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Literatur am Wasserklosett

harald darer | Literatur am Wasserklosett

Über die Melancholie der letzten Sätze.

Aber an K.s Gurgel legten sich die Hände des einen Herrn, während der andere das Messer ihm tief ins Herz stieß und zweimal dort drehte. Mit brechenden Augen sah noch K., wie die Herren, nahe vor seinem Gesicht, Wange an Wange aneinandergelehnt, die Entscheidung beobachteten. „Wie ein Hund!“, sagte er, es war, als sollte die Scham ihn überleben.

Das waren die letzten Sätze aus Franz Kafkas Roman Der Prozess , die ich Dutzende Male gelesen habe und wahrscheinlich noch weitere Dutzende Male lesen werde, und zwar in meinem Letzte-Sätze-Refugium, dem Wasserklosett in meiner Wohnung, dem einzigen Ort, in dem das romantische Menschenrecht der Privatsphäre noch Gültigkeit zu haben scheint. Aber warum eigentlich? Letzte Sätze, meine ich. Geht etwas zu Ende, werden die meisten Menschen emotional, vor allem wenn es das eigene Leben ist. Leserinnen und Leser von Büchern sind im Laufe ihres Lebens mit vielen Enden konfrontiert. Mit schockierenden, enttäuschenden, traurigen, zuversichtlichen. Mit den letzten Sätzen enden die Bücher, der Deckel wird zugeklappt. Doch diese Sätze wirken nach. Oft jahrelang.

Schon als Kind breitete sich, je näher das Ende des Buches, das ich gerade las, heranrückte und die Seiten auf der rechten Seite weniger wurden, ein melancholisches Gefühl in mir aus, der Ärger über einen Verlust, den man zu erleiden und den man nicht selbst verschuldet hatte. Dann das Nachzählen der verbliebenen Seiten: wie viele noch? Wie bitte? Nur mehr so wenige? Wie soll darin alles gesagt sein? Das Hinauszögern des Endes durch langsames Kauen der Sätze und Wörter. Trotzdem, schlussendlich und unvermeidlich: der letzte Satz – ein Fallbeil. Irgendwas schien tatsächlich für immer verloren, nachdem ich den letzten Satz gierig runtergeschluckt hatte und der mich trotzdem mit leerem Magen zurückließ. Ich versuchte mich mit neuen Büchern und frischen ersten Sätzen zu trösten, aber auch die endeten natürlich wieder in den alles zerstörenden letzten Sätzen. Das Lesen von Büchern wurde mir durch die letzten Sätze verleidet, deshalb hörte ich auf damit, Bücher zu lesen und hielt das auch eine Zeit lang durch. Nein, lesen ist nicht lebenswichtig, im Gegenteil, die letzten Sätze und industriell hergestellten Lesemittel verdarben mir nur den Magen. Das Einzige, was ich lesen konnte, war die von meinen Eltern abonnierte sogenannte Kleine Zeitung . Diese Kleine Zeitung war dann auch schuld an meiner bis heute andauernden Abhängigkeit nach letzten Sätzen, obwohl oder vielleicht auch gerade weil der letzte Satz des Gedichtes, das ich als Zwölfjähriger in der Allerheiligen-Ausgabe der Kleinen Zeitung gelesen habe, gleichzeitig der erste Satz des Gedichtes gewesen ist und so ging:

Das Tor, durch das er dann geschritten, lag stumm und dunkel ganz und gar, er war ein Kind aus Favoriten und hieß Matthias Sindelar.

Friedrich Torberg ist darunter gestanden. Gut, das war nur ein Gedicht, das ich gleich einmal auswendig gelernt gehabt hatte, aber jede Leidenschaft fängt einmal klein an, und die Wirkung auf mich war damals bei dem Gedicht von Friedrich Torberg über die Tragödie des Matthias Sindelar dieselbe wie später bei größeren Werken: Ich lese die letzten Sätze und habe sofort ein gesamtes Panoptikum von Emotionen und Bildern des Romans in mir aufgeblättert.

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