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Nichteuklidische Unterhaltungsliteraturen

Über drei Veröffentlichungen des Ritter-Verlags.


Zauner | Divjak | Ingold: | 99.144 gedichtnasenlöcher schießen auf mich bis alles passt.| Tamagotchi Tanzmusik.| Niemals keine Nachtmusik. Gedichte. |

Ritter: Klagenfurt 2017

Rezensiert von: stefan schmitzer


Hansjörg Zauners Band 99.144 gedichtnasenlöcher schießen auf mich bis alles passt stammt noch von Ende 2016. Dennoch ist der Band in dem uns vorliegenden kleinen Stapel von aktuellen Publikationen des Ritter-Verlags keineswegs fehl am Platz. Es handelt sich nämlich um die letzte Buchpublikation des in der Zwischenzeit zu jung verstorbenen Autors, der als Mitverantwortlicher für ein ganz bestimmtes Paradigma österreichischer Gegenwartsliteratur bezeichnet werden darf, eines, das insbesondere im Ritter-Verlag mit über die Jahre zunehmender Fokussiertheit reproduziert wird. Wir werden nicht völlig fehlgehen, wenn wir dieses Paradigma, dem auch die beiden neueren Bücher des zu bearbeitenden Bücherstoßes angehören, als formal reflektierte, nicht-narrative Unterhaltungsliteratur beschreiben.

Zauners 99.144 gedichtnasenlöcher nun im engeren Sinne zu „rezensieren“, erscheint indes verfehlt: Jene Leser*innen, die wissen, wen Österreich mit ihm verloren hat, werden sich ein Exemplar seines letzten Groß-Spaßes entweder schon zugelegt haben oder ganz unabhängig vom Inhalt einer schnöden schreibkraft -Rezension eh bald zulegen. Sinnigstenfalls können wir für alle anderen begeisterungsfähigen Leser*innen beschreiben, was vorliegt, nämlich: Drei Großabschnitte mit strophenförmig angeordneten Kompositaschlangen und -blöcken, die zusammengehalten und zum Klingen gebracht werden durch (a) beinah völlige Abwesenheit von Präpositionen, Pronomen und Artikeln und (b) eine sozusagen selbstschussapparathafte Repetition von, dann doch noch, minimal wohlgeformten Hauptsatzstrukturen:

stelzenlooplocksprintfäden japsen
gelsenachselhaarraketen
springbrunnen erlächeln songlovebrunnen
brunftliftattacken
aufsichzukommende spiegelpendelluken entern
pfiffseilglück

Wenn überhaupt (gar zu pathetisch, aber) sinnvoll von einem „hochzuhaltenden Erbe“ Hansjörg Zauners geredet werden kann/soll, dann in Hinblick auf eine Lese- und Alltagskultur, in der solche Zeilen ohne weiteren Erklärungsbedarf unter „Abendunterhaltung“ laufen dürfen. Dem dazu komplementären, aktuell um sich greifenden Missverständnis, in Lesungen und „schwierigen“ Lektüren bloß einen Anlass zum Zusammenkommen örtlicher Sauf- und Textsekten zu erblicken, deren Angehörige sich ihre wirklich belustigenden Belustigungen aber auch anderswo holen, arbeitet der Ritterverlag dankenswerterweise auch 2017 entgegen (und das war jetzt, falls man‘s nicht gemerkt hat, die subtile Überleitung zum nächsten Buch: …).

Unmittelbarer als Zauners „schießende gedichtnasenlöcher“ – und zwar schon im Buchtitel – kommt Paul Divjaks Tamagotchi Tanzmusik zur Sache dieses besagten Paradigmenstreits (der, klar, immer schon gegen alles Richtige, Vernünftige und Glücksfreundliche und zugunsten der ewigen ernstlichen Andacht entschieden ist, wie wir wissen, wenn wir schon mal ein Literaturhaus von innen gesehen haben). Es geht – das sagt uns das Wort „Tamagotchi“, das sagt uns die Lektüre der ersten paar Seiten – um eine Sorte von automatisiertem Scheinleben irgendwelcher unterhaltungsindustrieller Klimbims, die unsere Aufmerksamkeit fesseln und unsere signifiants an den signifiées irrewerden lassen.

Bevor wir soweit kommen, fallen uns aber noch die Fußnoten auf. Insgesamt gibt es ihrer hier 158 Stück auf 116 Seiten, jedoch – und deswegen lenken sie die Aufmerksamkeit auf sich – sind sie unsystematisch eingesetzt und offenkundig nicht dazu da, allfällige Wissenslücken zu schließen und/oder Verknüpfungen herzustellen, die wir so noch nicht parat gehabt hätten. Wir lesen sie stattdessen als Teil des Texts: nicht als Rezeptionshilfe, sondern als weiteren, mit dem ganzen anderen Sprachmaterial mit-ästhetisierten Schauplatz von „Tanzmusik“. Damit ist gesagt: Die traditionsphilologisch-distanzierte Aneignungsform von Sprache gegenüber Welt erscheint als nicht-privilegiert gegenüber den unterhaltungsindustriellen, individual-„ergriffenen“ und z. B. „alltäglichen“ Redemodi, die der Band ansonsten bereithält und als Material zu „tanzenden“ Partikeln anordnet.

Erstaunlich die Materialfülle aus Werbung, TV, Pop, Literaturwissenschaft und diversen Netzkulturen, derer sich Divjak dabei bedient. Was sie trägt, ist seine Konzentration auf sehr wenige formale Vorgaben. Unter diesen ist besonders hervorstechend die durchgängig wiederkehrende Satzstruktur „wir sind XY“, die genau deswegen in ihrer Einfachheit hinreicht, diese Fülle zu organisieren, weil sie denselben Doppelcharakter aufweist wie der gesamte Text: Einerseits darf sie als Äußerung eines fiktiv-„authentischen“ Textsubjekts gelesen werden, andererseits aber erscheint sie wie eine getreue Abbildung von wohlbekanntem Werbesprachdreck. Äquivalent dazu verweigert uns der Text in seiner Gesamtheit die Festlegung, ob er im technischen Sinne „ergreifend“ sein und irgendetwas emotional (oder selbst nur: inhaltlich) Aufgeladenes tatsächlich transportieren will, oder ob er nicht vielmehr doch eine mit weit ausholender Geste dargebrachte Parodie auf die Artefakte bewusstseinsindustriellen Geplappers darstellt, wie sie durch unser Bewusstsein plätschern.

Fragt sich: Erblicken wir in dieser Unentschiedenheit gar eine planvolle und adäquate Reproduktion von Schwundstufen des kritischen Kollektivsubjekts früherer Tage? Ungefähr in dem Sinne, dass das „wir“ des Buches zwar die Dauerbeschallung, die stetig erneuerte Aufladung der Welt mit industriell produzierter Bedeutung nicht ausschalten kann, aber „sich“ (also: „uns“) in diesem beschallten Zustande immerhin noch wahrnimmt? … Die letzten vier Zeilen der Tanzmusik lauten passenderweise so:

– Abschaltimpuls –,
alles bleibt offen,
und nichts ohne Bedeutung,
RESET,


(und danach kommt noch eine Fußnote – ein Zitat, das just die Unbeeindrucktheit der Dingwelt gegenüber all diesen Bedeutereien zum Gegenstand hat).

Nun mag es Leser*innen geben, die sowohl das Fragwürdiggewordensein von „Bedeutung“ als auch den Anspruch an Literatur, zu unterhalten, statt zu langweilen, mitunterschreiben, für die sich alle diese Dinge jedoch ungebrochen in Bezug auf eine mehrhundertjährige Geschichte literarischer und musikalischer Formen bzw. Topoi abspielen. Felix Philipp Ingolds Band Niemals keine Nachtmusik scheint im Ritter-Programm von 2017 (und in dieser kleinen Sammelrezension hier) auch als Angebot an sie zu stehen.

Die abgedruckten Texte sind eine Auswahl von gestreut bis noch nicht Veröffentlichtem aus einem Jahrzehnt; Ingold nimmt in ihnen sich, die Autorposition und die Option auf „metaphysischen Gehalt“ (© ausgerechnet Adorno) einzelner Texte genauso wenig ernst, wie dies Divjak und Zauner tun, sehr wohl aber eines: das Herkommen von Sprache selbst nämlich, oder zumindest von literarischer Rede, aus einem bestimmten, einem partikular beschreibbaren (und eben nicht beliebigen), einem mehrtausend Jahre ununterbrochen weiter generierten Zusammenhang. (… Zu dem dann wir noch glossieren dürfen, dass er zunächst ein sozialer ist; aber davon handelt Ingold nicht explizit, muss er auch nicht, wär‘ viel zu ernst, bedürfte viel zu unzweideutiger Zeichen-Bezeichnetes Vers/chraubungen). Dabei geht es nicht bloß um einen Unterschied in der Innendekoration der Gebilde („Pygmalion“ statt „Tamagotchi“ oder so), sondern, so können wir uns denken, wenn wir auf Ingold auf der beigefügten CD den Anfang der Gedichtserie „Erosantik“ lesen hören –

Mehr als der totale Sieg ist Samothrake. Ist
Skepsis
oder Delphi. der kindische Zauber
von Oz und Konsorten. Hat der Ozean einen
Kontinent
oder hat umgekehrt kein Kontinent
keinen Ozean. Doch unter so vielen vergessenen
Namen – Soma Chaos Enzian –
hat alles seinen Halt. Als summte leis das
sinkende
Riff und trüge all die Bedeutungen aus.


– da geht es um die Frage, wie viele Jahrhunderte es sind, deren Last mit der literarischen Moderne und dem linguistic turn in der Geisteswissenschaft abgeschüttelt wurden – nur vier, oder doch vierundzwanzig?

Hansjörg Zauner:
99.144 gedichtnasenlöcher schießen auf mich bis alles passt.
Ritter: Klagenfurt 2016.
Paul Divjak:
Tamagotchi Tanzmusik.
Ritter: Klagenfurt 2017.
Felix Philipp Ingold:
Niemals keine Nachtmusik. Gedichte.
Ritter: Klagenfurt 2017.