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daniel nachbaur | Hausse oder Haschisch

Zweierlei Rausch.

Walter Benjamin hat Ende der Zwanzigerjahre eine interessante kleine Novelle verfasst, die von einem gescheiterten Börsengeschäft handelt. Sie ist ihrem Plot nach wohl fiktional, enthält aber zugleich eine subtile Auseinandersetzung mit konkreten Haschischerfahrungen, die Benjamin insbesondere in einem Rauschprotokoll von 1928 festgehalten hat. Die Erzählung trägt den geheimnisvollen Titel Myslowitz – Braunschweig – Marseille und besticht durch ihren hintergründigen Witz: Der Protagonist, der Maler Scherlinger, befindet sich in Marseille und hat gerade Haschisch zu sich genommen, als man ihm einen Börsen-Insidertipp aus Berlin telegrafiert. Nun muss er das Geschäft unter Dach und Fach bringen, noch bevor die Droge ihre Wirkung entfaltet. Er eilt sofort zum Postamt, um zu telegrafieren, aber schon unterwegs trifft ihn der Rausch mit solcher Wucht, dass er sein Vorhaben nicht mehr ausführen kann. Aus den Zeitungen erfährt er am nächsten Tag von der „sensationellen Hausse in Royal Dutch“. Aber anstatt sich über die vertane Chance zu ärgern, hält er nur lakonisch fest, dass er sich noch nie so „klingend, klar und festlich nach einem Rausche gefühlt“ habe. Damit endet die Geschichte. Woher diese Euphorie? Was will uns diese Pointe nur sagen? Um dieses Rätsel zu lösen, muss man sich zunächst Rechenschaft über die Beziehungen zwischen Rausch, Nüchternheit und Kapitalismus geben, die hier offenbar angesprochen werden.

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