schreibkraft - Das Feuilletonmagazin

Menüpfad zur ausgedruckten Seite: Home ausgaben 32 - durchlesen Wiener Vorstadtgeschichte
Adresse: https://schreibkraft.adm.at/ausgaben/32-durchlesen/wiener-vorstadtgeschichte

Wiener Vorstadtgeschichte

In erstaunlich moderner Weise thematisiert Ada Christen Geschlechterrollen.


Ada Christen: Jungfer Mutter. Eine Wiener Vorstadtgeschichte. In: Starke Frauen der Feder. Klassikwerke von 10 Autorinnen.

Wiener Vorstadtgeschichte

Kindle Edition 1892

Rezensiert von: bettina balàka


[ Anm.d.Red.: Folgende Rezension ist aus der Reihe VERGILBT BUT NOT FORGOTTEN ]

Ada Christen (1839 – 1901) ist eine der wenigen Schriftstellerinnen, nach denen in Wien eine Gasse benannt ist, und doch scheint sie weitgehend in Vergessenheit geraten zu sein. Als Tochter eines Großkaufmanns in bequemen Verhältnissen geboren, geriet sie im Laufe ihres Lebens mehrfach in Not und musste sich ihren Lebensunterhalt selbst verdienen – als Blumenmädchen, Näherin, Schauspielerin und schließlich Schriftstellerin.

In ihrem 1892 erschienenen Roman Jungfer Mutter. Eine Wiener Vorstadtgeschichte schildert sie das Scheitern einer Ehe, wobei sie in erstaunlich moderner Weise Geschlechterrollen thematisiert.

Der Straßenaufseher Leopold ist aus dem Krieg in Italien mit nur einem Arm zurückgekehrt. Er schätzt sich glücklich, eine schöne junge Frau zu haben, allerdings findet diese in ihrer Rolle als Hausfrau und Mutter keine Befriedigung. Als Erstes rebelliert Leni, indem sie sich, nachdem sie die ganze Nacht ihren Säugling betreut hat, untertags ausschläft, anstatt ihrem Mann das Essen zu kochen. Jedoch weiß sie:

Wenn sie nicht arbeiten, nicht alt und häßlich werden wollte vor der Zeit, wenn sie nicht jedes Stück, das da stand und lag, Tag um Tag reiben, fegen, waschen wollte, wenn die Suppe nicht auf ihn wartete, wenn sie das Kind nicht herumschleppte, so durfte ihr Mann sie ausschelten und die Nächte hindurch im Wirtshaus bleiben, er brauchte ihr kein Geld zu geben für sie und sein Kind, er konnte sie am Ende sogar noch schlagen, wenn er volltrunken heimkam … Das durfte er, weil sie sein Weib war.

Bei der Vorstellung, ein Kind nach dem anderen zu bekommen und immer tiefer in das vorgegebene Leben aus freudloser Schufterei hineinzugeraten, graut Leni. Auch vor ihrem Mann graut ihr zunehmend, obwohl er ihr ergeben und freundlich ist – der fehlende Arm, der lose baumelnde Ärmel, der Armstumpf stoßen sie ab. Als sie ihm das grausam ins Gesicht sagt, schlägt er sie. Sie verlässt ihn und ihren kleinen Sohn und begibt sich unter die Fittiche von Madame Margot, einer „unternehmenden Französin“, die einen vornehmen Salon für Damenbekleidung betreibt. Die gewiefte Geschäftsfrau hilft Leni dabei, das Gericht davon zu überzeugen, dass sie ihren Mann berechtigterweise verlassen hat, sodass sie nicht zu ihm zurückkehren muss. Außerdem beschäftigt sie sie als Vorführdame in ihrem Salon, wo sie gegen gute Bezahlung den kostbaren Putz anlegt und damit auf- und abgeht, „so daß die Käuferinnen die Wirkung an einer lebendigen Gestalt erproben konnten“. Zusätzlich näht Leni in Heimarbeit, um sich ihren Traum von einem schönen eigenen Zimmer leisten zu können: weiß und mit blauen Blümchen. „Jetzt waren ja alle Wünsche ihres Lebens erfüllt, dieses Gemach, keinen Mann, kein Kindergeschrei, von allen gehätschelt, bewundert und begehrt, aber doch allein, ganz allein, eine zufriedene, ehrbare Frau.“

Der Mann indessen erkrankt, verzweifelt, verliert seine Arbeit. Doch er hat Hilfe: die ledige Hanni, die einst Brautjungfer seiner Frau war, kümmert sich selbstlos um ihn, seinen Haushalt und sein Kind. Auch seiner maroden Finanzen nimmt sie sich an, doch er kommt nicht mehr hoch. Zu guter Letzt stößt er sich in dem blau geblümten Zimmer seiner Frau (dem symbolischen Raum ihrer Selbstverwirklichung) ein Taschenmesser ins Herz und verblutet zu ihren Füßen.

Ada Christen erzählt diese dramatische Geschichte durchwegs äquidistant, der Leser kann sich gleichermaßen in die Perspektive der nach Unabhängigkeit strebenden Frau wie die des verliebten, verlassenen Mannes hineinversetzen, wiewohl das tragische Ende doch Befürchtungen der Autorin hinsichtlich der Auswirkungen von allzu viel weiblicher Autonomie auszudrücken scheint. Die eigentliche Sympathieträgerin ist die herzensgute, sich aufopfernde Hanni, die dieser Familientragödie die Schärfe nimmt, indem sie zur „Jungfer Mutter“ des dabei auf der Strecke gebliebenen Buben wird.

Ein spannendes, für seine Zeit radikales Buch, in dem – ganz im Sinne von Silvia Bovenschen – weibliche Perspektiven von jemandem beschrieben werden, der sie aus eigener Anschauung kennt.