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Von Begabungen und Beschränkungen

walburga fröhlich | Von Begabungen und Beschränkungen

Warum das eine und das andere immer eine Frage der Zeit ist.

Man kann in unserer Zeit handwerklich völlig unbegabt sein. Man darf weder eine Schraube in die Wand drehen nochselbst für sich kochen oder eine Socke stopfen können. Man kann alles Mögliche nicht können, ohne besonders abwertende Kommentare fürchten zu müssen.

Ja, in gewissen Kreisen gilt es regelrecht als schick, etwa keinen einzigen Gesellschaftstanz zu beherrschen, und selbst ausgewiesenen Bildungsbürgern ist es erlaubt, kein Musikinstrument zu spielen oder in Mathematik immer zwischen Sein oder Nicht-Sein mäandert zu haben. Ganz zu schweigen von defizitären sozialen und emotionalen Kompetenzen, wie beispielsweise minderentwickelter Empathie. All dieses Nicht-Können darf in unserer gebildeten Gesellschaft vorkommen und gehört zur Vielfalt der menschlichen Spezies dazu. Nobody is perfect.

Aber wehe, man ist nicht in hohem Ausmaß mit jenen Begabungen und jenem sozialen wie finanziellen Hintergrund ausgestattet, die es ermöglichen, eine erfolgreiche Schullaufbahn bis zum Studium hinzulegen. Wehe, man ist eher praktisch begabt und kein begeisterter Leser von Kindesbeinen an. Wehe, man hatte kein Elternhaus, das einen trotz Lernschwierigkeiten, notfalls mit Nachhilfe im Wert eines Kleinwagens, bis zur Matura durchtrug. Wehe, man kommt mit einer kognitiven Minderbegabung zur Welt, dann ists vorbei mit der Toleranz und der Vielfalt. Aber hallo!

Dann beginnt die – reichlich mit negativen Vorurteilen geölte – Zuschreibungs-Maschinerie (für die Intellektuellen unter den Leserinnen und Lesern – das Attribuieren) anzufahren.

Wer Schwierigkeiten beim Lesen und Verstehen von komplizierten Texten hat, dem wird in Bausch und Bogen Unwillen, Faulheit und Desinteresse unterstellt. Wir alterieren uns über die anscheinend immer größer werdende Gruppe der Schulabgängerinnen und -abgänger, die laut PISA und Co nicht ausreichend lesen können. Wir beklagen, wie viele Erwachsene ihren täglichen Nachrichtenbedarf mittels Gratiszeitungen in den U- und Straßenbahnen stillen. Nahezu täglich wird von diversen Bildungsbeauftragten bedauert, dass sich unsere Kinder nur mehr mittels YouTube-Videos, WhatsApp-Sprachnachrichten und Emojis durchs Leben chatten. Und nicht wenige Erwachsene sind davon überzeugt, dass unsere Jugend immer dümmer wird, weil sie angeblich nicht mehr so viel liest, wie es früher einmal war.

Wie war es aber wirklich? Früher. Ich erinnere mich an eine Kindheit am Land, in der ein Buch (man beachte den Singular) etwas war, das man zu Weihnachten geschenkt bekam. Beim Elternsprechtag im Herbst konnten die Eltern von einem vorbereiteten Büchertisch mit pädagogisch empfohlenen altersgerechten Büchern ihre Auswahl treffen und acht Wochen später wurde uns das gute Stück blickdicht verpackt ausgehändigt, auf dass wir es zuhause unseren Eltern übergeben sollten. Mein Schulweg war ein langer, ich hatte etwa drei Kilometer zu Fuß zu gehen, und ich war eine derart gierige Leserin, dass Grimms Märchen zur Hälfte ausgelesen waren, als ich zu Hause ankam. Noch heute sehe ich deutlich das entsetzte Gesicht meiner Mutter vor mir, während sie schimpfte: „Und was soll ich dir jetzt zu Weihnachten schenken?“

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