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Feuilleton der Ausgabe 33 - anlegen

sofie steinfest | Vertrauensvorschuss

Eine Streitschrift

Als ich noch klein war und nichts dagegen einzuwenden hatte, hat man mir erklärt, mein Leben verliefe nach einer vorherbestimmten Schrittfolge. Das Gelingen, so hieß es, bestünde darin, diesen Parcours mit größtmöglicher Eleganz zu durchlaufen. Freilich scherte man sich dabei vornehmlich um meine berufliche Zukunft – dem Primat der Karriere vor dem persönlichen Wohlergehen huldigend, das damals wie heute angesagt ist. Die, denen ich sch... lesen


herbert christian stöger | König Gustav Adolfs Glorie

Sich oder sonstwas anlegen.

Anlegen: 1. sich ganz sanft anlehnen, spüren, dies ist der richtige Ort, wo Scheine und Münzen noch riechen, als wären sie dort geboren. Kein Zweifel, niemand zweifelt. Das Kerngeschäft ist niemals säen, sondern nur ernten. Wer aufzustehen wagt, fällt leichter um. Wer zu dumm ist, um zu wissen, dass man dumm ist, ist dumm genug, es niemals herauszufinden. * Geld wie Heu haben, welches so dicht aufgestapelt ist, dass es schon zu verfau... lesen


daniel nachbaur | Hausse oder Haschisch

Zweierlei Rausch.

Walter Benjamin hat Ende der Zwanzigerjahre eine interessante kleine Novelle verfasst, die von einem gescheiterten Börsengeschäft handelt. Sie ist ihrem Plot nach wohl fiktional, enthält aber zugleich eine subtile Auseinandersetzung mit konkreten Haschischerfahrungen, die Benjamin insbesondere in einem Rauschprotokoll von 1928 festgehalten hat. Die Erzählung trägt den geheimnisvollen Titel Myslowitz – Braunschweig – Marseille und bestic... lesen


wolfgang gulis | Mehr gibt es darüber nicht zu sagen

Ein nie gedrehter Film.

Manifeste Irritation Ich werde einen Traum gehabt haben, der sich in meinem Gehirn wie ein Film abgespult haben wird. Szene für Szene, realistisch, wie es immer heißt – keine surrealen Verzerrungen, keine endlosen Wiederholungen, kein Kippeffekt ins Alptraumhafte –, wird dieser Traum – oder Film? – abgespult werden. Zu Beginn wird die feine Gesellschaft gesehen worden sein, die sich, ihre Koffer, ihre Gepäckstücke und ihre Abendgard... lesen


birgit mattausch | Anordnungen

Über die Verrücktheit der Dinge.

Welches Maß soll man anlegen? „Ich weiß nicht, ob ich von meiner Frau sagen soll, dass sie Malerin ist“, fragte sich Robert Musil, ein hellsichtiger Chronist des modernen Zeitgeists. Das Zitat steht in seinem Klagenfurter Geburtshaus wie ein Motto an der Wand, was ihm eine zentrale Wichtigkeit im Denken des Autors verleiht, die ich bezweifle. Aber es ist ein interessanter Satz, der in seiner Mischung aus Ironie und Ratlosigkeit symptomati... lesen


harald a. friedl | Anlegeberatung

Der Pfad von narzisstischer „Che-Volution“ zu konstruktiver Systemmanipulation.

„Wer jung ist und ein Herz hat, ist Rebell. Wer alt ist und ein Hirn hat, ist Konservativer“, pflegte mein Verfassungslehrer, der Grazer Politikwissenschafter Wolfgang Mantl, mir zu entgegnen, wann immer ich in Seminarrunden wortreich die vermeintlich Mächtigen für all das Leid in der Welt anprangerte. Meine Irritation ob dieser als völlig deplatziert empfundenen Floskel parierte der brillante Rhetoriker jedoch nur mit versonnenem Lächel... lesen


dirk werner | Angelegt. Angelandet

Über Wellen, die an Wände(n) branden.

Was, Sie wollen in Klees großem Hafen anlegen? Dort also, wo ein schmaler blauer Streifen nur die Küstenlinie beschreibt? Dort liegen keine Schiffe, die angelegt haben und vertäut und verankert wurden. Kein Schiff ist zu sehen, keine Bug-, keine Hecklinie. Wissen Sie, dass Sie also der und die Erste wären, die dort anlegten? – Es geht um Paul Klee, Großer Hafen: dieser Hafen, dieser imaginäre Hafen, dieser illusionäre Hafen. Einen schma... lesen


Alexander Estis | Selbst-Behauptung

Leg dich nicht mit deinem Verleger an.

Ich habe mich mit meinem Verleger angelegt. Ich wollte wissen, wer länger durchhält. Er ignorierte meine Manuskripte gänzlich, er las sie nicht, er schubladisierte sie; er etikettierte sie mit immer neuen Umschreibungen für nie: bei freier Kapazität, nächste Saison, im Falle von Manuskriptmangel; er stigmatisierte sie mit einem Locher, um sie in einen der Ordner zu heften, die er nur zu diesem Zweck öffnete: um Manuskripte einzuheften. Ab... lesen


nicole hartmann | Streitrede zu Rainald Goetz

Büchner-Preis-Rede.

Subito, mach Amore! Hallo Rainald. Hallo Rainald Goetz! Laut schreibe ich die Worte über den Graben, der zwischen uns liegt, damit du mich hören kannst. Du, der berühmte Schriftsteller, und ich, eine Person. Hallo Berlin! Energisch hast du dich bei deiner Antrittsvorlesung der Heiner-Müller-Gastprofessur an die Stadt gewandt. Hallo, Hallo, Hallo. Hört mich jemand? Hallo Rainald! Ich mag dich! Naja, um genau zu sein mag ich deine öffentlic... lesen


alexandra turek | Carnet de Bord

Aus meinem Fährtenbuch.

26. Juni 2018, Sarlat, Frankreich/Ein Ort/Ein Land/Ein Datum/ein Monat/noch eine Zahl – was aber bedeutet dies im Angesicht von Jahrtausenden, Millionen von Jahren, von Durchgängen, Zeiten? In den weiten Ebenen – Kleinvieh wurde gejagt; natürlich auch der Hase; Aber die kleineren Tiere wurden in den kühlen Höhlen nicht gefunden, es waren die großen Tiere, die man hier, den Göttern gleich, kunstvoll an geheimen Plätzen darstellte. E... lesen


alexandra rollett | Von den Gründen, Kinder zu bekommen

oder Warum Kinder keine rationalen Anlageobjekte sind.

Früher bekam man Kinder, weil man Sex hatte. Sie waren quasi das Produkt des Geschlechtsaktes. Fleischgewordene Fleischeslust. Es gab keine Möglichkeit, Kinder als Inkarnation zwischenmenschlicher Vereinigung zu verhindern: keine Pille, keine Spirale, keine Kondome. Da Sex nur in der Ehe legitim war, hatten auch Kinder nur in der Ehe ihre Berechtigung. Und da selten aus Liebe, sondern hauptsächlich aus ökonomischen und gesellschaftlichen Gr... lesen


michael helming | Dirk, Darwin & der Domino Day

Was haben Trödelmärkte und menschliche DNS gemein?

Impulsivität und Provokation fassen einander, patsch, bei den Händen und dann bauen sie sich gemeinsam auf, stehen einem vor der Nase herum, als wären sie aus Holz; genauso sieht es aus, wenn Dirk einem Ideen vor den Latz knallt, meist in Frageform. Antworten erwartet er keine. Wer ihn nicht kennt, reagiert verstört bis ablehnend. Selbst mir fällt es oft schwer, die Klötze zu sortieren, die er da ohne Vorwarnung raushaut. Warum er das mach... lesen


bernhard horwatitsch | Hand anlegen

Ist es Sünde, sich selbst zu töten?

Einer Million Selbstmorde stehen ca. 30 Millionen gescheiterte Selbstmordversuche jährlich gegenüber. 90 Prozent aller Suizide in der westlichen Gesellschaft werden auf eine diagnostizierbare psychische Erkrankung zurückgeführt. Jeder siebte Suizid in Deutschland geht – der liebevollen Statistik nach – auf Konflikte am Arbeitsplatz zurück. Zwischen Mobbing, Burn-out und imperativen Stimmen hetzt uns der Alltag in den ohnehin gesicherten... lesen


dj kolchos & dj sowchos | Aufbruch zwischen driftenden Eisbergen

In den 1970er-Jahren war es noch möglich, mit einer Schallplatte ein ganzes Land auf den Kopf zu stellen. Eine Film-Dokumentation widmet sich diesem Phänomen.

Die Kolonisierung Grönlands durch Dänemark begann erst im 18. Jahrhundert. Bestehende Siedlungen wurden umbenannt, Walfangstationen errichtet. Diese waren dänische Außenposten, keine autarken Gebiete wie die Siedlungen im Mittelalter, die im ausgehenden 10. Jahrhundert von aus Island stammenden Einwanderern gegründet und spätestens im 16. Jahrhundert wieder verlassen worden waren, als das kälter werdende Klima keine Landwirtschaft mehr zu... lesen