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Zwischen den Zeilen

andrea scrima | Zwischen den Zeilen

Die Fähigkeit zu lesen ist nicht das Einzige, was wir in die nächste Generation retten müssen.

Versuchen Sie es: Versuchen Sie einmal, über das Lesen zu sprechen, ohne thematisch dahin abzuschweifen, wie das Internet die Art unserer Informationsaufnahme verändert hat. Ich – und auch die Mehrheit der Menschen, die ich kenne, deren Lesegewohnheiten schon lange vor dem Aufkommen von digitalen Zeitschriften und Zeitungen, Google Books, Blogs, RSS-Feeds, Social Media und Kindle geprägt wurden – habe meist das Gefühl, dass ich nur dann wirklich lese, wenn ich ein Druckwerk vor mir habe, unter einer Leselampe, wenn Bildschirm und Telefon ausgeschaltet sind. Aber in Wirklichkeit lese ich sehr viel online.

Kein Wunder, dass meine Aufmerksamkeit sprunghaft geworden ist: Ich klicke von einem Artikel zum anderen, erinnere mich plötzlich an eine Mail, die ich schreiben muss, konsultiere das Online-Wörterbuch in einem Browser, der mindestens 35 offene Tabs hat, und noch bevor ich meinen virtuellen Zielort erreiche, sehe ich, dass ich mehrere neue Facebook-Benachrichtigungen habe, und lese diese zuerst. Wenn ich dann endlich auf das Wörterbuch klicke, ist eine halbe Stunde Zeit verstrichen und ich kann mich nicht mehr an das Wort erinnern, das ich nachschlagen wollte. Das Ergebnis ist das demütigende Eingeständnis eines neuen Handicaps: die Notwendigkeit einer Internet-Zugangssperre mit Blacklist.

Für meinen sechzehnjährigen Sohn und sein wachsendes Hirn ist das Potenzial der unablässigen Ablenkung weitaus verhängnisvoller. Diesem Kind wurde an jedem Abend seiner ersten dreizehn Lebensjahre mindestens eine Stunde vor dem Schlafengehen vorgelesen, meistens länger, und doch bedeutet die Dominanz der Smartphone-Technologie in seinem jungen Leben, dass der größere Teil seines Zugangs zur Welt der Ideen jetzt online stattfindet.

Ich werde hier nicht die elterliche Besorgnis im digitalen Zeitalter untersuchen oder die Vor- und Nachteile des Internets darlegen; ich selbst bin darin viel zu verwurzelt, um über ein Leben ohne es nachzudenken. Was mir aber auffällt, ist die tiefgreifende Veränderung, die wir in unserer kollektiven Fähigkeit des kritischen Denkens erfahren haben. In einer Zeit von Falschnachrichten und einer CGI-Technologie, die so raffiniert ist, dass sie täuschend echt wirkendes Videomaterial produziert, lautet der Schluss, zu dem ich gekommen bin: Die Fähigkeit zu lesen ist nicht das Einzige, was wir in die nächste Generation retten müssen; retten und vor dem Vergessen bewahren müssen wir uns die Fähigkeit, zwischen den Zeilen zu lesen.

[...]

Wir müssen die jüngere Generation mit jener Kritikfähigkeit ausstatten, die sie brauchen wird, um zwischen den Zeilen dieser programmatischen Absichten zu lesen.

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