schreibkraft - Das Feuilletonmagazin

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Literarische Texte der Ausgabe 30 - wälzen

wolfgang gulis | Sivy

Sivy wagt sich langsam vor. Ausatmen. Schritt. Einatmen. Schritt. Ausatmen. Schritt. Sie tastet sich vor. Ihre Zehen mit den dunkelrot bemalten Nägeln sind die Kundschafter. Der Untergrund rau und stachelig. Ihre nackten, kleinen Füße folgen, erkunden die Baudielen. Ein erster zaghafter Schritt, dann folgt Belastung des Fußes. Ihr Herz pocht laut, drängt hinter ihren Ohren an die Oberfläche. Die Bretter liegen lose nebeneinander, bewegen s... lesen




Literarische Texte der Ausgabe 29 - verspielt

Karsten Redmann | Ein neuer Tag, kein neues Leben (1-20)

(1) Wieder ein Tag - einer, wie jeder andere auch, denn einer folgt auf den anderen, und alle, alle sind sie gleich, ja, gleich, ohne Unterschied, identisch sozusagen. Warum ich das denke? Weil ich die Tage ebenso erlebe - nichts weiter. Ein Tag gleicht da dem anderen, wie ein Ei dem anderen. So sagt man doch: ein Ei gleicht dem anderen. Ich habe diesen Satz in meinem Leben schon oft gehört. Und genau so ist es auch mit den Tagen: Ei... lesen


Marion Boginski | Glück total

Heute ist er noch nicht unterwegs. Es hat geschneit in der Nacht. Eine Stunde Fußweg in Turnschuhen hin und eine zurück. Nein, heute nicht. Vielleicht morgen. Morgen ist gut. Da muss er sich beim Arbeitsamt melden. Vor zwei Wochen ist er wieder gegangen. Der Warteraum war ihm zu voll. Hätte ja den ganzen Tag gedauert. Wie die sich das vorstellen? Wenn sie was wollen, können sie sich ja melden. Haben sie dann auch. Wo er bleibt? S... lesen


roland steiner | Lindenblüten

0 Nachdem das mit Simone passiert war, verließ ich den See. Vierzehn Jahre, zwei Monate und elf Tage lang hatte ich die Hütte am Nordufer des sommers türkis schimmernden Gewässers gepachtet. Nachdem das mit Simone passiert war, vergaß ich den Vertrag zu kündigen, war einfach verschwunden.   1 Vierzehn Jahre verließ ich den See nur, um im zwanzig Kilometer entfernten Ort für unsere Wirtschaft nötige Einkäufe... lesen




Literarische Texte der Ausgabe 28 - wie meinen?

thomas antonic , thomas ernst brunnsteiner , thomas fitzel , werner schandor | Das Brunnsteiner-Dossier

Meinungsverschiedenheiten werden oft bei Gericht ausgetragen. Der Ausgang ist manchmal überraschend. Vor allem, wenn es um so etwas Dehnbares wie das Urheberrecht geht.

Die Schweiz: Heimat von Joseph „Fußballpate“ Blatter, von unzähligen sehr verschwiegenen und von Gaunern auf aller Welt hoch geschätzten Bankinstituten – und von Gerichten, die überraschende Wendungen in eindeutig scheinende Verfahren bringen können. Oder: Wie aus dem Autor Thomas Brunnsteiner, der sich vom Schweizer Autor Urs Mannhart plagiiert sah, der Gelackmeierte wurde. Eine Chronik. Auftakt, Sommer 2014: Thomas Brunns... lesen


beppo beyerl | Schülerstreben

Der Nebel liegt dicht, und es ist finster in der Früh. Ich zwänge mich durch die Öffnung zwischen dem Drahtgitter, an dem ich mir letztens den Mantel aufgerissen habe, und dem Gebüsch, aus dem das Grauen steigt. Eilig stapfe ich auf den Steinen zum Bach hinunter und drücke die Schultasche fest an den Körper. Dann der kurze Anlauf und der Sprung über das Wasser. Für einen Augenblick bleibe ich stehen und zünde mir hinter der hoc... lesen


sibylle severus | Meinungen über Meinungen

Vor der Reise ahnte Frau Anselm nicht, dass ihre Fußsohlen in Wien außer Rand und Band geraten würden. Nur hier spinnen die Füße, nicht in Amsterdam oder Paris, nicht in Zürich oder Venedig. Der Kopf dagegen ist voll von Erwartungen. Er spielt seine eigene Melodie über dem basso continuo der Füße, die Thomas Bernhards in den Siebzigern hingeworfene Meinung: – wie viele Hunderte Tote niemals geborgen, sondern (-) ganz einfach... lesen




Literarische Texte der Ausgabe 27 - zweifelhaft

deike lautenschläger | Was vorher noch nicht da war

  Eines Morgens, als ich auf dem Weg zur U-Bahn meinen MP3-Player aufsetzte, war da zwischen Track acht und Track neun ein kleiner Ton, der vorher da nie gewesen war. Ich stieg in die Bahn, kümmerte mich nicht weiter darum, sprang weiter nach vorn zu Track vier und wippte im Takt entgegen dem Schlagen der Gleise. Aber wenig später war er da wieder, der Ton. Ich war mir ganz sicher. Natürlich dachte ich auch wie beim ersten Ma... lesen


irina kilimnik | Kaleidoskop

Dass aus Frank und Mascha ein Paar wurde, verdankten beide einem schlichten Zufall. Zumindest aus Franks Sicht. Mascha dagegen glaubte an das Schicksal, an eine Vorsehung oder wenigstens an eine besondere Sternkonstellation. Ihren Freunden erzählte sie, dass an dem Tag Magie in der Luft lag. Frank dagegen sprach nur von einem nebligen Vormittag. Selbstverständlich hatte Mascha die Initiative ergriffen, wogegen Frank ihrem Annäherungs... lesen


sabine haupt | Idole

"Ich habe es doch gewusst“, hatte er schon nach ein paar Minuten gesagt und dabei die Traubenkerne in seine hohle Hand gespuckt: „Ich wusste immer, dass du eines Tages zurückkehren würdest.“ Er hatte sie angeschaut, ohne Neugier und ohne Erstaunen. Es war kein Triumph in seiner Stimme gewesen, aber auch keine Freude. Er hatte sie lange betrachtet, sorgfältig, nachdenklich, ungefähr so, wie man eine Landkarte studiert oder eine... lesen


thomas ernst brunnsteiner | Brief zur Literatur

Sehr ge-, verk- und bek-, ent- und verehrte Leser! Wie Sie wissen, denke ich gerne nach. Es ist mein Verfahren, dem Weltungeheuer beizukommen, ich beginne mit dem Nachdenken oft schon vor dem Aufstehen und das Nachdenken hält mich an vielen Abenden davon ab, überhaupt einschlafen zu können. Alle Tätigkeiten, die mich vom Nachdenken abhalten, sind mir dennoch im Wesen zuwider, das war schon immer so und wird sich wohl auch nicht m... lesen


selim Özdogan | In Gummistiefeln

– Du glaubst nicht wirklich, dass Außerirdische die gemacht haben, oder? – Nein, sagte ich, das glaube ich nicht. Ich sage nur: Es ist möglich. Ein Stück trockenes Holz knackte unter dem Rad meiner Schubkarre. – Es ist längst bewiesen, dass die alle von Menschen gemacht wurden. Zwei Engländer haben zugegeben, dass sie das waren mit den Kornkreisen. Das kann jeder nachlesen. Den einen hat seine Frau verdächtigt, er hät... lesen


michael bauer | Zweifel. Ein Selbstversuch

Zufall, den es nötig gehabt hat, manchmal, der in dir diese Fragen wieder zum Vorschein bringen wollte. Zweifel, der dich auch noch hier in den Linienbus auf der Autobahn nach Sofia an jenem einundzwanzigsten Dezember begleitet hat: Auswahl an Deutungsmustern. Vielleicht das Dazwischen, was da ist zwischen dem, was du kennst, und dem, was auch der Fall hätte sein können: die anderen Menschen, deren Ichbewusstsein, von dem du nichts w... lesen


jonis hartmann | Gänse treten und andere Texte

Gänse treten Mein Taschenrechner hat ausgerechnet, dass ich in 234 Tagen und drei Stunden eingehen werde. Das war gestern. Heute ist Montag. Ich laufe am Ufer und kicke die Viecher ins Wasser, nur wenn ich auf der einen Seite fertig bin, ziehen sie sich auf der anderen Seite schon wieder hoch.   Innovativ wie Asche An einem grauen Morgen, dessen Jahreszeit unerheblich ist, beging ich zum ersten Mal keinen Fehler. Ich... lesen




Literarische Texte der Ausgabe 26 - da capo

karin schöffauer | aus dem notizbuch

I. da ist ein zaun mit einem wächter und ein schwarzes eisentor und es geht steil bergauf und oben ist ein haus und ein zaun und ein rotes gitter und im haus drin ist ein mann und eine bahnhofsuhr die sagt sie kommen zu früh sie kommen zu spät. kriecht auch gleich wieder hügelab erklimmt die stufen des autobus gerinnt zu den schauern vor dem einen riesigen scheibenwischer über die ganze vorderfront. wollte nur ein kleins bi... lesen


händl klaus | kluge kinder

Das Schuljahr in Sankt Florian begann mit einem Paukenschlag, die Kinder wurden aufgeklärt. Sie lernten, wie man Kinder zeugt, und ... daß es Kinderschänder gibt, mit Süßigkeiten in der Hand und einem Messer, während sie lächeln; sie lügen, Kind, steig ein, wir wollen deinen Vater, der ein alter Freund ist, noch aus Kindertagen, überraschen, komm. Bilder von Messern und blutigen Mützen gingen durch die Reihen. Ihr müßt laufe... lesen


händl klaus | junger hund

Im Kaufhaus sah der alte Nachbar seine Jugendliebe wieder, ihm wurde heiß, er sprach sie an. Gottseidank erinnerte sie sich an ihn. Sie versuchte, überlegen zu wirken, denn die Vergangenheit war ihr zu viel, sie lehnte sie ab. Dazu rauchte er seine ewige Zigarre, ihr wurde schlecht davon. Wie froh war sie, ihm ... seinerzeit den Laufpaß gegeben zu haben. Der Schmerz, der seit der ... letzten Woche in seinem linken Knie und in der lin... lesen


stefan schmitzer | (viertausend, gleißen)

na also. viertausend im minus, ist das nichts? bürgerkrieg im sudan, inflation bei den amis, lebensmittelknappheiten wohin man schaut? im garten, hinterm   haus, schwer einzusehen, sitzt frau hoffnung, schnuppert, denkt an früher, na, ist das nicht eine scheiß-allegorie, zu simpel und doch zu gelehrt im abgang? bloch   in rechnung gestellt, und benjamin, und trotzdem    viertausend im mi... lesen


michael ostrowski | kriminaltango

Das Puzzle fügt sich zu einem Bild

... exklusiv in der Printausgabe von schreibkraft, Heft 26, nachzulesen. lesen


teresa präauer , wolf haas | jandl: im ernst

Einn Mail von Wolf Haas und Zeichnungen von Teresa Präauer

... exklusiv in der Printausgabe von schreibkraft, Heft 26, nachzulesen. lesen




Literarische Texte der Ausgabe 25 - schön blöd

stefan schmitzer | soundneid?

Selbstkritik, betreffend den Kontext einer kontextorientierten Textkritik: Von der vergeblichen Sehnsucht nach dem „richtigen“ Schreiben

Der Kontext: Über Edition C4 2011-2013 Edition C4 2011/2012, das waren ein paar Lesungen und dazugehörige gratis Lesungs-CDs, eingeschlagen in literarische Flugzettel. Worum es ging, war, Literatur in den Clubkontext zu stellen: Also Leuten einen sog. Leseanreiz zu geben, die zwar über einigermaßen verfeinerte ästhetische Bedürfnisse verfügten, welche aber leider – und danke der Nachfrage! – von Musik, Vintage-Mode und dem besseren... lesen


ann cotten | ausreden

Stocherung in den Grundlagen und Vorausannahmen der gegenwärtigen Literatur

Dass die Philosophie und insbesondere jene Teile von ihr, die dazu dienen, den Praxen ihren immer berechtigten, aber immer lähmenden Selbstzweifel zu einem Fundament zu zementieren, also Epistemologie und Wissenschaftstheorie, den Einzelnen seine Ausreden nicht nur in den Mund legt, sondern auch wieder abnimmt und als „wahre Aussagen“ zum Beispiel einfach in der Gegend stehenlässt, sodass jeder zu ihnen laufen und sich hinter ihnen vers... lesen


martin fritz | die potter‘schen paradoxa

tatsächlich die beste szene von dawson‘s creek ist kathartische phase des breakfast-club-szenarios, in der so ziemlich alles, was in den sechs seasons an relevanz vorkommt, zusammenfällt wie eine sehr windschiefe holzkonstruktion, gegen die ein hamster rennt. „when did everyone become so obsessed with sex“, fragt joey, und wie jeder dieser joey-sätze ist die frage genauso sinnlos, weil evident, wie gut, weil relevant, genauso naiv wi... lesen


barbi markovic | remix 2

Während ich, bevor Mascha ausgestiegen ist, nur auf Serbisch vorgelesen habe, lese ich, nachdem Mascha ausgestiegen ist, auch auf Deutsch vor. Weil Mascha nicht mehr mit mir liest, lese ich jetzt, nachdem Mascha nicht mehr mit mir liest, auch meine Lieblingsstellen vor, nachdem Mascha ausgestiegen und mit Kusturica auf Lesetournee ist. Und ohne zu zögern habe ich zum Publikum gesagt, gut, dann lese ich auch auf Deutsch, nachdem Mascha ausge... lesen


lena hach | ferienjob

Als ich mir sicher sein konnte, dass Funkes weit weg waren, zu weit, um wegen einer vergessenen Zahnspange oder eines liegengebliebenen Teddys noch einmal umzukehren, ging ich rüber zu ihrem Haus. Zwar hatte Frau Funke gesagt, ich solle erst in zwei Tagen nach dem Rechten sehen, aber ich war zu ungeduldig. Außerdem hatte ich ab jetzt die volle Verantwortung, zwei wunderbare Ferienwochen lang. Als ich über die Straße ging, stellte ich mir... lesen


peter campa | georgs aussichtsloser kampf gegen die blödheit des alltags

Walter Vyslocil war eigentlich ein sympathischer Kerl. Fand zumindest Georg. Er hatte eine Wohnung im 3. Bezirk, nahe dem Kardinal-Nagl-Platz, ziemlich geräumig, auch wenn sie nicht ihm, sondern seiner Mutter gehörte. Georg hatte sich die Schuhe ausgezogen und die bereitgestellten Hausschuhe von Walter Vyslocils Mutter angezogen, die ihm etwas zu eng waren. Er sei ein Revolutionär, behauptete er, doch einmal habe er eine Blödheit gemacht... lesen




Literarische Texte der Ausgabe 24 - aber sicher

mieze medusa | abgeschlaffter modus

Es muss am Licht liegen. An der Stadt und am Licht. Weit und breit kein Mehrblick. Ich mein den Blick mit h, den, der mit dem Meer mit ee nur die Weite gemein hat. Den Blick mit h, den ich jetzt bräuchte, weil ich mehr brauch. Mehr Geld, mehr Liebe, mehr freundliches Gegrüßtwerden auf der Straße. Vielleicht doch aufs Land ziehen. Aber nein, da muss man ja selber auch grüßen. Wie gesagt, es muss am Licht liegen. Nur Krise und Grant und M... lesen


amber rusalka reh | heimatfront

Von uns Dreien ist Miriam der Strahlung am stärksten ausgesetzt, weil sie im Dachgeschoss wohnt, aber sie lehnt es ab, das gefährlich zu finden. Sie setzt Amethysten ein, hinübergerettet aus der Vorkriegszeit. Sie stehen an jedem ihrer schrägen Fenster, Kristallseite Richtung Himmel und neutralisieren ihrer Meinung nach „Smog aller Art“. Miriam sagt das so, weil sie weiß, dass Ruth, die Pianistin vom Parterre, und ich, der Sandwich-B... lesen


tanja paar | das affenhaus

Das Zimmer im Erdgeschoß hatten sie abgelehnt. Einhellig da noch. Zu dunkel, zu miefig, fensterlos! Die abgestandene Luft nur durch einen großen Deckenventilator verrührt, eine Zumutung. Nur widerwillig stimmt das Management dem Zimmerwechsel zu, eine große Hochzeitsgesellschaft wird erwartet. Missmutig schleppt der Boy die schweren Koffer über die schmale Holztreppe in den ersten Stock – wo es doch hier viel schöner ist und die ei... lesen


christoph dolgan | ein badezimmer für sich allein

Fiction ist wie ein Spinnennetz, wenn auch nur ganz leicht befestigt, so doch an allen vier Enden dem Leben verbunden. (Virginia Woolf) Als er das Badezimmer zum ersten Mal benützte, ohne die Tür hinter sich abzuschließen, wusste er, dass er die Wohnung in Besitz genommen hatte: „Ich bin angekommen.“ (Und die Falten im Toilettenpapier, dachte er, wenn die Rolle zu Ende geht, haben kein Alter.) (Raum, den man hinter sich abschließe... lesen


roman marchel | ein sterbender schneemann

Es war Samstag, die Kirchenglocken würden bald Mittag läuten, am Himmel trat die weiß-glosende Scheibe der Februarsonne über ihre Ränder. Es war jener Glanz, den auch der Quecksilberbalken des Fieberthermometers zeigte, vor dem die Großmutter seit Monaten die Augen zusammenkniff. Als sie jetzt das zum Lüften geöffnete Fenster wieder schloss, bemerkte sie, dass die grünen und roten Tupfen des Vorhangmusters den kahlen Kirschbaum in di... lesen




Literarische Texte der Ausgabe 23 - gute reise

ann cotten | die katze in der schachtel

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rosemarie pilz | sechs grad unter dem mittleren horizont

Da hört sich alles auf. Schon länger nicht. Habe ich das gehört, meine ich. Diesen Satz. Obwohl ja schon länger allerhand dafür spräche; es sich ja grad in Wien traditionell leichter aussprechen lässt. Man würde meinen: am Würstelstand zum Beispiel. Wird nicht dort der Begriff des Hautgout laufend aktualisiert und erweitert? Man würde doch meinen, dass an diesen paar Quadratmetern Öffentlichkeit noch hörbar sei, was tags davor dur... lesen


monika rinck | drei fische

MAXIMUM ZANDER Hört ihr das, so höhnen Honigprotokolle: Es ist Zander. Liebchen, es ist Maximum Zander und Frühling dazu. Weißt du, was du siehst? Du bist eine Gefahr, oder: du bist in Gefahr (wie du willst). Sturz! Sturzblind in den Paternoster, der deinem Fall entgegenkommt. Das ist ja noch mal gutgegangen. Sag Danke. Man war dir gnädig. Manchmal, heißt es, haben Menschen mit sehr schlechten Augen solche Fähigkeiten, dass die... lesen


katharina seidlitz | kleiner ausschnitt ohne ausblick

Als ich anfing, im technischen Museum zu arbeiten, war ich überrascht, Martina dort zu sehen. Ich erkannte sie nicht beim ersten Mal. Sie trug die Haare kürzer, mit blonden Strähnen und war insgesamt runder geworden, weicher. Aber es war das gleiche schiefe Lächeln.  Drei Jahrzehnte zuvor gingen wir auf verschiedene Schulen, gehörten jedoch zum selben, losen Freundeskreis. Sie spielte damals in einer Band Triangel und Tamburin. E... lesen




Literarische Texte der Ausgabe 22 - zahlen bitte

daniel wisser | Zum letzten Groschen

Im Dorfgasthaus Zum letzten Groschen in Zils tauchte jeden Tag ein Mann mit einem auffälligen Schnurrbart auf, der zuerst erspähte, ob der Platz ganz links an der Schank frei war. Stand bereits jemand an diesem Platz, so verließ der Mann das Gasthaus wieder; war der Platz frei, so stellte er sich an die Schank und bestellte zuerst ein Viertel Sandhügler, dann ein Achterl Sandhügler und schließlich einen großen Birnernen. Bald kannte di... lesen


jan giffhorn | Abzurechnen

Diversity-Training. Pffft! Lohnt doch nicht, bei den paar Leuten davon, finde ich. Genau das habe ich auch zum Chef gesagt. Und, ehrlich, ich bin eh auch unter der Woche ein toleranter Mensch und mich stören diese Leute eigentlich überhaupt nicht. Man bemerkt sie meistens (glücklicherweise) eh kaum, und das ist auch gut so, – schließlich sind wir ja alle gleich, warum sollte man für die da dann eine Ausnahme machen? Und, me... lesen


christian baier | Prognosen, die Vergangenheit betreffend (Auszug)

Eine SMS verirrt sich auf mein Handy. So etwas passierte früher. Die Zeit der Irrtümer ist vorbei. Ich kenne die Nummer des Absenders nicht. Ihre Quersumme ist neun. Die Nachricht lautet: „Was ist los?“ Es gibt Fragen, die ihre Antwort in sich tragen wie Ungeborenes. In letzter Zeit kann ich keine Zeitung aufschlagen, ohne auf das Bild eines Fötus zu stoßen. Ich hebe die Augen und sehe eine Frau, die zur selben Zeit ihr Handy in der H... lesen


stefanie lehrner | Meilensteinschleuder

Bitte nur laut und bergauf lesen, am besten auf einem Fahrrad ohne Gangschaltung, wahlweise auch Dreirad, wenn es sehr heiß oder wahlweise auch staubig ist, auf einer steinigen Schotterstraße, wahlweise auch uneben. Über den Berg. Über den Berg. Über den Berg. Ein Entwurf nur einen Steinwurf vom anderen entfernt. Mit Meilenstiefeln irrst du zwischen den Meilensteinen. Zwischen dem einen und dem anderen Leben. Stein 1. Stei... lesen


michael pelitz | Die Ziehung

9.878 Tage hätte er noch am Leben sein müssen, um im exakt selben Alter wie seine geliebte Mutter zu sterben. Sie wurde 90, war bis zuletzt äußerst agil und fiel einfach um, als sie den Herrgottswinkel abstaubte. Ihr Kreuz zerbrach an der Tischkante. Der Tod trat augenblicklich ein. Auch wenn der Tisch ihren Fall nicht gebremst hätte, wäre sie vermutlich gestorben, meinte der Amtsarzt. „Und außerdem hätten’s danoch eh nur a G’sc... lesen


christof huemer | Sterne zählen

Es lässt mich diese folgende Geschichte gleich mehrfach in schlechtem Licht erscheinen: Die Pointe basiert darauf, dass ihre Protagonistin mangelhaft Deutsch spricht, für einen Beitrag in diesem Umfeld vielleicht etwas heikel. Des Weiteren gebe ich darin die etwas jämmerliche Figur eines aufs Bezirzen französischer Au-pair-Mädchen spezialisierten Gigolos ab, dabei entspricht genau das Gegenteil der Wahrheit. Und dann kommt auch noch dies... lesen


markus kopcsandi | Nulleier, Kurt Nulleier …

„Ein Verlängerter – das macht 1.80 Euro.“ Kurt kramt in seinen Taschen. Die viel zu langen Ärmel seines Diskont-Anzugs von der Stange machen ihm zu schaffen. Ebenso der Inhalt. Die hageren Finger zaubern ein Euro-Stück aus der linken Tasche hervor, drei 20-Cent-Münzen aus der rechten. „Lassen Sie nur.“ Die Kellnerin seufzt, langt genervt nach dem Schotter und wendet sich ab. Kurt sieht scheiße aus. Und riecht auch so. Ein Ba... lesen




Literarische Texte der Ausgabe 21 - selbstgemacht

pia hierzegger | die stadt schenkt den muslimen eine kirche

Das stimmt natürlich so nicht ganz, aber das wusste ich noch nicht, als ich vorigen Sonntag in die Herz-Jesu-Kirche gehen wollte. Ich hatte meine schönste Bluejeans und eine blitzsaubere Bluse angezogen und kam pünktlich, zum ersten Mal nach einer ausgedehnten Reise durch Burgund, zum Gottesdienst. Doch an der Kirchentür stand eine kurze Mitteilung: Alle Gottesdienste abgesagt. Darunter stand noch etwas in einer Schrift, die ich wirklich... lesen


katharina seidlitz | ärgerhaut

Es gibt angenehme und unangenehme Wunschvorstellungen. Es gibt solche, in denen ich das Nachbarskind davor rette, von einem Laster überfahren zu werden, schwer atmend, doch mit unfehlbarem Instinkt. In anderen spiele ich auf einem grünen Rasen mit meinen zwölf Kindern und dem Hund, während eine Haushaltshilfe wie ein Engel pausenlos Limonade und Kekse herumreicht. Manchmal schiebe ich, vor mich hinmurmelnd, eingewickelt in lumpige Fetzen... lesen


reinhard strüven | von der entstehung eines kunstwerks

Emilia Castellos Aufgabe ... ... bestand in der Endkontrolle von Staubtüchern, einer Tätigkeit, die weder geistige noch körperliche Qualifikation erforderte und ihren Möglichkeiten wohl in keiner Weise entsprach, aber nach vielen Jahren der beruflichen Abstinenz, der Hausarbeit und dem Aufziehen dreier Kinder war es für Emilia – die gelernten Näherin – dennoch ein Glücksfall, Anstellung in einer großen Florentiner Tuchfabrik gefun... lesen


mario karl hladicz | die glücksverfehlung

Ich bin noch nicht einmal richtig in der Wohnung angekommen, da schwirrt Mutter auch schon um mich herum und will mir in allem behilflich sein. Während ich etwa die Reisetasche abstelle, greift sie umständlich danach, sodass wir das Gepäck seltsam ineinander verknotet zusammen in die Ecke meines alten Zimmers stellen. Sogleich durchlöchert mich Mutter mit den altbekannten Fragen. Wie es mir bei der Arbeit ergehe, ob ich genug Kleidung hab... lesen




Literarische Texte der Ausgabe 20 - grenzwertig

christoph dolgan | no pasaran

Fragmente für ein Verweilen

I – Der Tod, zum Beispiel, die Grenze. Grenzwert|Übertretung II – Mit Georges Bataille am Meer. Die Wellen tragen Schaum. Manchmal auch einen toten Fisch, der noch nicht groß genug ist, sich in einem der Fischernetze zu verfangen. Unter einem Kai häuft sich das Treibgut. Vereinzelt fallen Sonnenstrahlen durch die Bohlen in den Abfall. Verdorrtes Seegras verschweißt Dosen, Glas, Treibholz, Binden, aus Illustrierten gerissene Seiten... lesen


| das gedankengebäude von summer of ‘69

Zwei Gedichte

wie lange braucht das licht vom mond zur philosophin am imbissstand, rechne ich, sie zitiert kant, und wann hat es die beiden schlechten enden ihrer currywurst abgebrannt, frage ich mich, wir müssen weiter von unmündigen menschen ausgehen, sagt sie, die nicht über den papptellerrand sehen können, wir müssen das gekritzel auf den servietten als briefe ans leben am ponyhof verstehen, oder fällt dir ein besserer erkenntnisweg ein, ja... lesen


mieze medusa | geh mit kant, aber geh

Kant wurde mir empfohlen. Meine sehr gute Freundin Angelika, Änschi wie sie sich gern genannt hört, schwört auf Kant. „Ohne Kant“, verworrener Blick, Pusten auf lackierte Fingernägel, Händewacheln, „ohne Kant könnt ich nicht mehr.“ Dann wird geheimnisvoll pausiert, nochmal auf die Fingernägel gepustet, das Thema gewechselt, aber nicht für lang und am Ende unseres Lunchs bin ich überzeugt: Ohne Kant geht gar nichts. So wie Änsch... lesen


sophie reyer | insektizid (romanauszug)

Den Morgen als essigsauren Geruch zwischen den Achseln. Sie hält ihm die Handgelenke. Der Arsch eine winzige Doppelwölbung zwischen ihren aufgespreizten Händen. Er gähnt Salamigeruch aus. Das Laken lüpfen. Die Insektenfrau streckt einen Fuß in die Höhe und knackst mit den Zehen. Reibt er die mit einem Schweißfilm überzogene Stirn an ihre Wange. Was schreibst du immer, fragt er. Sie steht auf. Öffnet das Fenster. Schindeldächer... lesen




Literarische Texte der Ausgabe 19 - im ernst?

myriam keil | ernst im alltag

I. Ernst in der S-Bahn Jeden Morgen steht Ernst eine halbe Stunde früher auf als nötig. Das ist erforderlich, um in der S-Bahn noch einen Sitzplatz zu ergattern. Ein Sitzplatz muss sein, weil Ernst zu den Menschen gehört, die morgens vor der Arbeit schon die Zeitung lesen wollen. Die unabhängige, überparteiliche natürlich. Und auch sonst steht Ernst über den Dingen, so lange, bis sie ihn einholen. Manchmal passiert das bereits, wenn ih... lesen


kerstin kempker | ein sturz

Zum Reden, hatte mein Bruder geschrieben, müssen wir uns draußen treffen, auf freiem Feld. In Häusern spreche er nicht mehr, hatte er ergänzt und zur Erläuterung angefügt: Weil ich wissen muss, wie es beginnt. „Ich muss ihnen zuhören, damit ich es nicht verpasse“, sagt er und läuft mir über die weißen Felder voraus. „Es geht um Sekunden, mehr bleibt uns dann nicht. Ich traue ihnen nicht. Sie geben sich unbeeindruckt, schweigs... lesen


roland steiner | "film" (familienserie, D 2009)

DVD 1 – Teil eins Den Konturen nach musste es ein Mensch sein, der [in einer roten Ledercouch versunken einem zusieht der] vor einem Paravent in einem Wirtsvolkshinterzimmer gestikulierte, dessen Inhalt aber fehlte. Ich konzentrierte mich, hielt ein Auge bedeckt, spreizte das andere mit zwei Fingern und strengte mich an, die Fülle wieder zu Gesicht zu bekommen, doch der Szene, landfilmläufig wie sie war, versagte der Mensch, der sie darst... lesen


christoph janacs | kurze texte

Erblasser bei jeder Gelegenheit verliere ich die Farbe. wo andere erröten, werde ich kreidebleich. eine Erbkrankheit, wie man unschwer an verblaßten Fotos aus dem Familienalbum erkennen kann. ob daran das Alphabet Schuld trägt oder eine phonetische Ungenauigkeit, läßt sich nicht mehr mit Sicherheit feststellen. sicher ist nur, ich zedere beim geringsten Anlaß, egal ob im Libanon (der mittlerweile baumlos ist) oder anderswo (wohin ich im... lesen


cordula simon | severin

Der Vogel, sagte sie, sei vor der Windschutzscheibe umhergeflattert und sie habe sich erschrocken, als sie ihn plötzlich auf ihrem Rückspiegel niedergelassen fand. Wie er das geschafft hatte, habe sie sich kaum erklären können, denn sie fuhr doch fast 80 Stundenkilometer, und beinahe wäre sie in den Graben geschlittert, so sehr habe sie das Tier abgelenkt. Zwischen Kleinwaldlicht und Großmoordorf. Und dort saß es dann, das Tier, bis es... lesen


felix wallner | von der leidenschaft kinder zu zeugen

Josef K. hatte sie schon seit Monaten heimlich beobachtet. Endlich hatte er ihren Namen herausgefunden. Jeden Morgen, beim Rasieren, beim Duschen, beim Pinkeln, flüsterte er diesen Namen und versuchte sich an seine sperrige Melodie zu gewöhnen: Rosamunde Y. Langsam kam ihm der Name schön vor. Er hatte auch beobachtet, wo er sie verlässlich antreffen konnte. Jeden Samstag erschien sie immer um dieselbe Zeit im Billa-Markt und kaufte einen... lesen


tobias falberg | wir bilden die liebe nach

Wimperntierchen am Lid / stützen das Irisrund, strudeln Blicke herbei, / Paarungsreflexe, Glanz, aus Mascara gegossen, lang, geschwärzt und gebogen die Widerhaken in spe / ankern am Gen, das wir optimieren. Du kannst / dich überzeugen, kannst Pfirsichkörper betasten, faltenfreie Verlockung sehn. Auf Befehl wird er feucht, / Pawlowscher Mund, gespritzt mit Lipiden, mit Öl / gleitend lackiert. Ein Film tollkirschsaftig im Auge dehnt... lesen


ron winkler | gedichte

Rosenkranz für das Gefühl anlässlich des letzten neuen Rohöls so schön kann es sein im Staatslicht. inmitten der Frische von Wesen unterhalb von Kentauren auf der Suche nach Silikon. Silikontälern und -tümpeln. auf den Autobahnen zwischen dir und deinem Gesicht fuhren Schuldenpanzer auf und ab. die Pilotenmasse in Greiffarben zeigte halbdimensionales Lächeln – von Anfang an. Vorstufen von Clubs, erogene Pathologen, Weisheit... lesen


| gerettete reime

Im frühen Sommer 2009 schrieb die schreibkraft einen Wettbewerb zur Rettung des Reimes aus, der sich seit geraumer Zeit im Würgegriff von Rechtsparteien und Boulevardblättern befindet. Aus allen Zusendungen haben wir, resp. die Schriftsteller Andrea Stift und Andreas Unterweger, eine Auswahl getroffen.   Der Ziege ein Lied Ein Loblied auf das Ziegentier Singt niemand, weder Alt noch Jung. Den Brüdern Grimm verdanken wir Den... lesen




Literarische Texte der Ausgabe 18 - genug

teresa präauer | worüber die vögel ziehen

Worüber die Vögel ziehen, und was in einer Woche die Menschen tun, das habe ich in der Stadt gesehen. Dort sind Wörter wie Bilder gelegen, und sie haben, jeder Absatz eine Ansichtskarte, dabei Töne geklopft, und manchmal ist ihnen der Reim näher gewesen als der Bericht oder das, was an fünf Fingern erzählbar ist. Wenn die Empfänger später meine Kartengrüße aus dieser Stadt gelesen haben, haben sie aus den Zeilen des Textes ein Lied... lesen


stephan roiss | der neid des menschen auf die steine

Als der Zug losfuhr, hatte ich den Daumen am Türöffner. Vor der Nase weg, sagt man bei uns daheim. Bei uns daheim, sagt man bei uns daheim und meint damit: So ist es richtig. Nun also Aufenthalt außer Plan. Tee in Arnhem. Wo der Bahnhof ein Fluchtweg mit Snackautomat ist und der Preis für einen Gang auf die Toilette mit 40 Cent knapp unterm mitteleuropäischen Schnitt liegt. (Hier wird Kultur zur Folter. Jeder Stadt, die von mir Geld f... lesen


sibylle severus | panseninhalt

Wenn das Gehör und die Augen nach dem Winter noch mitmachen, gibt es fast vergessene Vergnügen zu entdecken: das zitternde Gewebe des Vogelgezwitschers, die Lichtflut an einem Frühlingsmorgen, zarte Blätter und Blüten, die sich unter der Last der Bienen neigen. Wie die Blätter und die Blumen sind auch meine Haare unhörbar gewachsen, haben jedoch an Farbe verloren. Ein Besuch bei meinem Coiffeur ist nicht hinauszuschieben. Bodo erzäh... lesen


martina ernst | der anfang von zwölf dingen, die nicht genug sind

Liebe Anglerfreunde, schon mal darüber nachgedacht, dass der Köderfisch an deinem Angelhaken die ganze Zeit, während er im Wasser baumelt, davon träumt in die Freiheit zu schwimmen? Das Einzige, was ihn von der Erfüllung seines Traumes abhält, bist du und der Haken. Du als Mensch sitzt derweil auf deinem Anglerstuhl und denkst darüber nach, wie du dein Leben zum Positiven verändern kannst. Wie kannst du der Enge entkommen, die dich um... lesen


johannes weinberger | erschöpfungstrilogie

1: Der Staat Irgendwo muß ich ja sein. Warum nicht hier und jetzt? Sagen wir, hier und jetzt wäre ein Paßamt. Die Luft ist stickig und schwül, weil es draußen regnet und die Mäntel und Schirme ihre Feuchtigkeit in den Raum verdunsten. Es herrscht ein stetiges Gewisper und Gemurmel, zerteilt vom gelegentlichen Stampfen der Stempel oder Knacksen der Klammermaschinen oder dem Klicken von schnellen Fingern auf Tasten. Vor mir in de... lesen




Literarische Texte der Ausgabe 17 - alles bestens

irina kilimnik | odessa. skizzen eines sommers.

Tag 1. Zwischen vier und fünf Uhr morgens steigt endlich eine kühle Brise durch die Fenster der im neunten Stock liegenden Zwei-Zimmer-Wohnung hoch. Ich liege in Olgas Bett, atme tief ein und genieße diese Abkühlung. Eine aufsteigende Erinnerung sagt mir aber, dass sie nicht von Dauer sein wird. Bald kommt die glühende Augustsonne und bringt diese kalte Luft zum Schmelzen. Ich gehe auf den Balkon hinaus und wage einen Blick in... lesen


andrea stift | going down

Sie ist eine relativ große, schlanke oder meinetwegen auch dünne Frau und sie nennt ein angestrengtes Lächeln ihr eigen, das trägt sie oft, jedoch ungern. Ihre langen Haare sind hinten am Kopf festgebunden oder -gesteckt, vielleicht ist deswegen auch das Lächeln so angestrengt, jedenfalls ist es bemüht herzlich. Sie kann mit allen gut, sie redet mit jedem, vor ihrer lauten Stimme gibt es kein Entkommen. Beim Elternstammtisc... lesen


lisa freydank | mandy erzählt

Wir wollten mal was anderes als die Nullachtfünfzehnnummer, der Andi und ich, also so urlaubsmäßig jetzt, das Jahr davor warn wir nämlich auf Ibiza gewesen, aber Ibiza kannste vergessen, erst haben sie uns die Digicam aus dem Mietwagen geklaut, und dann schwamm auch noch ne Katze im Pool, also tot jetzt, und wenn man sich überlegt, was Ibiza so kostet, nicht wahr, und dann das, nein danke, und deswegen kam der Andi auf die Karpaten... lesen


rolf stolz | die beste aller frauen

Man erzählt von einem jungen Mann, der die Welt sehen wollte, die ganze Welt, daß er – wie auch immer ihm dies gelang – sich aufspaltete in sich selbst und in vier in allem gleiche Wanderer, die eines Morgens am Kreuzpunkt der großen Straßen aufbrachen, sich umarmten und sich viel Glück wünschten mit der Formel Gott mit dir und der Himmel mit Gott. Nach einem Jahr kehrten sie zurück aus den vier Richtungen der Windrose und hatt... lesen




Literarische Texte der Ausgabe 16 - für immer

christof huemer | forever and ever you stay in my heart

Erst das Fressen, dann die Moral. Lenz steht vor der Tür. Ich lasse ihn ein, er grüßt mit Mir ist so langweilig. Wie immer unterhalten wir uns kurz, ich rauche, er nimmt sich ungefragt Sachen aus dem Kühlschrank und nach ein wenig Höflichkeit fragt er Darf ich fernsehen, und ich sage Klar. Diesmal ist es anders. Ich habe mich jetzt entschieden, sagt Lenz. Ich werde Schriftsteller. Ganz ganz sicher. Lenz ist zwölf, im letzten Zeugnis hat... lesen


mieze medusa | rotschopf natürlich bevorzugt

Im Bus sitzen mit einem Kopfweh to end all Kopfweh. In der Tasche wühlen, die auf dem Platz neben ihr liegt und überlegen, ob es sich auszahlt, nach dem Foto zu suchen, das manchmal hilft. Nach dem Glanzpapier greifen und das Bild an die Lehne des Vordersitzes heften und dabei das Pochen ignorieren. Aber ein Pochen, das von einem Kopfweh to end all Kopfweh herrührt, lässt sich nicht einfach so wegwünschen und beiseiteschieben. Zwischen d... lesen


peter campa | die ewige liebe und das ende der welt

Georg verbrachte also seinen letzten Arbeitstag in den Armen von Heike. Seit dem gestrigen Erlebnis schienen sie einander zu brauchen, einander trösten zu müssen. Das war eine Art geheimnisvolles Band. Doch er war gleichzeitig Realist genug, um zu wissen, dass sie in einigen Tagen wieder nach Hause fahren werde und sie einander vielleicht nicht mehr sehen würden. Um so mehr wollte er den Moment genießen. Heike hatte wohl einen Freund in D... lesen


klaus knoll | kürzestgeschichten

Le coeur a ses raisons que la raison ne connaît point. Blaise Pascal I – Mai SCHNEESCHMELZE Zuerst ganz langsam, dann unübersehbar, dann überall, so rinnts weg in tausend Bächen. Man schaut: ganz klar, es ist noch so viel übrig, es wird nie aufhören. Man weiß das. Und eines Tages, plötzlich, ist auch der letzte Fleck verschwunden. TRAUMFRAU Von ferne ein großer Supermarkt. Hinten im schwach beleuchteten Lager eine T... lesen


herbert christian stöger | lebenslang

Das Leben ist ein Geschenk, das man sich selbst nicht ausgesucht hat. Eine hirschlederne Hose sucht man sich wohl aus, weil man eine Hirschlederne haben will. Das Herumlaufen ist dann in einer Hirschledernen gewollt. Beim Leben ist das etwas anders. Das ist dann einfach da, und man benutzt es mehr oder weniger gut, wie eine Hose die man besonders oft an hat. Wenn es oder sie dann einem einmal zu eng wird, weil dieses und jenes nicht passt ode... lesen


thomas ernst brunnsteiner | die menschen umbas. ein bericht

Dann Umba. Die Familie, die uns Unterkunft anbot, war ungeeignet. Eine feiste Mutter und ihre sieben Zuchten. Die einzige Quelle von Einkünften der älteste Sohn Vama. Er hatte Arbeit in der örtlichen Berichtigungsanstalt, deren Mauern wie der fäkalische Rest einer vergangenen Zivilisation aus der Gemengelage brustschwacher Lehmhüten staken. Der Vater – padre familias – lange fort, er hatte das Weite gesucht, aber wohl kaum erreicht... lesen




Literarische Texte der Ausgabe 15 - noch fragen?

markus köhle | viele fragen und eine antwort

Steckt in jeder Avocado ein guter Kern? Sind Sie mehr Taube als Nuss oder mehr Schwein als Schnitzel? Wie ist es um Ihr geistiges Vermögen bestellt? Mögen Sie Mägen von Tieren? Ist Religion eine verfremdete Wahrnehmung der Welt, verbunden mit einem Überlebensvorteil, oder ist Religion ein kulturelles System, das Gemeinschaften hervorbringt und stabilisiert, Ausbeutung und Betrug minimiert? Wieso fließt Strom und strömt nicht? Wer ist de... lesen


pia helfferich | Der Sinn des Lebens und alles, was man sonst noch wissen muss

Die kurze Zeit ohne Furcht verbringen. Wenn unter dem Auge kein Fältchen entsteht, ist es ein Fake. Träume sind selig. Das Gewicht der Margarine sorgt im Flug für eine Drehbewegung. Experimentieren und valuieren. 5 9 11 30 37 43, Zusatzzahl 25. Höchstwahrscheinlich ziehen Waschmaschinen ihre Kraft zum Schleudern aus den Sockengummis und verschlingen aus lauter Gier auch den Rest. Waschmaschinen sind farbenblind. Eine Zwiebel würfeln, in... lesen


roland steiner | Die Relevanz, keine Fragen zu stellen

Luther sitzt in der Welt auf Sand, der per definitionem porösen. Luther, es riecht nach Mimosen, ruf an. Skandinavisches Institut für Vergleichenden Vandalismus, Sie sprechen mit Jørge Nash, was kann ich für Sie tun? Wenn Fragen von 100 Bürgern im spanischen Fernsehen einen Quoten-, also Zitatenrekord bieten und der Premier dabei vorbestimmt strauchelt, wenn die Porta Aperta in der italienischen Grotesken Telerevision auf die Spitze trei... lesen


christian zillner | Katzen

soft-spoken she ain’t no cat living to high; maybe to loud a world drowning whispering Ovid’s inde fluunt lacrimae stillataque sole rigescunt de ramis electra Wasja! Bin Laden! Pirat! Sanft setzen sie ihre Schritte seit siebzehnhundert und vierundvierzig dreißig Katzen, Ursprungsgebiet Kasan, unter den Blicken von dreihundertdrei Wächterinnen. soft-spoken she prepares meals for Bin Laden, Wasja & the rest, Tatiana Danilova, Ei... lesen


christian de simoni | Verhöre, Inquisition, Guantanamo

Du schaust immer so böse, meint sie, lächle doch mal! – Ich werd’s versuchen, murmle ich und grinse. Nicht so, sagt sie. – Ich: Anders geht’s gerade nicht. Und, nach einer Pause: Wie geht es dir? – Sie verzieht das Gesicht. Willst du das wirklich wissen? – Würde ich sonst fragen? – Ich glaube nicht, dass dich das interessiert. Chaos pur. Depression. Weltfrieden, UNICEF, Angela und ihr neuer Freund, Stress im Büro, Ängste, Z... lesen


helge streit | und ob!

Wir haben inzwischen fünftausend Meter Höhe erreicht. Oder sind es nur dreitausend? Ich habe nicht aufgepasst. Natürlich habe ich aufgepasst. Ich bin an den Lippen des Ausbildners gehangen, als ginge es um mein Leben, und es geht ja schließlich auch um mein Leben. Trotzdem habe ich kein Wort seiner Ausführungen verstanden. Oder habe ich sie nur augenblicklich wieder vergessen? Es ist natürlich Unsinn, zu glauben, es würde mich beruhige... lesen


klaus ebner | selbsterklärend

Das Thema glaubte ich treffend zu skizzieren, ich war richtig stolz darauf, nicht wie andere zu kneifen und mich auf Ausflüchte zu besinnen, sondern den Kindern die Frage, was denn eigentlich Sperma sei, mit ruhiger Stimme und so einfach wie möglich zu erläutern, den ersten Ansatz der wissenschaftlichen Befruchtungsdarstellung ließ ich nämlich sofort wieder fallen, als ich die großen Augen und offenen Münder gewahrte, ich suchte... lesen


michy köhn | + minus jugend

- meiner 1. erinnerung nach liege ich auf einer decke – vor dem gasherd - meiner 2. erinnerung nach komme ich aus dem kindergarten – es schneit dicke flocken + ich halte meine freundin christa an der hand - meiner 3. erinnerung nach stehe ich auf dem balkon einer wohnung + weine - meiner 4. erinnerung nach komme ich weinend vom balkon – gehe ins schlafzimmer + sehe meinen vater im bett mit einer frau – die nicht meine mutter... lesen




Literarische Texte der Ausgabe 14 - patient spezial

wolfgang gulis | danke gut

Dramolett in sechs Patientenakten

I. Oberarzt Dr. Huber trifft Oberarzt Dr. Meier am Gang, hält den Befund vom Patienten in der Hand. Dr. Huber: Ah schön, dass ich Sie treff´, werter Kollege, kann ich Ihnen gleich den Befund des Patienten geben. (Liest vor): MR Leber. Ergebnis: Ca. 3,5 cm großer parenchymzersetzender Prozess am Übergang vom Segment 2 zu Segment 3 des linken Leberlappens nahe der Fissura interhepatica. Der Prozess liegt den Gallenwegen an. Ein Neoplasm... lesen


egyd gstättner | gesundheitskunst

Höchste Zeit, dass ich einmal von Dr. Orlowski erzähle, meinem Hausarzt, der sich seit vielen Jahren aufopferungsvoll, wenn auch mit untauglichen, nämlich medizinischen Mitteln um eine Gesundheit – oder sagen wir genauer: meinen Gesundheitszustand – kümmert. Denn mit Gesundheit hat mein Gesundheitszustand leider nicht viel zu tun. Ob man vom Gesundheitswesen spricht, vom Gesundheitsreferat, Gesundheitsministerium, vom Zentrum für see... lesen


egyd gstättner | vom kaputtreparieren

Eines der Worte, die in den letzten Jahrzehnten enorme Karriere gemacht haben, ist das Wort Depression. Und damit hat auch die Zahl derer, die daran leiden, sprunghaft zugenommen. Wenn meine Eigendiagnose zutrifft, zähle auch ich zum Kreis der Gelegenheitspatienten. Ich habe eine Schachtel Xanor in der Hausapotheke, und eines Tages werde ich sie öffnen! Ich meine es gar nicht ironisch, wenn ich die Malaise heimtückisch nenne: Man kann zum... lesen


gabriele rauch | nachsorge

Die Frau wartet im Wartezimmer. Andere Frauen warten im Wartezimmer. Die vor dem Fenster blättert in einer Zeitschrift, die mit dem Kopftuch greift nach ihrem Handy, die neben der Tür tröstet ihr Baby im Autositz. Eine Frau in Kostüm und Bluse dreht alle zwei Minuten nervös an ihrer Armbanduhr. Die Frau wartet bloß. Die Tür öffnet sich. Ein Mädchen in weißem Kittel ruft die Frau auf. Die nimmt ihre Tasche, steht auf, folgt dem M... lesen


amber rusalka reh | nachbarn

Zum ersten Mal passierte mir das, ich meine, dass ich meine Nachbarn hörte, in meiner ersten Wohnung. Ich stand im Bad und cremte mir das Gesicht ein, dabei summte ich ein Lied, das ich am nächsten Tag im Stühlchenkreis mit den Kindern singen wollte. Ein Himmel ohne Sonn, ein Garten ohne Bronn, ein Baum ohne Frucht, ein Mägdlein ohne Zucht, ein Süpplein ohne Brocken, ein Soldat ohne Gewehr sind alle nicht weit her. Ich hörte pl... lesen


katharina bendixen | menschen mit zettel und stift

Ich habe eine schwache Blase, deshalb verbringe ich täglich ungefähr zwanzig Minuten länger auf der Toilette als andere Menschen. Das sind im Jahr über fünf Tage. In zwanzig Jahren werde ich einhundert Tage mehr auf der Toilette verbracht haben als andere Menschen. Ein normaler Mensch ist bei einer durchschnittlichen Lebenserwartung von siebzig Jahren einhundertsiebenundsiebzig Tage seines Lebens auf der Toilette. Ich dagegen werde, wenn... lesen


christoph d. weiermair | heute schon stuhl gehabt?

Fünf Minuten vor Abpfiff packt den mäßig durchtrainierten Hobbykicker noch einmal der Ehrgeiz: Er zieht einen Sprint an und ist in nullkommanichts auf Augenhöhe mit seinem ballführenden Kontrahenten. Doch dann verheddert er sich unglücklich in dessen langen Beinen und strauchelt. Herbert Prohaska würde sagen: „Das sieht bitter aus. Schade für den Spieler. Ich wünsche ihn gute Besserung.“ Tatsächlich: Der ambitionierte Fußballer... lesen


reinhard wegerth | talgzyste, ängstlich

Jetzt geht er doch tatsächlich hin! Drei Jahre trägst mich bereits herum, vorne auf der behaarten Brust, als Erhebung nahe der Brustwarze rechts, langsam wachsend, harmlos im Grund, und jetzt willst dich von mir trennen? Dabei bin ich eh kaum zu sehen, münzengroß an der Basis, leicht aufgewölbt möglicherweise, die Brusthaare decken mich ab, bin höchstens zu tasten als verhärtete Stelle, das ist wohl der Punkt. Denn wer weiß, warum... lesen


markus köhle | alltagsallotria eines koprolalisten

„Hei Falk, alles klar?“ „Kein Politikfickgedicht im Arsch, was? Auch keine Ahnung, wie breit die Palette der Damenklosprüche gefächert ist, hm? Keinen Pullunder im begehbaren Schrank und kein Mutterdispositiv vorrätig, was? Jaja, dann ist es kein Zuckerdosenwunder, wenn im hauseigenen Glasbottich kein Kevin Pascal Kloß schwimmt, sondern lediglich Engelbert Humperdinck, der Erfinder von Hänsel und Gretel. Ja, 1921 gab’s noch ke... lesen




Literarische Texte der Ausgabe 13 - mitte

egyd gstättner | märchen vom schönen leben

Es waren einmal sieben Zwerge, die hießen Novak, Oberhammer, Voglhuber, Deutschbauer, Jedlautschnig, Hochedlinger und Wallisch. Einer bekam Bauchspeicheldrüsenkrebs, einer Speiseröhrenkrebs, einer Prostatakrebs, einer Hautkrebs, einer Darmkrebs, einer Lungenkrebs und einer Knochenkrebs. Da waren es nur noch null. Bevor es aber soweit war, zeugten die sieben Zwerge mit einer isländischen Gebietskrankenkasseangestellten sieben Zwergens... lesen


michaela hawlik | ab durch die mitte

00:00 Ich bin am Ende meiner Kräfte. Links und rechts von mir wird wild gestikulierend diskutiert über die Landtagswahlen, die politische Entwicklung in der Steiermark, Wien, Österreich, Deutschland, Europa. Ich kann nicht mehr folgen, nichts mehr hören von links, rechts, der dünnen Mitte, ich will die Müdigkeit Oberhand gewinnen lassen. Ich zähle von zehn bis null, stehe auf, ganz ohne Vorwarnung, schüttle höflich die Hände, w... lesen


klaus ebner | reflektor

Ein Fall von Mediokrität, sagte er, purer, schrecklich purer Mediokrität, an welcher er nichts Beschönigendes ausmachte, so sehr er sich auch abmühte, solches herauszupicken und in den Vordergrund zu schieben. Nein, vermutlich spielte es nicht einmal eine Rolle, ob er die Studienabschlüsse, die in seiner Tasche ruhten, auf den Tisch legte oder nicht, denn dort, wo dieses sinnvoll wäre, verbarg er sie ängstlich, und do... lesen


stefan schmitzer | (viertausend, gleißen)

na also. viertausend im minus, ist das    nichts? bürgerkrieg im sudan, inflation    bei den amis, lebensmittelknappheiten    wohin man schaut? im garten, hinterm   haus, schwer einzusehen, sitzt frau hoffnung,    schnuppert, denkt an früher, na, ist das    nicht eine scheiß-allegorie, zu simpel    und doch zu gelehrt im abgang? bloch   in r... lesen


ferdinand schmatz | widerlich*

oder wer sorgen hat hat auch kümmel

etwas nicht austragen knospen etwa einblühen lassen immer wieder verlangt das sein treu das schön sein - rosen und garten plagen lieber fort fahren weg klagen den ort aus wort und sparten so der brauch wieder mal wider ich das du spielen wir die arten durch ausgelegt aufgegangen der spaten sticht meine wie deine male es gehört sich nicht was ich züchtet (spricht) bricht man nicht so e... lesen


günther freitag | nausea

Erinnerungssplitter

Vicenza an einem Sonntag im Februar. Spaziergänger auf dem Corso, in den Parks, auf der Piazza Signori. Turtleskinder, Jugendliche auf Motorrädern, vor einer kleinen Bar Männer mit einem Radioapparat, die auf die Fußballergebnisse warten. Um nach dem Ende der Spiele enttäuscht ihre Totoscheine zu zerknüllen. Stillstand der Zeit. Die Idylle, als Ort begriffen, ist der Platz des Nicht-Denkens, der starre Text der Agonie. Der abge... lesen


helmut eisendle | nachtland

Für die Bewohner und Organisatoren des Vinzidorfes in Graz

Ein guter Mensch bemerkt während eines Spazierganges wie ein böser schlechten Gewissens an ihm vorbeischleichen will. Erbost läuft der Gute dem Bösen nach und stellt ihn zur Rede. Als dieser keine Antwort gibt, überwältigt er ihn und schleppt ihn zur Polizei. Der böse Mensch ist darüber sehr traurig und nimmt sich vor, sein Leben zu ändern und ein guter Mensch zu werden. Der Mensch hat um sich und in sich ein großes Reich aufgebaut... lesen


franzobel | monolog der gitti w.

Auszug aus dem noch unveröffentlichten Theaterstück „Das Knie der Japanerin“

Gitti in ihrer Wohneinheit, sich die Beine rasierend: Putzen. Was hab ich denn sonst, vom horizontalen Gewerbe abgesehen, noch für Chancen? Putzen kann ich gehen. Aufwischen. Ins Gastgewerbe. Fabriksbesitzer hat er gesagt. Industrieller. Pha, ein läppisches Bräunungsstudio, das nichts bringt. Ich putze gerne, ich halte das nicht aus, wenn keine Ordnung ist, die Blusen müssen Millimeter, säuberlich geschlichtet sein, und meine Lippe... lesen


christian loidl | kleinstkompetenzen

„erinnerungen aus einer geheimen kindheit“. Ein Vorabdruck

da hats einen gegeben der hat sich die ohrwaschln weggeträumt wie er auf die nacht eingeschlafen ist hat er gesagt: wenn ich jetzt träum dann träum ich mir die ohrwaschln weg und zieh mirs in den kopf weil im traum brauchst du ja gar keine waschlohren weil du eh alles aso auch hören kannst und das hat gestimmt und wie er aufgewacht ist hat der bub keine ohren mehr gehabt und seine oma hat gesagt: das... lesen


andreas domweber | die hendl-maden-katzen-kotzen-geschichte

In der tiefen, hohen Weststeiermark, zum Beispiel am Hirschegger Berg, habe ich eine der schönsten Geschichten meines Lebens erlebt. Dort, also am Hirschegger Berg, wo der Zenzbauer seinen Misthaufen hat, habe ich einige Monate meines Lebens in erregenden Ferienlagern verbracht und habe dort nicht nur das Rauchen gelernt, sondern auch einiges über den Umgang mit Geistern und Dämonen, dem Wetter und den Bäuchen der Stadtkinder, die s... lesen


egyd gstättner | damals in jesenice

Einmal waren wir in Jesenice, heißa, das waren Zeiten, denn damals waren wir noch nicht in Beschlag genommen von Todesangst und Nierenleiden, Privatkonkursen, Vorweihnachtsglühweingestank und Diktatur. Noch galt unser heiliger Eid, uns nicht unters Joch der Wirklichkeitsprotze spannen zu lassen, und wir scherten uns nicht um Hunnen und Goten. Was kümmerten uns das Einfamilienernährungsgestöhn, die Zusatzpensionsgelüste und das Lu... lesen


elisabeth wandeler-deck | weil es keine markierung gibt

Das ist ja ganz abscheulich, sagen wir beide gleichzeitig. null Uhr dreissig Fotze! sagte sie, Hustengeräusche abgezogen nein dies nicht lebenslänglich. Sagt sie und sie ist noch draussen jederzeit und dieser Duft oder Aufguss von Pfefferminzblättern. Lebenslänglich jederzeit lebenslänglich gedacht jede Zeit als eine lebenslängliche, wiedergeholte oder abgehalfterte gedacht. Die Türschwellen sind schon von Paaren belegt wer kan... lesen




Literarische Texte der Ausgabe 12 - verhalten

kerstin kempker | ein fall

    Alte Männer fallen selten von Balkonen. Es mag schon einmal vorkommen, dass ein alter Mann, der nicht mehr weiter weiß, sich von seinem Balkon stürzt. Aber die Regel ist das nicht. Auch wenn alte Männer diejenigen sind, die sich am häufigsten umbringen, Bilanzsuizid heißt das dann, so ist es doch die Ausnahme, sich als alter Mann so mir nichts dir nichts über die Balkonbrüstung zu schwingen und herabfallen zu lasse... lesen


peter campa | der seltsame hannes

Hannes Weinzierl war eigentlich ein ganz normaler Mann. Er war nicht zu groß und nicht zu klein, nicht zu dick und nicht zu dünn, nicht zu gescheit und nicht zu blöd. So dachte er über sich selbst. Trotzdem wurde bereits in der Schulzeit immer wieder betont: „Weißt du, dass der Hannes intelligent ist?“ Seine Schulkollegen betonten dies und die Antwort war immer wieder dieselbe: „Und was nutzt ihm das?“ Obwohl Hannes so intell... lesen


martin ross | und ich

Im Seminar. Nachmittags. Gruppenraum. An der Wand rechts neben der Türe hängt ein junges wildes Gemälde. Eine Gruppe von zehn Seminarteilnehmern, Männer und Frauen, ist im Raum verteilt. Sie sitzen auf Matratzen, sechs liegen und schlafen im Chor, vier sind wach. Einer von ihnen, ein Junger Mann, sitzt lässig an die Wand gelehnt unter dem Bild. Der Seminarleiter sitzt links neben der Türe auf einem Hocker, lächelt und schreibt emsig in... lesen


peter rosei | brief von unterwegs

Angesichts der tausendfachen Verortung – in einer einzigen Straße gibt es hunderte zumindest zehn Stockwerke hohe Häuser, und in jedem von ihnen kommen auf zehn Stockwerke zehn Lokale, Discos, Bars, Karaokeläden, die fünf Kellergeschosse jetzt einmal nicht eingerechnet, dann gibt es Boutiquen, Schallplattenläden, Fastfood, Losbuden, Anreißer und Zettelverteiler – und all das wird wieder beschienen von tausenden Neonlichtern, die zum... lesen


tom schulz | gedichte

aus dem januar 05 Es schneit nicht, nein es rieselt ach, wie sagt man in einem Menschen kann viel Regen weinen Nächstes Tief: Leni Riefenstahl (Die Christbäume, die wir abwarfen als Sandsäcke für die Augen damit die Unglücksstelle aus dem Text) Die Natur, die entrückte Amazone (als Seekuh gezeichnet von Linné) Wir haben vom Schneeschuhhasen gehört, wir haben verheerende Frösche seziert u. Keimlinge in Watte eingelegt Die Natur, di... lesen


martina ernst | vom verführten verstand

Nachts, wenn man aufwacht aus dem Schlaf, oder morgens, wenn man wieder einschläft, ohne es eigentlich zu wollen, nur weil der Regen ans Fenster klopft und die Bindfäden sich in Pfützen verteilen, dann ist die Zeit, dass Bilder durch die Gedanken huschen, durcheinander gewürfelt, Erlebnisse, die einen nicht ruhen lassen, Verhalten, das auf Unverständnis stößt und gefiltert werden will, bis es den Tag wieder herausspuckt mit gemartertem... lesen




Literarische Texte der Ausgabe 11 - und jetzt?!

michy köhn | pfeffer wie salz

Drei Tage Unwetter. Keinen Fuß konnte ich vor die Tür setzen. Und nebenan ein Unrast, der seine Wohnung renovierte. Klopfen, wie prasselnder Regentropfen an Fenster. Das alles zusammen nervte. Ich musste raus. Und es passte, denn heute war Straßenfest in der Müllerstraße und die Sonne schien ab und an. Die Müllerstraße ist die Hauptverkehrsader im Berliner Wedding, hinterm Schillerpark. Nicht weit von mir. Ich konnte zu Fu... lesen


elisabeth wandeler-deck | und jetzt und

Acht Münchner Architekturstudenten bauen einen Kubus, der Platz zum Schlafen, Arbeiten, Duschen und Kochen bietet. Ein Passant eilt vornübergebeugt. Und und. Für Tag und Nacht und ist eine einer ein Zwischen. Jetzt nun. Und. Als die Flüchtenden weggingen, trugen sie die Dächer mit, die Schatten der Fische. Auch das nicht und dann. Früher dann und gewünscht. Die Frage nach dem Wunsch und. Den Wunsch zu wünschen gewün... lesen


björn kuhligk | horizontbetrachter

    Hier ist ein Wald da sind die Bäume darin sind die Ringe darin schläft die Angst du schlägst zu mit der Axt und trinkst den Harzstein mit und das Lieblingstier das ist der Affe im Zoo den kannst du besuchen und er dich nicht lesen


björn kuhligk | was steht

Ich verneine die Zeitpunkte, die Flächen die Orte, die zu stecknadeln sind ich liebe, was ich nicht verhökern kann ich hasse, was ich anders lieben könnte ich traue dem Wasser, dem Unvermögen der Unschärfe, dem Sand solang ich mich erinnern kann, fängt das Wünschen immer wieder von vorne an lesen


kerstin kempker | herr busfahrer

"Mir geht's gut, Herr Busfahrer. Mir geht's wirklich gut." Der Mann, der eben vorne beim Fahrer den Bus betreten und den Fahrer gegrüßt hat, hier am Stadtrand ist das noch üblich, zwei Stationen weiter beginnen die Hochhäuser, da grüßt man nicht mehr, der Mann, ein etwas altmodisch gekleideter Mann, blass und knochig, spitze Schuhe, grauer Doppelreiher mit Schulterpolstern, setzt sich in die erste Reihe. Er l... lesen


gabriel loidolt | liebe am ende der welt

eine irische geschichte (auszug)

"Die höchste Liebe ist die geheime." - Aus dem Hagakure von Yamamoto Yamamoto (1659 - 1719) II Immerhin, Ende Jänner, als alles blühte wie in Zentraleuropa erst Wochen später, wußte ich, wie Laura Grey küßte: Sie fühlte sich gar nicht so steif an, wie ich mir vorgestellt hatte, wenn sie mit einem Pferdezopf, meist mit einer Perlenkette um den Hals, mit farblos lackierten Nägeln aus dem Gang, in dem die meisten B... lesen


björn kuhligk | die liebe in den zeiten der EU

  Wie ein Grenzschutz wieder eine Linie zieht, das muß, es darf geschossen werden, das muß, das darf gefilmt werden wie erdfremd dieser Kontinent mit Sternchen am Revers, wie der die Abwehr aufbaut, Mutti macht noch schnell den Abwasch als im Süden die ersten Turnschuhe angespült wurden, später zwei, drei Zweibeiner gefischt wurden, das muß es darf zurückgefeuert werden lesen


händl klaus | kluge kinder

Das Schuljahr in Sankt Florian begann mit einem Paukenschlag, die Kinder wurden aufgeklärt. Sie lernten, wie man Kinder zeugt, und ... daß es Kinderschänder gibt, mit Süßigkeiten in der Hand und einem Messer, während sie lächeln; sie lügen, Kind, steig ein, wir wollen deinen Vater, der ein alter Freund ist, noch aus Kindertagen, überraschen, komm. Bilder von Messern und blutigen Mützen gingen durch die Reihen. Ihr müßt laufe... lesen


händl klaus | junger hund

Im Kaufhaus sah der alte Nachbar seine Jugendliebe wieder, ihm wurde heiß, er sprach sie an. Gottseidank erinnerte sie sich an ihn. Sie versuchte, überlegen zu wirken, denn die Vergangenheit war ihr zu viel, sie lehnte sie ab. Dazu rauchte er seine ewige Zigarre, ihr wurde schlecht davon. Wie froh war sie, ihm ... seinerzeit den Laufpaß gegeben zu haben. Der Schmerz, der seit der ... letzten Woche in seinem linken Knie und in der lin... lesen




Literarische Texte der Ausgabe 10 - eigen

gisela müller | bauch zeigen

Nun bin ich inzwischen in ein Alter gekommen, in dem "auf eigenen Beinen zu stehen" gemeinhin das gleiche bedeutet wie Vier-, Sechs-, Acht- oder gar mehr Füßler zu sein. Kein Schritt bleibt fortan für sich allein. Immer hängt schon wer oder etwas daran: Ein ach so kleines klebriges Händchen, eine verführerisch süße Gewohnheit, ein anschwellendes Geschrei, eine lange Lebensspanne und die so große Verantwortlichkeit d... lesen


franzobel | eigenstiller

Es muss in den frühen achtziger Jahren gewesen sein, als sich mir ein Fußballspieler dieses Namens eingeprägt hat. Erinnere ich mich recht, hat er entweder bei Wacker Innsbruck, was passend erschiene, bei Casino Salzburg oder Admira Wacker gespielt. Sein Vorname war vielleicht Hans, Hans Eigenstiller. Ungefähr zur gleichen Zeit habe ich in einem Pornoheft einen Menschen in einer seltsamen, eigenwilligen Stellung entdeckt, die ic... lesen


| descubriendo suiza

"Warum rennen hier alle so?" Yona, denke ich mir, muss sich wie auf einem andern Planeten fühlen. Die einzigen, die ich in Kuba habe rennen sehen, waren Diebe auf der Flucht vor der Polizei. Nicht, dass ich auf ihre Frage eine Antwort gehabt hätte, schließlich verstehe ich auch nicht, was mich bereits im Flughafengebäude in Eilschritt verfallen lässt, und warum, kaum habe ich heimischen Boden betreten, ich bereits leicht gestresst auf m... lesen


martin ross | midlife crisis

Im Hotel. Spät abends am Gang. Niemand ist zu sehen. Die Lampen und die Notausgangslichter leuchten, am Boden liegt ein roter staubiger Teppichläufer. An den Wänden hängen Reproduktionen von Landschaften: Wälder, Seen, Wiesen. Plötzlich hört man jemanden eine Stiege heraufeilen. Es ist CONNY, die sich sehr beeilt, in ihr Zimmer zu kommen. CONNY, Mitte Zwanzig, trägt eine Art blauweiße Schuluniform und hat langes blondes Haar, das mit... lesen


harald ditlbacher | kodak

(Romanauszug)

Der Vater war eigentlich ganz angenehm. Er sagte nicht viel, er war nicht hysterisch, er war nicht übermäßig besorgt. Er verhielt sich ruhig und angemessen. Dr. Saluzzi hatte ihm gegenüber die Hoden nur am Rande erwähnt: Dr. Gertsen solle eine Kontrolluntersuchung durchführen, reine Routine, es gäbe keinerlei Verdachtsmomente in irgendeine Richtung, keinen Grund zu Beunruhigung, das entspräche absolut der üblichen... lesen


florian ranner | fahrtenbuch

Eigentlich fahre ich wirklich gerne Taxi. Doch, doch: Taxifahren ist etwas Besonderes. Nicht so, als würde man bei einem Freund mitfahren, oder Trampen, oder sonst irgendeine Art sich motorisiert fortzubewegen. Es hat diese Mischung aus Verruchtheit und Bequemlichkeit, Status und gesellschaftlicher Eleganz. Verstehen Sie, was ich meine?  Zum Beispiel eine schöne erfahrene Frau, so Mitte 40 im Pelzmantel und mit Minikostümchen... lesen


roland cresnar | der tag, an dem ich chancenlos war

Ich glaube, es war einer jener Tage, an denen ich nicht einmal erst aufstehen musste, um zu wissen, es war sinnlos. Ich könnte machen, was ich wollte, es würde mir nicht gelingen, das Kommende auch nur annähernd zu beeinflussen, geschweige denn nach meinem Willen zu gestalten. Also machte ich Frühstück und aß widerwillig die weichgekochten Eier eines seelenverwandten Huhns, schnitt einen Satz aus der Morgenzeitung heraus, den... lesen


erna holleis | im pfarrtor zwei parapluies

Aus- oder einfahrt straße hinauf hinunter adam oder eva hier ab gesperrte tür im tor auf längsseite loch im holzgatter durchsicht dick oder hell beides zugleich daß pflaumen vollkommen wären Auf rundbogen wappen mit hand mit ausgestrecktem bischofsmittelund zeigefinger ja gottes arm neben ziegeln rauher putz brüchiger aus dem nicht raucht kamin auch recht wenn es rauchte da Schönheit vollkommen k + m + b a... lesen




Literarische Texte der Ausgabe 09 - brennermania

wolf haas | warum mein lektor mich nicht umbringt

Bitte lesen Sie diesen ersten Satz langsam, lassen Sie sich jedes seiner Worte auf der Zunge zergehen, denn ich habe lange daran gearbeitet und möchte deshalb nicht, dass Sie ihn achtlos hinunterschlingen und so womöglich die Brutalität übersehen, mit der er, wiewohl scheinbar mäandernd, sein Thema nieder nagelt, sprich: die bei Bücherfreunden geltende Übereinkunft, der erste Satz eines Textes sei irgendwie von besonderer Bed... lesen


wolf haas | der inhalt

... nachzulesen im Heft 9 der schreib*kraft, brennermania, erhältlich ab Jänner 2004 unter schreibkraft@gmx.at lesen




Literarische Texte der Ausgabe 08 - fetzen

peter campa | dies und das ging franz durch den kopf

Dies und das ging Franz durch den Kopf, als er von der Fahrschule nach Hause ging. Als er heimkam, hatte Roswitha den Fernseher ganz laut aufgedreht. Ganz gegen ihre Gewohnheit trank sie ein Bier. Es musste schon das zweite oder dritte Bier sein, denn es standen zwei leere Flaschen auf dem kleinen Küchentisch. Sie machte ein finsteres Gesicht. „Das könnt ihr alles essen!“, sagte sie zu Ludwig und dem eben eintretenden Franz. „I... lesen


sabine e. selzer | exit

Hinausstarren und etwas erkennen wollen. Bis die Augen brennen. Den Motoren lauschen bis die Ohren dröhnen. Zurücklehnen. Krampfhaft versuchen, sich zu entspannen und im gleichförmigen Lärm eine Melodie zu orten. Zur Ablenkung. Nach ein paar Tönen schon den Faden verlieren und aufgeben. Die Landschaft unter uns ein verzerrtes Schachbrett in Grau und Braun, über das sich bunte Blechpunkte bewegen wie künstliche Ameisen. Die St... lesen


roland cresnar | im westens nichts neues

Eines Tages, es muss ungefähr knapp nach der Jahrtausendwende gewesen sein, wachte ich in aller Herrgottsfrüh auf. Und zwar, weil mir der Mond, die alte Sau – so kam es mir zumindest im ersten Augenblick vor – auf den Hinterkopf schiss. Dass der Mond aber doch mein Freund war, bewies mir die eilig vom Kopf gekratzte Stoffprobe, die nach Erde roch und auch wie solche aussah. Ich entschuldigte mich bei meinem treuen Trabanten für die unb... lesen


enno stahl | kurz vor 2003

g-g-graaaaz ist europa ist europas kultur ist sozusagen haupt- ist sozusagen stadt auch in graz weihnachtet es sehr, weil alles voller lichter ist: goldregen überm fluss! alle märkt + boutiquen buhlen bunt (nur einigen ist das buhlen vergangen: „wir gewährleisten ihnen trotz des konkurses zuverlässige + termingerechte ausarbeitung ihrer filme!“) in graz ist europas kultur zu hause. davon zeugen computer-generierte r... lesen


elisabeth vera rathenböck | herbarium des präsens. auszüge

Berlin: Die Arme von Kränen reißen verwohnte Zeit aus den Gewölben, höhlen Geschichte aus, um Platz zu machen für die Stadt, die sich selbst erfindet. Doch an vielen Ecken und Wänden kleben seit über 50 Jahren Spuren von Granaten und Maschinengewehren, die Topografie des Terrors lässt sich nicht abwischen, alte Stahlbewehrung bricht immer wieder durchs Erdreich, SS-Gemäuer hätte man lieber zu Schotter verarbeitet, als Unte... lesen




Literarische Texte der Ausgabe 07 - heftig

egyd gstättner | damals in aups

Einmal waren wir in Aups. Das waren glorreiche Zeiten! Denn nach Avignon, Arles oder Nîmes kommt jeder, wir aber kamen nach Aups! Alles war neu und aufregend und unberührt, und wir kannten damals in Aups noch keinen einzigen Aupser Troubadour, keine einzige Aupser Concierge und keine einzige Aupser Maîtresse, also setzten wir uns völlig auf uns allein gestellt und bloß mit unserem bisherigen Weltwissen ausgestattet an ein nachtk... lesen


christian loidl | der mit den schwarzen hörnern

nicht alles, was wie ein teufel aussieht, bewohnt notwendigerweise die hölle. der da bewohnt die gemütliche hölle, wo es den wein gibt: du hast einen verächtlichen zug um den mund. du waasd, wos se d leid eawoatn. du bediinsd des. es schaud eingdlich aa ned so füü dabei ausse. du iwalebsd hoed auf de oat. und de aundare höfdn fo dein gsichd is ee aufgrissn. do seeng ma duach in dein mund, duach de fasan fo dein fle... lesen


wolfgang pollanz | neue zähne für meinen bruder und mich

erinnerungen eines sanftmütigen

Mein Bruder und ich wir haben viel zu ertragen, keine Zähne im Maul & Geschwüre im Magen. Wir wollten den Mann nicht verletzen, wir brauchten das Geld, um unsere Zähne zu ersetzen. - Superpunk Schon meine Geburt war heftig. Meine Mutter hatte einen Geburtsdurchfall, und so kam es, dass ich auf der septischen Station zwischen Urin und Scheiße das Licht der Welt erblickte. Noch dazu hatte sich meine Nabelschnur so verheddert... lesen


herbert christian stöger | intensiv nachgeben

1.1 Heftiger Sex begleitete sie in den Morgen. Beide konnten bei den sommerlichen Temperaturen nicht schlafen. Sie hatte einige Videos besorgt. So stimuliert, befriedigten sie sich beim Anblick der Filme. Zuweilen auch gegenseitig, wenngleich sie nie zuvor miteinander geschlafen hatten, wie auch in dieser Nacht. Die Freundschaft ließ sie auch schlaflose Nächte teilen. Tisch wie Bett. Und dennoch keine Anwärter für den Eheschlu... lesen


christian loidl | einer kennt alles beim namen.

einer kennt alles beim namen. wo der ist, ist alles still. eine welt aus altem schlittenholz. eine nacht schlafen, und das haus steht nicht mehr. der himmel und die sterne sind ein tierfell, und auf dem fell liegst du, geboren zur sprache. lesen


christian loidl | zwei fische durchschwimmen

zwei fische durchschwimmen das meer in dieselbe richtung, in einem abstand, in dem sie einer den andern noch spüren. wir denken nicht nach. wir schwimmen jeder seine richtung. aber du, wenn du sie gleich- zeitig fließen siehst, kannst auf das muster schaun, das beide gemeinsam erzeugen. kannst einmal der eine, kannst auch der andre sein.   lesen


christian loidl | da hat einer eine

da hat einer eine koptische mütze auf, eine zylindrische hülse überm gesicht: das starr-dastehn, wenn plötzlich die tiere aus dir herausrennen, wie wenn ein mann seinen hut zieht, und eine spinne läuft ihm übers gesicht herunter und verschwindet im kragen, und er hat nichts bemerkt außer daß er gerade diese dame gegrüßt hat. ich bin starr gestanden, dann steh ich weich. ich... lesen


christian loidl | du rauchst und hast einen bart wie ein teufel

du rauchst und hast einen bart wie ein teufel. dein gesicht ist geformt wie ein mandelkern, aber spitz nach oben und auch nach unten. hast du versucht, böses zu tun? du hast wärme um den mund herum und hast ein langes, starkes kinn. nimm die leute, laß sie hinein in deinen kopf. laß sie flüssig werden, daß sie dein gesicht annehmen und aus deinen augen herausschaun und mit deinen hörnern die... lesen




Literarische Texte der Ausgabe 06 - echt?

willi hengstler | Dietleibs Zeit

Am ehesten bleibt unvergessen, was niemals geschehen, am schnellsten wird unsterblich, wer kaum gelebt hat. Den wenigsten bleibt der Name Dietleib im Gedächtnis, aber seine Geschichte behält, wer sie einmal hört. Er stammte aus Südschweden, das damals zum Reich der Dänen gehörte. Sein Vater war Biterolf, der reiche, schwertgeübte Ritter, seine Mutter Oda, die schöne Tochter eines Sachsengrafen. Aber der Sohn dieser glänzende... lesen


helwig brunner | ECHTE HEIMAT. HYMNE MIT HYMEN

Kreuz & quer durch Österreich führt der goldige Mittel- weg großer Söhne: der Weitwanderweg endet am Zaun des Nachbarn mit Nadel am Hut. Da wohnt er gern, da sieht er fern, wenn unser Rechtsaußen lauert vorm Tor, zukunftsreich, vergangenheitsbewältigt, durchtrainiert. Wir habens gepackt, jetzt packt es uns, das nackte Ent- zücken, in blauen Kringeln steigt die Gemütlichkeit aus dem Schornstein, endlich... lesen


karin schöffauer | aus dem notizbuch

I. da ist ein zaun mit einem wächter und ein schwarzes eisentor und es geht steil bergauf und oben ist ein haus und ein zaun und ein rotes gitter und im haus drin ist ein mann und eine bahnhofsuhr die sagt sie kommen zu früh sie kommen zu spät. kriecht auch gleich wieder hügelab erklimmt die stufen des autobus gerinnt zu den schauern vor dem einen riesigen scheibenwischer über die ganze vorderfront. wollte nur ein kleins bi... lesen


martin g. wanko | Nachtgespräch. Ein wahrer Dialog

Tiefe Nacht. Manu und Martin liegen im Bett. Es gibt noch einiges zu bereden. Detail am Rande: Die Wörter "na" und "sexy" werden in tiefer kehlkopfkrebsartiger Stimme gesprochen. Manu: Und wie? Martin: Sexy. Manu: Und sonst? Martin: Sexy. Manu: Wie mach ma das morgen? Martin: Na. Manu: Komm sag schon. Martin: Sexy. Manu: Komm jetzt! Martin: Sexy. Stille Martin: Kommt drauf an, wann du von der... lesen


franzobel | kleiner echtflansch zur doppelten scheiße

oder die Telekommunikationskabeln werden nun in Abflussrohren verlegt

Sehr geehrter Herr Anders, Hiermit beziehen wir uns auf den Vorschlag, den wir von ECHT bekommen haben (Architekt Emilio Santacroce), bezueglich dem Test für die Installation von 20 mm Monodukten in Abflussrohren von 150 mm Durchmesser. Leider sind wir nicht in der Lage, die Bedingungen so zu akzeptieren, wie Sie sie formuliert haben. Wir sind bereit, unsere unverbindliche Anwesenheit waehrend der Probeinstallation anzubieten, wob... lesen




Literarische Texte der Ausgabe 05 - warten, bitte

birgit pölzl | kohl und geschwindigkeit

Mein Sohn hat einen Gemüsegarten angelegt, in dem er Gemüse zuhauf biologisch zieht. Berge von schneckenverspurtem Salat zum Beispiel, den man innerhalb einer Woche zu essen hat, weil er sonst schießt, oder Feldgurken, bittere Kernhaufen in stacheliger Haut oder blattlausverseuchte Buschbohnen. Das wäre mir im Prinzip wurscht, die umgangssprachliche Redewendung rutscht mir nicht einfach heraus wie manchem das Braungetön, ich verwen... lesen


margret kreidl | zeitlupen

1 Natursteinwand, Steingußkübel, Rasenhügel, Liegestühle, Schwertlilie. Die Natursteinwand ist zwei Meter hoch und zwei Meter lang. Der Steingußkübel ist mit Erde gefüllt. Die Iris sibirica hat weiße Blüten. Die blau bespannten Liegestühle sind zusammengeklappt. Der Rasenhügel ist umgegraben. 2 Wandgarderobe, Schuhschrank, Doppelkommode. Spiegel mit Rahmen, Keramikvase. Der Spiegel hat einen goldenen Rahmen. Die Kerami... lesen


helga pankratz | die urbane mechanik

rolltreppen sind wie heruntergelassene rollbalken für rollstühle. willst du mich rollen? nackenerollen, rollenspiele und rollkur helfen da nicht ab. fließen ist besser: fließbänder, fließverkehr, abfluß, fließend englisch in fünf wochen, werbeflut, geldfluß, arbeitskräfte- fluktuation, warenüberfluß. im flutlicht ertrinkt die stadt, photoplaning ist möglich auf stadtautobahnen zur mitternacht... lesen


günther freitag | die kunst wörter einzumauern

Carlo, ein Maurer aus Termoli, hatte, ohne daß ihm dafür ein Grund genannt worden war, seine Arbeit verloren. Wochenlang saß er im Haus seiner Eltern, in das er mit Elisabetta gezogen war, weil sie die Miete für die Wohnung in einem Betonklotz nicht mehr bezahlen konnten. Carlo saß und grübelte darüber nach, was die Firmenleitung veranlaßt hatte, gerade ihn zu entlassen. Er starrte aufs Meer hinaus und versuchte sich an die Baus... lesen


elfriede jelinek | „Ich liebe Österreich“

Krokodil: Ich bin Frau Magister Heidemarie Unterreiner. Morgen komme ich und esse Menschen. Gretl: Bitte helfen Sie mir, ich liebe österreichische Menschen. Krokodil: Ich bin Frau Magister Heidemarie Unterreiner. Ich wollen einen schönen Tag. Und alles österreichische Menschen. Gretl: Ich will sein frei weil das Welt ist und alle haben recht. Krokodil: Ich bin Frau Magister Heidemarie Unterreiner. Mein Ein und Alles, mein Jörg, h... lesen




Literarische Texte der Ausgabe 04 - widerlich

Kein Literarischer Text in dieser Ausgabe

Literarische Texte der Ausgabe 02/03 - wiederkehr

werner schwab | Thierschädel

Wie irgend ein schnelles Tier warf sich McVie auf die andere Seite, sein Leben schmerzte, wie es bei allen Menschen immer schmerzt. Der Kampf mußte beginnen können. Hunderte Schweine waren abzustechen, aufzuarbeiten, zu den Akten zu legen. Es graute ein Morgen. die abgestickte Menschenoberfläche will toilettiert werden, es spielt sich ein Anfang. Kein Gedächtnis ist mir jemals zugelassen. Jede Eigenzeit simuliert e... lesen


franzobel | franzobels kochecke

Heute: Grüne Nüsse

Walnüsse um Johanni herum pflücken (zwischen dem 24. und 30. Juni). Vorher probieren, ob sie sich mit einem Hölzchen durchstechen lassen. Schon beim Pflücken wie bei der ganzen weiteren Bearbeitung UNBEDINGT Handschuhe anziehen. Dann die Nüsse wiegen und hernach mit einem spitzen Holz (Fleischspieß) jede Nuss 4 - 5 mal durchstechen. Dann die Nüsse mit Wasser abschwenken und 10 - 14 Tage in kaltem Wasser, das täglic... lesen


friederike mayröcker | für Elisabeth von Samsonow

solch Vogelherz fiel mir ein als ich erwachte und deine Stimme vernahm in meinem Kopf solch Vogelherz und dann fiel mir ein: TRÄNE und: GRASHALM und im Grase die Schwärme von Tauben grau auf grün sich niederlassend eintauchend da, als ob 1 Wind sich beruhigt hätte, als ob 1 Wind genistet hätte in diesem Gras - die Schar hatte sich niedergelassen und war verstummt, stille Herde unter Büschen und Bäumen, do... lesen


judith fischer | artificial txt:

dreck auf den seiten keine blaetter unter der zunge haelt eine wort sand mit klobigen schultern zwischen die naegel schnitte langsam tiefer unweigerlich versetzen sich borten ziegel die mundoeffnungen tropfen ein wenig das leder glaenzt in den falten den stein wirft sie den kopf in den nacken keine eile auf eine weise verschwinden auf eine andere wieder auftauchen versteckt sich abschuetteln allianzen bilden bei niedriger... lesen


marc adrian | das mammut. ein lehrstück

als primärtext montiert aus der kinderzeitschrift donald duck spezialrubrik ich weiß mehr (deutsche ausgabe 1963) primärtext 1. lesung das mammut ist der einzige urweltriese, dessen körper im ewigen polareis eingefroren, die jahrtausende überdauert hat. vor kurzem erst fanden forscher in der arktis den völlig unversehrten riesenleib eines mammuts. sein fleisch war noch so frisch, dass man es essen konnte... lesen


friederike mayröcker | auf einen Pappteller

und weisz und Schnee und mitten im Sommer Papptellers Spuren und Wischtuch Kufen und Tassenrand -rund meines gefältelten Augs .. Papptellers Weisz und Schnee und mitten im Sommer und Stiefel Schneise im Schnee und der Schatten des Tischtuchs zeichnet dunkles Profil auf danebenstehenden Hocker .. so Flusen Flausen von weiszem Brot / Flöckchen von Krume auf weiszem Tuch, und ach wie die Augen baden im salzigen Quell... lesen


friederike mayröcker | solch Himmelfahrts Zeisig

und hat geklungen wie Wasser sein Gesicht wie Wasser und die Nähe dieser Elemente zu einander die Empfindung der Saatkrähe im frühen September und schreit und schreit im düsteren Kopf und Wald im frühen September und schnüre am Rande des Traums am Rande des Himmels und habe gesehen im Traum die Wildnis der alten Maiglöckchen Blätter : Irrwisch unter gekrümmten Bäumen / so klirrender Zeisig für... lesen


friederike mayröcker | Beweinungen

für Valerie Lawitschka Tageslauf, so Infantin in 1 anderen Welt nur 1 paar Worte auf meinem Band die auf der Stelle mich versetzen in 1 andere Welt:stille Welt : „hier Valerie Lawitschka Hölderlinturm, freue mich dasz Sie kommen ..“ in 1 andere Welt die mich verzaubert : 1 Liguster Welt 1 Hölderlin Welt dann ist Juni 1 sehr stattlicher Juni, 1 Robinien Welt 1 Welt in welcher Trauerweiden tief in den Nec... lesen


friederike mayröcker | dieses Kind diese Parze dieser Ligusterhain

vor meinem Fenster die weiszen Lilien ungeschriebener Briefe wachsen herzu bis an mein Bett Levkojen Iris und Tausendschön ich weisz warum ich so traurig bin mein vorletzter Zahn das Blut stillt sich nicht es flieszt aus Mund und Nase es flieszt der Neckar mit Trauerweiden umflort - ich war dort an der Brücke bin an der Brücke gestanden : im Wasser : eines Hundes gewellter Schatten : mein eigener war es, zwisc... lesen




Literarische Texte der Ausgabe 01 - weltenende

andreas okopenko | traumberichte

Die böse Sonne D3. Eva und ich sitzen im Wohnzimmer beisammen. Es ist um Mittag, die Sonne steht über den Häusern. Auffällig ist, daß vom westseitigen Fenster des Arbeitszimmers klein und spitz ein greller Lichtpunkt herdringt, wie er als Spiegelung der Sonne in Metallflächen bekannt ist. Ich rätsle nicht lange, sondern entdecke tief am Westhimmel mitten am Tag einen Stern, der nicht größer als die Planeten V... lesen


christine huber | lyrik, und ... (1)

Im Dezember 97 stellten Oswald Egger, Christine Huber und Christian Steinbacher im Forum Stadtpark ihre Konzepte von Lyrik vor. Im folgenden bringen wir die Texte von Christine Huber und Christian Steinbacher als Nachlese

I (aus der lesung; oder auftakt) zukunfts in schärfen was weh schwimmenschauen fährtenstellen weiden1 II aussprache halten, fragen, anfragen, gespräche: erklärung, modell, oder doch nur redundanzen beschwören? denn die eigentliche frage „warum um alles in der welt machst du das?“ läßt sich so leicht weder stellen noch beantworten. also außenvor damit und nur so rundherum gefragt: lyrik und... lesen


christian steinbacher | lyrik, und ... (2)

Im Dezember 97 stellten Oswald Egger, Christine Huber und Christian Steinbacher im Forum Stadtpark ihre Konzepte von Lyrik vor. Im folgenden bringen wir die Texte von Christine Huber und Christian Steinbacher als Nachlese

Wenn ich etwa in der Schweizer Korrektur den diese beschließenden Satz „Gedichte geben das Sichere und Gute“ lese, so erscheint es mir dringlich nötig, dem entgegenzutreten. Nicht unpassend in dem Zusammenhang sehe ich, daß die Veranstaltung Lyrik und ... des Forum Stadtpark zufällig am Tag des 200. Geburtstags von Heinrich Heine stattgefunden hat, worauf ich mich in meiner Lesung auch bezogen habe. Mich vom Termin... lesen