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Selbst-Behauptung

wolfgang gulis | Selbst-Behauptung

Ein Suchttagebuch.

Prolog: Donauland!

Die Buchgemeinschaft Donauland ist schuld oder verantwortlich, je nach Sichtweise. Da bin ich mir ganz sicher. Anders kann ich mir es nicht erklären, dass Bücher in die Regale des Wohnzimmerverbaus meiner Eltern gekommen sind. Durch Besuch einer Buchhandlung sicher nicht! Mein Vater hat nie eine Buchhandlung von innen gesehen.

Manche fragen sich vielleicht, what the hell is Donauland? Das ist eine sogenannte Buchgemeinschaft. Man wurde Mitglied und konnte zu günstigen Konditionen Bücher kaufen. Dafür gab es eine persönliche Betreuung. Die uns zugeteilte Betreuerin kam einmal im Quartal, erhielt einen Kaffee, blätterte mit meiner Mutter den Katalog durch, dann wurde bestellt. Beim nächsten Besuch brachte sie die Bücher mit.

Märchen- und Sagenbücher waren die einzigen, die meine Mutter nachweislich las, die hatte sie mir als Kind vorgelesen. Aber das ist wirklich schon lange her.

Foucaultsches Pendel – Kefalonia, 1992

Es ist heiß. Der alte Bus, mit dem wir durch Griechenland rumpeln, hat keine Klimaanlage. „Das Einzige, was hilft, ist draußen schlafen“, sagt Thomas. Andrea will das nicht, wegen der Viecher und so. Mitten in der Wildnis hat sie nicht ganz unrecht. Ich beschließe, den beiden den Fond zu überlassen und begebe mich mit der Luftmatratze auf das Dach. Es riecht wunderbar, nach Zypressen, Pinien – Süden; eine leichte Prise kühlt die Haut. Ich schalte die Taschenlampe ein, lese weiter: Das Foucaultsche Pendel von Umberto Eco.

Wir landen am Strand von Xi. Bizarr ist der rechte Ausdruck dafür. Der Sand der Bucht ist dunkelrotbraun. Dahinter erhebt sich eine weiß-graue Wand. Aus der kann man mit den Händen Lehmstücke rausreißen. Davor liegt ein türkises Meer. Es sind noch 40 Seiten, die ich absolvieren muss. Da ist ein Sog, dagegen ankämpfen ist sinnlos. Es muss weitergehen, immer weiter.

Ich bin süchtig, glaube ich. Obwohl ich weiß, dass das Buch zu Ende sein wird, wenn ich jetzt weiterlese. Ich habe es mir vorgenommen, ich wollte einteilen. Aber es gelingt nicht. Ich sehe das Ende. Gestern, in der Nacht, da dachte ich: 100 Seiten, jetzt hör ich auf! Dann waren es 60. Aber nein, es ging weiter, noch 40. Irgendwann bin ich doch eingeschlafen. Und jetzt das Gleiche wieder. Weiter: Tempo, Ekstase, Orgasmus. Bis es aus ist und jetzt ist es aus, vorbei. Ich schaue auf, bemerke Xi, sitze nutzlos herum. Warte auf den Sonnenuntergang. Und danach? Es ist vorbei! Und eine große Leere. Die Postlesedepression

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