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Alexander Estis | Selbst-Behauptung

Leg dich nicht mit deinem Verleger an.

Ich habe mich mit meinem Verleger angelegt. Ich wollte wissen, wer länger durchhält. Er ignorierte meine Manuskripte gänzlich, er las sie nicht, er schubladisierte sie; er etikettierte sie mit immer neuen Umschreibungen für nie: bei freier Kapazität, nächste Saison, im Falle von Manuskriptmangel; er stigmatisierte sie mit einem Locher, um sie in einen der Ordner zu heften, die er nur zu diesem Zweck öffnete: um Manuskripte einzuheften. Aber ich blieb hartnäckig, und seine Schubladen, Regale und Archivkästen waren schnell überfüllt.

So griff er zu raffinierteren Verfahren. Er schob die Manuskripte der Volontärin zu; doch sie fand Schutz bei der Gewerkschaft und schob zurück. Er sandte die Manuskripte weiter an andre Verlage; doch die Verlage retournierten. Er gab die Blätter seinem Bruder, einem expressiven Maler, damit er Boden und Wände seines Ateliers tapeziere; doch daraufhin schenkte ihm der Bruder ganze Mappen aus der neuen Serie „The Beuysed Manuscripts“.

Da fiel ihm plötzlich ein, dass Manuskriptbögen eine angemessene Dekoration abgeben könnten für die Hochzeitsfeier eines Verlegers; also heiratete er; später bastelte er daraus Flieger, Schiffchen und Hüte für seinen Sohn; als dieser dafür zu erwachsen geworden war, erlernte der Verleger Origami, um die Bögen zu unterschiedlichen filigranen Gebilden zu falten und um endlich seiner neueroberten Geliebten hundert papierene Lilien zu präsentieren. Nach dieser Vollbringung schmerzte sein Daumen vom beständigen Ziehen der Falz, sodass der Orthopäde ihm das Origami untersagte und stattdessen Tai-Chi verordnete. Aber beim Tai-Chi dachte der Verleger nur daran, was er mit der nächsten Manuskriptsendung anstellen würde; Tai-Chi war dafür sinnlos.


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