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doris claudia mandel | Ostens Thymos

Und wie er den Westen aufmischt.

In jüngster Zeit werde ich immer häufiger mit einer Lautäußerung konfrontiert, die schon bei den geringsten Vergehen, teils auf offener Straße, strafend auf mich herniederprasselt und so apodiktisch zu sein scheint, dass sie in dem betreffenden Augenblick durch keine andere ersetzt werden kann: „Geht’s noch?!“ Dabei gibt es im Deutschen bereits wunderhübsche Redewendungen, mit denen wir in der Vergangenheit unserem Unmut Luft zu machen pflegten: „Du hast doch nicht alle Tassen im Schrank!“, „Ham se dir ins Jehirn jeschissen?“, „Du hast ’n Rad ab“, „Ich glaub, mein Schwein pfeift!“, „Bist du noch zu retten?“ Mich beschäftigt seit einiger Zeit die Frage, warum sich neuerdings gegen all diese klassischen Prachtsätze das – zugegeben griffigere – „Geht’s noch?!“ durchzusetzen scheint. Zum einen kann ich mir vorstellen, dass es wegen seiner Kürze durchschlagkräftiger ist. Noch knapper bemessen sind nur „Arsch!“ oder „Depp!“. Zum anderen mag es aber auch daran liegen, dass es weniger derb anmutet als die beiden letztgenannten Schimpfwörter oder die lästerlichen Redewendungen, die fast ausschließlich ein konkretes Defizit ansprechen, zumeist (wenngleich hie und da bildhaft verbrämt) ein nicht exakt funktionierendes Gehirn. „Geht’s noch?!“ hat einen anderen Ansatz. Zwar zielt es im Prinzip auf genau dasselbe, nämlich eine Beleidigung, aber das bewerkstelligt es mit feinerer Klinge und dem unüberhörbaren, ironischen Unterton: „Kann ich helfen?“ Diese Ironie ist wahrscheinlich dafür verantwortlich, dass „Geht’s noch?!“ die gesellschaftliche Mittelschicht erreicht hat, während ich die anderen Beschimpfungen früher zumeist aus den Mündern von Menschen vernommen habe, die Shakespeare für ein Mixgetränk halten. Eine Weile glaubte ich darum irrigerweise, die Deutschen hätten im Umgang miteinander zum Respekt zurückgefunden und sich ihrer dichterisch-denkerischen Tugenden besonnen, insofern als die besagte Phrase einige Interpretationsvarianten anbietet. So kann sie, wie gesagt, bei Bedarf als eine höfliche, besorgte Nachfrage gedeutet werden, dergestalt, dass sich jemand aufrichtigen Herzens über das Wohlergehen des Gegenübers erkundigt. Nehmen wir zum Beispiel mich.

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