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Warum liest einer?

helge streit | Warum liest einer?

Wer immer nach dem Zweck fragt, darf sich nicht wundern, wenn auch er bloß zum Zweck wird.

Warum liest einer nicht?

Warum hat einer, der seine Kindheit hindurch gelesen hat,

später ganz damit aufgehört?

Fängt einer damit an, der als Kind nie gelesen hat?

Vom Einkauf brachte meine Mutter ein Comic mit nach Hause. Bis zu diesem Tag war mir nichts begegnet, was so neu, so vollkommen war wie dieses Heft, dessen erster Leser zu sein offenbar ich bestimmt war. Ich muss etwa fünf Jahre alt gewesen sein, denn ich lebte noch in Mühldorf und nicht in Feldbach. Ich saß am Küchentisch und ich bilde mir ein, mich sogar noch an das dämmrige Licht dieses Tages zu erinnern. Es ist die früheste Leseerfahrung, die mir im Gedächtnis geblieben ist. Und es ist die Erinnerung an eine ungeheure Plage. Jedes Wort musste erkämpft werden, jeder Satz bedeutete eine kaum zu lösende Aufgabe. Der Kopf schien schier zerplatzen zu wollen. Aber ich ließ nichts aus, nichts durfte nur obenhin gelesen werden.

Mühe bereitete mir das Lesen noch lange. Vom Zauber, den das Lesen in der Kindheit bedeutete, erzählen ja viele. Vielleicht liegt dieser Zauber auch in dieser Mühe begründet. Sie zwang zur Langsamkeit und Konzentration. Das gab dem Gelesenen jenen ungeheuren Resonanzraum, in den die Einbildungskraft einfließen konnte. Später fand ich etwas davon wieder, als ich lesend die Sprachen wechselte. Lesend sind wir unentwegt dazu angehalten, die Worte und ihren Zusammenhang mit Sinn zu füllen. Beherrschen wir die fremde Sprache noch nicht, gehen diese Deutungen bisweilen in die Irre. Eine Weile tasten wir den eingeschlagenen Weg entlang, bis wir das Gleichgewicht verlieren und ins Nichts fallen. Haben wir bei unseren frühen Leseversuchen ähnliche Erfahrungen gemacht?

Es gibt ungezählte Ratgeberbücher, die uns lehren will, wie wir noch schneller lesen können. Wie aber lässt sich wieder die Langsamkeit finden?

Karl May musste nachgespielt werden und ich durfte Winnetou sein in jener Episode, in der er starb. Mit dem Lesen und den in die Hosentaschen geschobenen Händen hatte ich mich für alle Zeit bei den Großonkeln und Großtanten mütterlicherseits, die Großeltern waren schon vor meiner Geburt gestorben, verdächtig gemacht. Aber es war dann eine Tante mütterlicherseits (in Wirklichkeit eine Cousine meiner Mutter), die mir eines Tages ein Buch in die Hand drückte mit den Worten: „Lies das.“ Diese Tante saß seit ihrer Kindheit im Rollstuhl. Das Buch war Stefan Zweigs Ungeduld des Herzens.

Als ich das Buch fertig gelesen hatte, brachte ich es meiner Tante zurück. Ich sagte wohl irgendetwas darüber, aber nicht das, was sie hören wollte. Sie wollte nur von Edith sprechen, die nicht laufen konnte. Schließlich erzählte sie davon, wie es bei ihr gewesen war, wie das begonnen hatte, dass ihre Beine sie nicht mehr trugen. Bisher hatte ich mit dieser Tante kaum ein Wort gewechselt. Und jetzt saßen wir in ihrer Wohnung und redeten, bis es draußen dunkel wurde. Auf dem Tisch lagen seltsamerweise Käsestücke in einer Schüssel. Irgendwann griff ich danach und bemerkte, dass sie aus Marzipan waren.

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