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sibylle severus | Schriftzeichen

Eines Tages war ich hier. Stand nachts auf einem kleinen Platz, an einem Kanal. Ringsherum fremde Leute. Huscht eine Ratte langschwänzig über das Pflaster. Ein Halbwüchsiger mit schweren Stiefeln will sie töten. Rasch tritt er ihren Zickzack nach. Eine Frau schreit. Die Ratte ist schneller, lässt sich einfach ins Wasser fallen. Kein verheißungsvoller Beginn. Um für mich etwas Poesie zu retten, hatte ich mir eine Stadt am Wasser ausgesucht, in der ich nicht automatisch jeden Satz verstehen würde; eine Stadt, in der nicht die immer gleichen Wörter wie Münzen in mein Gehör fielen, und sich in mir festsetzten.

Ich hatte zwischen Helsinki und Venedig geschwankt. Francesco Petrarca, obwohl weit gereist, war nie in Helsinki gewesen, jedoch einige Jahre in Venedig. Um seinen Canzoniere, um das Sonett Nummer XXXV, geht es mir in meiner Arbeit. Es sind Verse, in denen nichts anderes besungen wird als die Liebe, als Amor: – ragionando con meco, et io co’ llui. – stets redet er mit mir und ich mit ihm.

Ich schreibe in Venedig. Das Skurrile bei meinem Schreiben ist, ich verfasse zwar Bücher, aber ich häkle oder sticke sie. Bücher zu häkeln oder zu sticken kostet viel Zeit. Es müssen Sätze sein, die etwas aushalten, wenn sie in mühsamer Handarbeit in ein Material übertragen werden, das dauerhaft sein sollte bei dem großen Aufwand. Es gibt Gründe, mir das Leben schwer zu machen. Doch selbst die besten Freunde kennen die Ursache nicht. Sie bringen nur ein hochmütiges Mitleid für mein Tun auf und kaufen möchten sie es schon gar nicht.

Von Venedig verspreche ich mir die Krönung meiner Arbeit. Hier gibt es eine Tradition bester Seidenzwirnerei, luftiger Nadelspitzen, kostbarer Brokate in allen Schattierungen, vor der Kulisse unglaublicher Farben, welche die Beleuchtungen des Tages und der Nacht über die Stadt und ihre Wasser werfen. Selbst Blinde müssten hier von den Wellen, die das Licht erzeugt, berührt werden.

Licht, das hörte ich im Radio, setze sich sowohl in Schwingungen als auch als Materie fort. Das Doppelte des Lichts geht über meinen Verstand. Für meine Arbeit ist es jedoch nicht nötig, alles zu verstehen. Zunächst hatte ich ein Buch gestickt über ein Licht-Gedicht. Dafür hatte ich Garne in stumpfen Schwarz- und Grautönen und zum Binden sandfarbene Kordeln gewählt. Das Licht müsse allein aus der Sprache kommen, sagte ich damals. Das verkleidete Licht liegt noch heute in einer meiner Schubladen.

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