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Eine späte Entdeckung

Lucia Berlin schrammt in ihren Erzählungen durch alle Milieus.


Lucia Berlin: Was ich sonst noch verpasst habe. Storys.

dtv 2017

Rezensiert von: sarah fötschl


Lucia Berlin verstarb 2004 in Marina del Rey, Kalifornien, und ihre Texte gelten als Wiederentdeckung. Die Autorin wird posthum eine der großen amerikanischen Literatinnen des letzten Jahrhunderts genannt. Eine späte Entdeckung. Geboren als Lucia Brown 1936 in Alaska, wuchs sie in verschiedenen Minenstädten der Rocky Mountains auf: Montana, Idaho, Arizona, in El Paso, Texas, später in Chile, sie studierte in New Mexiko, lebte dann in New York, wo sie als Lucia Newton publizierte. Aufgrund ihres Ehemannes landete sie wieder in Mexiko, arbeitete als Aushilfslehrerin an der Universität von New Mexico, es folgte Umzüge nach Kalifornien und Boulder, Colorado, wo sie als Associate Professor kreatives Schreiben unterrichtete. Diese Position musste sie im Jahr 2000 aufgrund ihrer Skolioseerkrankung aufgeben. Da sie das Klima im Mittelgebirge von Boulder aufgrund ihrer Atembeschwerden nicht vertrug, zog sie wieder nach Kalifornien. Berlins Leben war von Ortswechseln und Grenzüberschreitungen geprägt und auch von Alleinsein und jener Stärke, die Menschen lernen, die schon als Kind laufend wechselnde Nachbarschaften und selten lange Freundschaften kannten. Dass ihr Vater Bergbauingenieur und ihre Familie wohlhabend gewesen war, änderte nichts daran, dass Lucia Berlin in ihren Erzählungen durch alle Milieus schrammt: Katholische Schulen und prüde protestantische Moralverstrickungen, illegale Abtreibungen im mexikanischen Grenzgebiet (wo sich wohlhabende Amerikanerinnen genauso einfinden wie Minderjährige und mexikanische Mädchen und Frauen), großspurige neureiche protestantische Texaner, die aus ihrer neuen einmotorigen Piper Cub zu Weihnachten Spielzeug und Lebensmittel aus der Luft über Armenvierteln von Mexiko abwerfen wollen, kommunistische Lehrerinnen mit naivem Idealismus, alkoholkranke Großväter, Onkel und Mütter, Drogendealer, Krankenschwestern, die sich um schwerstbehinderte und todkranke Kinder kümmern, brutale Verwahrlosung, sexueller Missbrauch und ohnmächtige junge Frauen, Obdachlosenheime und gewalttätige Übergriffe, vor Autorität strotzende Ärzte, Putzfrauen, die die menschliche Psychologie und die Ordnung der Dinge besser kennen als Psychiater, senile Väter, die schrittweise jeden Bezug zur Realität verlieren und deren demente Persönlichkeit im Alter in keiner Facette mehr jener seriösen, intelligenten, integren Kraft nahekommt, die einmal war. Lucia Berlin kennt viele Milieus und auch die Realität, in der der Übergang eines Schicksals zwischen Milieus fließend sein kann. Sie arbeitete oft überqualifiziert trotz ihrer universitären Ausbildung in Sekretariaten, Krankenhäusern, Notaufnahmen, Gefängnissen, als Telefonistin, Lehrerin oder Putzfrau, bewegte sich in multikulturellen Bereichen, beschreibt US-Amerikaner in Südamerika und Südamerikaner in den Staaten. Sie ließ sich drei Mal scheiden, zog vier Söhne teilweise alleine groß, sie trank phasenweise viel Alkohol und pflegte kontinuierliche Brieffreundschaften mit anderen Autoren, unter anderem mit Robert Creeley und Kennward Elmslie. Die Sprache in den Storys wirkt oft schroff, Berlin setzt Verknappungen und Verkürzungen in der Ausdrucksweise als realistische Stilmittel ein, relevante Benennungen und Aussagen sind vereinzelt in Spanisch gehalten. Die Figuren in ihren Storys kehren wieder. Die Ich-Erzählerin, von der man meinte, dass es sich in der Einführungsgeschichte klar autobiografisch um Berlin selbst handelte, kehrt in der nächsten Geschichte wieder, dann: Viele Figuren kehren wieder – frühere Versionen lassen sich in den Umständen anderer Figuren in den nächsten Geschichten vermuten. Die voneinander unabhängigen Storys greifen doch ineinander über, eine Art offener Kanon, Berlins Art zu schreiben erinnert an Beat-Autoren. Jedenfalls empfiehlt es sich, Lucia Berlins Storys im englischen Original zu lesen. Die deutsche Übersetzung ist gut, versucht den stilistischen Duktus wiederzugeben, es entgehen einem aber doch die originären Stilmittel und Ausdrucksweisen des Originals.