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birgit pointner | Mieten statt Kaufen

Der Lesezirkel im Wandel der Zeit.

Cholera- und Diphteriekeime, Schwindsucht und Pocken als Gefahr für die gesamte ahnungslose Familie: 1901 wurde mit harten Bandagen gegen die Lesezirkel gekämpft. Diese waren damals gerade wirtschaftlich erblüht, und im Novitäten-Anzeiger für den Colportage-Buchhandel wehrte man sich mit einer regelrechten publizistischen Kampagne dagegen. In dieser Kampagne spielte auch das Hygiene-Argument eine Rolle: Immerhin gingen die Zeitschriften wochenlang von Hand zu Hand, wer dann noch „nach Art der Franzosen“ die Angewohnheit hatte, „beim Umwenden der Blätter die Finger am Munde zu benetzen“, begab sich in große gesundheitliche Gefahr, warnte das Branchenblatt. Denn während die Franzosen ihre Zeitschriften brav käuflich erwarben, hatte man hierzulande angeblich kein Geld und zog es vor, den Lesestoff gegen Gebühr für ein bis zwei Wochen auszuleihen und dann wieder weiterzugeben. Die fahrenden Buchhändler hörten an den Haustüren immer öfter den gefürchteten Satz: „Wir sind im Lesezirkel.“ Nicht nur in den rund 4.000 Kaffee- und Gasthäusern in Wien blitze man immer öfter ab, klagte man, auch in den Privathaushalten, in denen man früher noch fünf bis sechs Zeitschriften an den Mann gebracht hatte, werde nun gerade einmal großzügig ein Modejournal für die Dame des Hauses gekauft. Diverse Krankheitskeime waren den Familien offenbar egal. „Selbstverständlich ziehen die Parteien das Billigere vor!“ Es war zum Verzweifeln. Man appellierte an die Verleger, die Gefahr doch endlich zu erkennen und ihre Produkte nicht mehr zur Verfügung zu stellen. Der Appell verhallte ungehört, schließlich waren die Lieferungen für die Verleger ein gutes Geschäft.

Deren Abnehmer waren damals Leihbüchereien und Buchhandlungen. 1872 etwa hatte die Wagner’sche Universitätsbuchhandlung in Innsbruck begonnen, diverse Monats- und Wochenzeitschriften als Paket anzubieten. Der „Journal-Lesezirkel“ verstand sich als Angebot „besonders für Herren, die keine öffentlichen Lokale zu besuchen pflegen, Frauen und Familien“. Das Angebot reichte von A wie "Alpenfreund" bis Z wie "Zeitschrift für bildende Kunst", auch Zeitschriften aus Frankreich und England bot man an. Ein Jahr später freute man sich über das Interesse der Kunden, erweiterte das Angebot und erhöhte den Preis. Doch der sei immer noch deutlich niedriger als ein Einzel-Abonnement. Der Slogan „Mieten statt Kaufen“ war noch nicht erfunden.

Das Werben um die Kundschaft beherrschte man aber bereits: Eduard Weigers Lesezirkel in Wien bewarb 1910 seine „Journale mit teils belehrendem, teils unterhaltendem Inhalt“ mit dem Hinweis, dass man nach mühevoller Tagesarbeit schließlich nicht nur dem Körper, sondern auch dem Geist Ablenkung bieten müsse. Aber auch wenn man Ferien von der Tagesarbeit machte, wurde man versorgt: Geliefert wurde der Lesezirkel nämlich auch in die Sommerfrische-Orte in der Nähe von Wien, etwa nach Kritzendorf oder Bad Vöslau.

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