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Zeit zur Sommerlese

Uta Hauthal | Zeit zur Sommerlese

Die Poesie-Tankstelle lädt zum gemeinsamen Hören und Empfinden.

Jetzt, im späten Herbst 2017, erinnere ich mich an die Wochen, in denen ich auf Reisen war, quer durch die Schweiz und durch Ostsachsen:
Ich bin mit meinem Fahrrad und daran befestigtem handgeschriebenem Schild „Poesie-Tankstelle“ an eher unpoetische Orte gefahren, habe mich auf Straßen, Marktplätze, vor Cafés gestellt und die Vorübergehenden gefragt: „Haben Sie Lust auf ein Gedicht?“ oder: „Kann ich Sie mit einem Gedicht erfreuen?“ Im Gepäck hatte ich Poesie von 13 KollegInnen, meine eigenen Verschenkten Lieder sowie Die 13 Monate von Erich Kästner. Wurde jemand neugierig und blieb stehen, so bekam er oder sie ein Gedicht rezitiert, „Vier-Augen-Lesung auf der Straße“ hat der Dresdner Journalist Tomas Gärtner das genannt.

Ob in Bern, Zürich, Frauenfeld, Chur oder im Val Lumnezia (Graubünden), ob in Bautzen, Hoyerswerda, Spremberg oder Görlitz – es ging immer um einen intensiven Moment des Kontakts, der Verbindung zwischen mir und dem neugierig gewordenen Passanten, und das Medium dafür bildete die Poesie.

Für mich war es ein weiter Weg, um bis hierher zu kommen, und er begann mit einer Fluchtbewegung. Ich hatte ganz schnell, ohne erinnerliche Anstrengung, lesen gelernt, sodass ich mich für Stunden in grimmsche oder hauffsche Welten versenken und meiner kindlichen Not entrinnen konnte. Bald entdeckte ich zu meinem Entzücken viele Bände von Karl May im großväterlichen Regal, keiner mit weniger als 500 Seiten. Ich flüchtete in diese Räume, in denen die Zuordnungen von gut und böse klar waren und auch am übermäßigen Gebrauch des Adjektivs edel störte ich mich nicht. Nach meinem Eintritt in die 44. Polytechnische Oberschule Dresden-Tolkewitz schien sich die Welt der Bücher fortzusetzen mit den „Winnetous“auf der einen Seite, also den heldenhaften Kommunisten, die den Faschismus besiegt und den ersten sozialistischen Staat auf deutschem Boden errichtet hatten, und den „Bud Forresters“ auf der anderen, dem Klassenfeind im Westen, den Kapitalisten, die die Arbeiterklasse ausbeuteten. Bald jedoch bekam diese simple Logik einen Riss, denn ich lernte im Heimatkundeunterricht, dass anglo-amerikanische Terrorbomber meine Geburtsstadt Dresden im II. Weltkrieg zerstört hätten. Denen verdankten wir doch aber die Niederlage der Faschisten, oder? Eine Frage, die mich eine Zeitlang beschäftigte, sie laut zu stellen, hätte ich niemals gewagt.

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