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Reisen ist Lesen in der Welt

harald a. friedl | Reisen ist Lesen in der Welt

Über Bücher als geistige Survival-Kits für schwierige Zeiten.

Ich reise stets mit schwerem Gepäck. Für eine mehrwöchige Reise in die Wüste etwa bedarf es neben zwei T-Shirts, einer Jacke und einer ordentlichen Trinkflasche mindestens sieben Bücher. Auf Nahrung kann man notfalls für ein paar Tage verzichten. Abends aber, wenn das Lagerfeuer tanzende Schatten an die roten Felsen wirft und der Mond die Dünen mit milchigem Licht übergießt, dann brauche ich meine Ration Lesestoff. Droht dieser auszugehen, müssen präventive Maßnahmen ergriffen werden. Zunächst können die Lektürevorräte gestreckt werden, indem ich auf bereits gelesene Bücher zurückgreife. In äußerster Not verschafft das schlichte Berühren eines liebgewonnenen Bandes Abhilfe: Zärtlich über den glatten Buchrücken zu streichen, die Seiten durchzublättern und an manche lieb gewonnene Passage zurückzukehren ist wie das Ende eines langen Marsches unter sengender Hitze am Rand einer Oase: Endlich sich im Schatten einer Dattelpalme erleichtert niederzulassen, anregende Gerüche aufzusaugen, das kreischende Lachen spielender Kinder zwischen den Häusern zu erhaschen und sich auf ein Wiedersehen mit treuen, wohltuenden Gefährten von früheren Abenteuern zu freuen …
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Ein solcher Reisegefährte während der Streifzüge meiner Jugendjahre war <i> Alexis Sorbas </i> von Nikos Kazantzakis. Gleich einer Bibel führte ich stets eine Ausgabe mit im Gepäck, zumeist in der Sprache jenes Landes, in dem ich jeweils vorübergehend lebte. Auf diese Weise dürfte ich den Roman mit den Jahren an die fünf bis sechs Mal gelesen haben. Die Seiten jeder dieser „Begleiter“ waren abgegriffen und übersät mit Markierungen und Kommentaren. In zahlreiche Passagen hatte ich anfangs behutsam und in Ehrfurcht vor dem Text Schleichpfade gebahnt, um da und dort innezuhalten,
einer Bemerkung nachzuspüren oder gar zurückzukehren zu einer Stelle, an der ich etwas Außergewöhnliches wahrgenommen hatte, um neuerlich eine beschriebene Szenerie mit dem begleitenden Gedankengang näher zu inspizieren. Manche Passagen prägten bald breitgetretene Wege aus, denen infolge meiner oftmaligen Wiederkehr rituelle Züge anhafteten. An diesen liebgewonnenen, berührenden „Kraftplätzen“ pflegte ich gerne deren Atmosphäre in mich aufzunehmen und als geistige Wegzehrung für meine Stunden jenseits des Buches mitzunehmen. Die größte Kraft schöpfte ich jedoch aus der Zuversicht, der Welt da draußen möglichst bald wieder den Rücken zuzukehren und in mein „Sorbas-Land“ heimzukehren, um hier auf vertrauten Pfaden zu wandeln.
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