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alexandra rollett | Von den Gründen, Kinder zu bekommen

oder Warum Kinder keine rationalen Anlageobjekte sind.

Früher bekam man Kinder, weil man Sex hatte. Sie waren quasi das Produkt des Geschlechtsaktes. Fleischgewordene Fleischeslust. Es gab keine Möglichkeit, Kinder als Inkarnation zwischenmenschlicher Vereinigung zu verhindern: keine Pille, keine Spirale, keine Kondome. Da Sex nur in der Ehe legitim war, hatten auch Kinder nur in der Ehe ihre Berechtigung. Und da selten aus Liebe, sondern hauptsächlich aus ökonomischen und gesellschaftlichen Gründen geheiratet wurde, hatte auch der Nachwuchs eine rein finanzielle und soziopolitische Daseinsberechtigung: Er sorgte für den Fortbestand des Lebens, der Besitztümer und des Familiennamens. Kinder waren Anlageobjekte. Für das Gefühls- und Geistesleben ihrer Eltern spielten sie nur eine untergeordnete Rolle.

Dann kam Ende des 18. Jahrhunderts die Romantik und erfand den Zusammenhang zwischen Liebe, Ehe und Sex. Individualität, Begehren und zwischenmenschliche Verbundenheit waren mit einem Mal das Fundament, auf das man seine Familie baute. Kinder sah man als äußeres Zeichen der Liebe zweier Menschen an, die sich aus freiem Willen entschlossen hatten, ihr Leben miteinander zu verbringen. Heute sind Kinder weder das Nebenprodukt von Sex noch von Liebe. Denn aufgrund diverser medizinisch-technischer Erfindungen und der Liberalisierung der Gesellschaft in den 70er Jahren können wir das Kinderkriegen komfortabel und massentauglich verhindern. Es gibt zuverlässige Verhütungsmittel, und falls doch mal alle Stricke bzw. Kondome reißen, besteht die Möglichkeit einer legalen Abtreibung.


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