertreib, je nach Lektüre schnöde Unterhaltung, intellektuelle Gaukelei oder eskapistische Weltflucht? Ist Lesen gar Widerstand?

Zumindest Voraussetzung, Widerstand überhaupt leisten zu können, meint Andrea Scrima. Lesekompetenz sei, so betont sie, die allerwichtigste Kompetenz und eine zentrale Kulturtechnik: Lesen hilft Jugendlichen, die vielen subtilen und weniger subtilen Durchsetzungsmanöver von Autorität und Macht zu durchschauen; es hilft ebenso, die jüngere Generation mit Kritikfähigkeit auszustatten. Zunächst einmal ist die Kulturtechnik „Lesen“ jedoch trotz oder gerade wegen zunehmender Digitalisierung Grundvoraussetzung, sein Leben halbwegs gestalten zu können, wie Franziska Bauers kurzer Beitrag aufzeigt. Walburga Fröhlich, international anerkannte Expertin wenn es um Fragen zum Thema „Leichter Lesen“ geht, sieht im Lesen auch den zentralen Aspekt der Teilhabe – wer nicht lesen kann, wer die Inhalte eines gewissen Kanons oder nur der Konsensliteratur einer gewissen Peergroup nicht kennt, ist auch von Teilen des gesellschaftlichen Lebens ausgeschlossen.

„What the hell is Donauland?“ fragt Wolfgang Gulis in seinem Suchttagebuch – eine sogenannte Buchgemeinschaft 3übrigens, für all jene, denen der Begriff tatsächlich unbekannt ist. Andere Beispiele sind Club Bertelsmann oder Büchergilde Gutenberg, die hier ganz subjektiv empfohlen sein soll. Donauland jedenfalls, um wieder zu Gulis zurückzukommen, sei Schuld daran, dass Bücher in die Wohnung seiner Eltern Einzug gehalten haben. Umso erstaunlicher das Panorama, das er in weiterer Folge auffächert, und sein sich immer mehr steigerndes Lesesuchtverhalten schildert. Dirk Werner überprüft anhand seines Deutschbuchs, ob man damit Jugendliche locken, heranziehen, gar begeistern kann – und kommt zum ambivalenten Schluss: man könnte! Harald Darer wiederum widmet sich der Kategorie Schlusssätze in der Weltliteratur und vertraut uns auch den Satz an, der ihm für sein Lebensende vorschwebt. Christoph Dolgan nähert sich über die Spracherkennungssoftware von youtube den Äußerungen des österreichischen Identitären Martin Sellner während Peter Iwaniewicz in seiner kurzen Einführung in die Semiotik der Natur die betrübliche Information teilt, dass Kinder deutlich mehr Fantasiewesen des Computerspiels Pokémon kennen als reale Tierarten.

Brandneu und explizit nicht aktuellen Büchern gewidmet ist die Rubrik „vergilbt but not forgotten“, in der Autorinnen und Autoren über für sie zentrale Bücher schreiben. In der ersten Auflage dieser Rubrik holten Bettina Balaka, Dominika Meindl, Werner Schandor, Beate Tröger, Sibylle Schleicher und Wolfgang Pollanz alte und vergriffene Bücher aus ihren Regalen. Natürlich finden Sie wie gewohnt auch zahlreiche Rezensionen zu aktuellen Titeln aus deutschsprachigen Klein- und Kleinstverlagen im Heft. Wir wünschen viel Vergnügen beim Durchlesen.

Hinweis: Die Texte der Ausgabe werden in den kommenden Tagen auszugsweise hier veröffentlicht.