schreibkraft - Das Feuilletonmagazin

Menüpfad zur ausgedruckten Seite: Home ausgaben 33 - anlegen Streitrede zu Rainald Goetz
Adresse: https://schreibkraft.adm.at/ausgaben/33-anlegen/streitrede-zu-rainald-goetz

nicole hartmann | Streitrede zu Rainald Goetz

Büchner-Preis-Rede.

Subito, mach Amore!
Hallo Rainald. Hallo Rainald Goetz! Laut schreibe ich die Worte über den Graben, der zwischen uns liegt, damit du mich hören kannst. Du, der berühmte Schriftsteller, und ich, eine Person. Hallo Berlin! Energisch hast du dich bei deiner Antrittsvorlesung der Heiner-Müller-Gastprofessur an die Stadt gewandt. Hallo, Hallo, Hallo. Hört mich jemand? Hallo Rainald! Ich mag dich! Naja, um genau zu sein mag ich deine öffentliche Person, die andere kenne ich nicht. Und weil ich dich mag, also deine öffentliche Person, frage ich dich, rhetorisch natürlich: Was ist nur aus dir geworden? Du warst Punk und Pop und irgendwie radikal – aber so wie Punk Mode geworden ist, so hast du den Georg-Büchner-Preis bekommen. Vereinnahmt wurdest du, Rainald, vereinnahmt durch das Lob und das Geld und das FAZ-Feuilleton. Seht her, scheinen sie zu rufen, diese Vertreter der Gesellschaft, wir lieben dich! Nicht nur für deine Sprachgewalt, sondern auch für deinen Zorn, der sie die eigene Wut spüren lässt, die unter Eigentumswohnungen, Vorgärten und Jobs begraben liegt. Dafür beheimaten sie dich in den Kulturbeilagen ihrer Zeitungen, in ihren Verlagen und Akademien. Kein Kniefall war nötig, um die entscheidenden Worte von dir zu hören: Ja, ich will! Der Wahnsinn, das Irresein, die Brutalität, der Hass, der Schnitt im Gesicht: Ja, ich will. Für ewig verbunden. Den Stachel aus dem Fleisch gezogen. Saftig, gut abgehangen, gewürzt, gebraten, gegessen.


mehr im Heft