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harald a. friedl | Anlegeberatung

Der Pfad von narzisstischer „Che-Volution“ zu konstruktiver Systemmanipulation.

„Wer jung ist und ein Herz hat, ist Rebell. Wer alt ist und ein Hirn hat, ist Konservativer“, pflegte mein Verfassungslehrer, der Grazer Politikwissenschafter Wolfgang Mantl, mir zu entgegnen, wann immer ich in Seminarrunden wortreich die vermeintlich Mächtigen für all das Leid in der Welt anprangerte. Meine Irritation ob dieser als völlig deplatziert empfundenen Floskel parierte der brillante Rhetoriker jedoch nur mit versonnenem Lächeln, denn ich war Anfang zwanzig.

Damals war ich jung, sonst gar nichts. Und ich war zudem zornig! Auf Ronald Reagans Iran-Contra-Affäre, auf Saddam Husseins Giftgas-Verbrechen, auf Kurt Waldheims Vergesslichkeit – und auf die Selbstzufriedenheit des Babyboomer-Haushalts, in dem ich behütet aufgewachsen war. Ich wollte über Che Guevara und die Sandinisten diskutieren, meine Eltern bevorzugten jedoch banale Themen wie eine karriereförderliche Studienwahl. Die Entscheidung für Rechtswissenschaften nährte sie im irrtümlichen Glauben, ich sei ‚vernünftig‘ geworden. Tatsächlich war ich immer noch jung und zornig, vor allem aber naiv …

Ich glaubte damals, Recht habe mit Gerechtigkeit zu tun. Ich glaubte, Rechtskenntnisse wären mir dabei hilfreich, das als unverdient empfundene Privileg meines bildungsbürgerlichen Standes in den Dienst der Verlierer der Globalisierung zu stellen, kurz: die Welt zu ‚verbessern‘. Und ich glaubte an die Existenz der großen Liebe. Beides, die erfolgreiche Rettung der Welt sowie die Entdeckung der großen Liebe, könne lediglich eine Frage des persönlichen Einsatzes sein. Also arbeitete ich hart – und litt abwechselnd an der Niederträchtigkeit der Welt oder an unerwidertem Liebeswerben.


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