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Wenn Fliegen hinter Fliegen fliegen

peter iwaniewicz | Wenn Fliegen hinter Fliegen fliegen

Eine kurze Einführung in die Semiotik der Natur.

Sorgfältig betrachtete ich Winnetous Stapfen. Sie waren tief eingedrückt, tiefer als vorher. Es kam nun darauf an, Spuren zu finden, freilich nicht unten an der Erde, sondern ich musste sie weiter oben suchen. So fand ich an mehreren Stellen abgebrochenes Gezweig und beschädigte Blätter, also Zeichen, die nicht hätten entstehen können, wenn Winnetou allein hier gegangen wäre.

Seitdem Karl May in seinen Erzählungen das Interpretieren von Fährten und Tierspuren in der Literatur populär gemacht hat, sind Leute, die aus kaum erkennbaren Indizien am Wegesrand auf Größe, Laune und Absichten eines Lebewesens rückschließen können, keine schrulligen Hinterwäldler. Diese genießen unsere Bewunderung und dies umso mehr, je weiter wir uns durch Zivilisation von der Natur entfernen.

Lesen und schreiben zu können sind zentrale, unserem Bildungssystem zugrundeliegende Kulturtechniken. Die moderne Gretchenfrage lautet aber vielmehr: Wie hält man es mit den anderen Lebewesen auf diesem Planeten? Und kennt man diese überhaupt noch? Eine Studie der Universität Cambridge zeigte, dass Kinder deutlich mehr Fantasiewesen des Computerspiels Pokémon kennen als reale Arten wie Eichen oder Dachse. Eine deutsche Studie wiederum zeigte, dass unsere Nachbarn im Durchschnitt nur acht verschiedene wildlebende Tiere und sechs Pflanzenarten nennen können. Im Unterschied dazu fielen den Testpersonen aber 21 Automarken ein. In Salzburg erhoben bereits in den 1990er-Jahren Forscher des Instituts für Didaktik der Naturwissenschaften das Naturwissen von Schulabgängern: 80 Prozent der 16-Jährigen erkannten das – sehr typische – Blatt einer Rosskastanie nicht und in Wien halten 18 Prozent der 20- bis 45-Jährigen den Hirschen für ein männliches Reh.

Dazu könnte man sarkastisch anmerken, dass eine solche Verschiebung des Alltagswissens auch aus evolutionsbiologischer Perspektive grundsätzlich sinnvoll erscheint, denn umfassende Kenntnis über andere Lebewesen erhöht schon lange nicht mehr unsere Überlebenschancen. Wer schleppt sich heutzutage denn noch in die Ordination eines Arztes und muss mit schmerzverzerrtem Gesicht stöhnen: „Schnell, mich hat eine Wiesenotter gebissen, geben sie mir das passende Gegengift.“ Viel wahrscheinlicher wird man doch im Straßenverkehr von einem Auto niedergefahren und dann ist es für den Anspruch auf Invalidenrente notwendig zu wissen, dass einem ein Opel Corsa, Baujahr ’89, über den Fuß geschrammt ist.

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