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andreas r. peternell , hannes luxbacher , hermann götz | angelegentlich gesagt

Editorial Heft 33

Der Begriff des Anlegens scheint in einem komplexen Bezugsystem aus Geld und Gewalt gefangen: Einerseits können wir Geld anlegen im Sinne von: Vorsorge treffen, dass die materielle Zukunft nicht allzu schlimm ausfalle. Andererseits können wir uns selbst anlegen: in Form von rhetorischen Figuren („Wüst wos, Oida?“), juristischen Auseinandersetzungen oder körperlichen Übergriffen. Eine wichtige und Missverständnissen vorbeugende Erkenntnis müssen wir Ihnen daher gleich zu Beginn mit auf den Weg geben: Ein Anlageberater ist kein Coach für Nahkampftraining! Um das gesamte Spektrum des Begriffs auch in Dienstleistungskategorien abdecken zu können, bedürfte es vielmehr des Berufsbilds des Anlegeberaters. Um dieses einzuführen, wenden Sie sich bitte an die Wirtschaftskammer Ihres Vertrauens – bis dahin leistet schon mal Harald A. Friedl im vorliegenden Heft Abhilfe in schriftlicher Form. In seiner „Anlegeberatung“ weist er uns den Pfad von der „Che-Volution“ zur konstruktiven Systemmanipulation. Doch sollte nicht eigentlich anstelle von Manipulation wieder verstärkt der Kommunikation das Wort geredet werden? Der offenen Diskussion, in der mit Fakten gearbeitet wird, anstatt mit Fake? Dem Austausch von gegensätzlichen Positionen, ohne sie gleich auch mit vorgehaltener Waffe durchsetzen zu wollen? Dem gelungenen Diskurs also? Wo ist der eigentlich? Jedenfalls bald nicht mehr in der Zeitschrift Spex, dem Zentralorgan des Popdiskurses, das mit Jahresende eingestellt wird – und schon gar nicht im politischen Feld, das zunehmend mit der Skandalisierung von Rhetorik oder „gekläfften Superlativen“ arbeitet, wie Sofie Steinfest schreibt. Den typischen Verlauf aktueller politischer Diskurse vergleicht sie mit dem feuerspeienden Drachen Grisu, der seine Brände auch zuerst legte, um sie hernach löschen zu können. Einen Zustand, den man mittlerweile täglich sich wiederholen sieht. Offen bleibt die Frage, wann sich die Praktikanten dieser Methode selbst die Finger verbrennen und ob das Denken über das tagespolitische Kalkül hinausgehend auch mit Zukunftsvisionen befasst ist.

Im Hafen der Untätigkeit haben die legendären DJ Kolchos & DJ Sowchos angelegt gehabt. Wir sind stolz darauf, sie aus dem verfrühten Ruhestand geholt haben zu können, in den sie sich nach dem Niedergang der Zeitschrift Korso zurückgezogen haben. Ihr Beitrag in diesem Heft ist der erste seit rund sieben Jahren.

Apropos Jahre: Die schreibkraft wurde heuer 20 Jahre alt, aus diesem Grund weisen wir schon mal auf das nächste Heft hin, das unter dem Titel geht’s noch? stehen wird. Ob und wenn ja, wie es geht, können Sie dann im Frühjahr 2019 lesen. Derweil wünschen wir Ihnen viel Vergnügen mit Ausgabe 33, die am 20.11. erscheinen wird!