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birgit mattausch | Anordnungen

Über die Verrücktheit der Dinge.

Welches Maß soll man anlegen?
„Ich weiß nicht, ob ich von meiner Frau sagen soll, dass sie Malerin ist“, fragte sich Robert Musil, ein hellsichtiger Chronist des modernen Zeitgeists. Das Zitat steht in seinem Klagenfurter Geburtshaus wie ein Motto an der Wand, was ihm eine zentrale Wichtigkeit im Denken des Autors verleiht, die ich bezweifle. Aber es ist ein interessanter Satz, der in seiner Mischung aus Ironie und Ratlosigkeit symptomatisch ist für das Dilemma des modernen Zeitgeists: Die Suche nach Gewissheit allerorten, der Hang zum Bestimmen, Messen und Einordnen, während sich rundherum alles verflüchtigt.

Vor Jahren sah ich eine Ausstellung von Bewerbungsarbeiten an der „Köln International School of Design“. Ein Exponat bestand aus einer Holzkiste, in der mehrere Gebäckstücke lagen – ein paar Berliner (die man in Berlin Pfannkuchen und in Österreich Krapfen nennt) neben einem Amerikaner (ein rundes Gebäck mit Hirschhornsalz und dickem Zuckerguss). Sobald ein Besucher den Kistendeckel öffnete, ertönte die Stimme des Amerikaners laut und schnarrend: „Ich bin ein Berliner!“ Ob der Kandidat die Jury mit seiner ironischen Auslegung überzeugen konnte, weiß ich nicht. Die damalige Bewerbungsrunde stand unter dem Motto „Plagiat“ – ein Wort, das inzwischen einen hysterischen Beigeschmack hat wie andere Absolutheitsbegriffe, die etwas mit Echtheit oder Falschheit von Identität zu tun haben.

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