schreibkraft - Das Feuilletonmagazin

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Rezensionen der Ausgabe 30 - wälzen

Follow the white rabbit!

Gerald Linds Erzählen-über-das-Erzählen-über-das-Hoffen-auf-die-bessere-Welt

Gerald Lind: Lumbers Reise

Mit Lumbers Reise von Gerald Lind liegt der zweite Roman des Grazer Literaturwissenschaftlers und Autors vor; der erste hieß Zerstörung und war ein zum Buch geronnenes Abfeiern des infiniten Regredierens in den Fußnotenspalten der geisteswissenschaftlichen Texttradition, völlig losgelöst von der Erde bzw. zumindest vom Primärtext; oder war‘s eine Kritik dieses Abfeierns, oder ein Abfeiern der Kritik … ? Jedenfalls war es eine getreue N... lesen


Landeskunde in Romanform

Boris Schumatsky porträtiert in „Die Trotzigen“ das Russland der 1990er-Jahre.

Boris Schumatsky: Die Trotzigen

Die Deutsche Anna Spiller engagiert sich für die Moskauer NGO Memorial, ihr zeitweiliger russischer Freund Sascha Potjomkin versucht ein deutsches Visum zu ergattern, Denis strebt eine Karriere als Journalist beim liberalen Radiosender Echo Moskaus an. Wir schreiben den August 1991, im zweiten Teil des Romans Die Trotzigen auch den Oktober 1993 und in Russland wird große Geschichte geschrieben. Der 1965 in Moskau geborene Boris Schumatsky l... lesen


Das Leben unter Anführungszeichen

J. J. Voskuil verhandelt verschiedenste Facetten von Entfremdung.

J. J. Voskuil: Das Büro. Band 1: Direktor Beerta. Übersetzt von Gerd Busse.

Googelt man die Rezensionen und Veranstaltungshinweise zu J. J. Voskuil, stellt man fest, dass das Interesse für den niederländischen Autor (1926-2008) und für sein wichtigstes Werk, Das Büro, in Deutschland ungleich größer ist als in Österreich. Neben der ausführlichen Behandlung, die Voskuil in Deutschland in den letzten Jahren erfahren hat, nehmen sich die gerade mal zwei österreichischen Rezensionen von 2012, die ich fand, eher mi... lesen


Es entgeht der Zensur!

Petra Nachbaur verantwortet eine kleine, äußerst unterhaltsame Nacherzählung von Nabokovs Lolita.

Petra Nachbaur: Lele. Schundheft Nummer elf.

Das Alleinstellungsmerkmal des Heftchens ist die völlige Aussparung der Vokale a, i und o (also die symbolische Tilgung des Namens „Lolita“) nicht nur im Text, sondern selbst noch in den Verlagshinweisen auf den letzten paar Seiten – „Echte Werbung“ steht dort drunter (muss natürlich drunterstehen, um den Unterschied zum Handlungsrahmen des fingierten Verlegerbriefs zu markieren, den Nachbaurs Arbeit von der Vorlage übernimmt), und... lesen


Ode an die Freundschaft

Das Ende einer Kindheit, auf die die Vergangenheit Rumäniens ihr Licht und ihren Schatten wirft.

Iris Wolff: Leuchtende Schatten. Roman.

Leuchtende Schatten heißt der zweite Roman der in Hermannstadt/Sieben¬bürgen geborenen und in Freiburg lebenden Iris Wolff. Wer sich einen genreüblichen Abgesang auf das Ende der Siebenbürger Sachsen in Rumänien erwartet, sollte das Buch rasch wieder zur Seite legen. Wolff schafft es nämlich, dem Leser das siebenbürgische Hermannstadt und ein Dutzend seiner Bewohner derart einfühlsam und eindringlich vorzustellen, dass man, wenn man sic... lesen


Teil ein Klischee

Andreas van Hoovens Debütroman "Stadt der Platanen"

Andreas van Hooven: Stadt der Platanen

„Im Grunde besitze ich einen Ruhe¬puls von 57 Schlägen.“ Mit diesem Satz hebt Andreas van Hoovens Debütroman an und es ist umgehend klar, dass die tatsächliche Frequenz wohl höher sein dürfte. Doch was ist schuld daran? Erpressung? Ein bevorstehender Meteoritenschauer? Harndrang? Nein, es ist schlicht und einfach die Berufsbranche, die der namenlos bleibenden Hauptfigur in Stadt der Platanen das Herz beschleunigt. Als Werbegrafiker im... lesen




Rezensionen der Ausgabe 29 - verspielt

Herr Houellebecq, so läuft das nicht

Anmerkungen zum Roman Unterwerfung.

Houellebecq, Michel: Unterwerfung. Roman. Aus dem Französischen von Norma Cassau und Bernd Wilczek (Soumission, 2015)

Allahs Herrschaft über das Abendland – der Roman um eine muslimisch dominierte Politik in einem europäischen Land scheint göttlich inspiriert. Aber der Teufel steckt bekanntlich im Detail.   Nehmen wir einmal an, dass ein europäisches Land dermaßen viele Flüchtlinge aus den Kriegen des Nahen und Mittleren Ostens aufnimmt, dass bei einer Wahl in naher Zukunft eine muslimisch ausgerichtete Partei stimmenstärker ist als... lesen


Zeitgemäß kontrastive Betrachtungen

Emil Bobis Schattenstadt und Cornel Nemetzis Memoiren eines rumänischen Spions.

Cornel Nemetzi (2013): Ultimul Curier Ilegal. Memoriile unui spion român (Der letzte illegale Kurier. Memoiren eines rumänischen Spions). Baia Mare: Marist Verlag (Rumänisch): Emil Bobi (2014): Die Schattenstadt: Was 7.000 Agenten über Wien aussagen. Salzburg: Ecowin Verlag

Motto: „Ich werd' dir lieber nicht sagen, wie ich heiß', sondern wie ich mich nenne.“ Arthur Schnitzler, Reigen   Österreichisch-rumänischer Prolog in der Hexenküche: Es braucht, so geht das Gerücht, zwei grundlegende geheimdienstliche Axiome, um in Erfahrung zu bringen, wie einer so durch und durch systematisch begreifen könnte, was die geheime Schattenwelt im Innersten zusammenhält, und zwar ein Axio... lesen


It‘s hard to be who

Im Band my degeneration wird gelistet, gesamplet und ge-resamplet.

Kramer/Mießner/Pohl/Schittko et al.: my degeneration. the very best of. WHO IS WHO (Texte 2004–2013)

„Automechaniker heißt jetzt Mechatroniker“ - nach diesem Schema schenken uns Kai Pohl, Benedikt Kramer und Clemens Schittko et al. ein Buch über Poesie im pöhsen, pöhsen Kapitalismuszeitalter. Ein Buch voller Listen, ein Telefonbuch der Semantik des Kapitalismus und seinen Verwandten. Suchmaschinenästhetik, Dada-Montage und mehr oder weniger verzweifeltes Herumspielen mit der Sinnmaschine Internet, Dada, Blabla und Gaga. Kai Po... lesen


Das Wettcafé als Habitat

Ilir Ferra entführt in „Minus“ in die Kaschemmen des Un-Glücksspiels.

Ilir Ferra: Minus. Roman

Wer wissen will, wie es in einem Wettcafé zugeht, kann eines aufsuchen und sich das Gewand von der rauchgeschwängerten Luft verstinken lassen. Oder er kann den Roman #Minus# von Ilir Ferra lesen, denn der öffnet uns die Tür ins Innerste eines typischen Wettcafés in Wien-Meidling. Der Ich-Erzähler versieht dort seinen Dienst als Einschreiber, das heißt er nimmt die Wetten der Spieler an und überträgt die Einsätze und Wettdetails... lesen


Entertain yourself

Harald Darers famoser zweiter Roman widmet sich den zeitgemäßen Themen Gewalt und Langeweile

Harald Darer: Herzkörper. Roman

Small town boredom kann eine vehemente Belastung für Jugendliche und junge Erwachsene sein. Die medial in heavy rotation vermittelten Möglichkeiten, was Leben angeblich alles bedeuten kann – Stichwort „Next irgendwas“ -, sind außer Griffweite, der soziale Druck und der wirtschaftliche Überlebenskampf greifen vermehrt um sich, file under steigende Jugendarbeitslosigkeit. „Here we are now, entertain us“ proklamierten Nirvana... lesen


Im Land des Lächelns

Eine verregnete Sommerliebelei

Martin Kolozs: Sommer ohne Sonne. Roman.

Es wird viel gelächelt in Martin Kolozs‘ neuem Buch Sommer ohne Sonne, und zwar wird von den Romanfiguren schief gelächelt, bitter gelächelt, verkniffen gelächelt, verletzt, verlegen oder versucht fröhlich gelächelt, und das auf manchen Seiten bis zu drei Mal. Dabei gibt es gar nicht so viel zu lächeln und schon gar nichts zu lachen in diesem 100 Seiten dünnen Roman, in dessen Zentrum&nbs... lesen


Gold, Kronen und Gefängnis

Bunte, bildhafte und fantasievolle Gedichte von Ruud van Weerdenburg

Ruud van Weerdenburg: Enthauptetes Licht strahlt in der Nacht. Gedichte

In dem vorliegenden, 2014 im Löcker Verlag erschienenen, Gedichtband erschafft der Dichter ein breitgefächertes, exotisches Kaleidoskop an Sinneseindrücken, das den/die LeserIn eher auf eine abenteuerliche Reise entführt als ihn/sie sich daran erinnern zu lassen, dass er/sie gerade „nur“ einen Gedichtband in Händen hält. Für mich war der Band ein Reiseticket in eine andere Welt, das in mir wieder die Erinnerung an den Geschma... lesen


Das Leben, diese vertrackte Spirale

Patricia Brooks verschiebt in ihrem Roman „Die Grammatik der Zeit“ gekonnt Zeit- und Realitätsebenen

Patricia Brooks: Die Grammatik der Zeit

Bei Borges heißt es so schön, dass das Unglück begann, als die Türe unbeabsichtigt offen stand und jemand unvorhergesehenerweise durch sie eintrat. Ähnlich ist es bei Patricia Brooks und ihrem aktuellen Roman #Die Grammatik der Zeit#, nur dass hier anstatt konkreter Personen – die treten natürlich auch ein und auf – Möglichkeiten ins Leben der namenlosen männlichen Hauptfigur, um die 30 Jahre alt, in der IT-Branche tätig, t... lesen


Der Austro-Murakami

Wenn Piraten über Kreuzfahrtgäste staunen und umgekehrt

Martin Amanshauser: Der Fisch in der Streichholzschachtel

„Einige Vorwitzige zückten glänzende rechteckige Kästchen von der Größe zusammengefalteter Taschentücher und hielten sie in unsere Richtung, als wollten sie sich durch die Luft mit uns verbinden. Manche taten es verschämt, manche offen. Die Kästchen knackten und surrten, einige blitzten wie Kanönchen, doch es folgte kein Donner, und ihr Beschuss rief keine sichtbaren Folgen hervor. […] Ich konnte mir ihre Vorgangsweise nur... lesen


Die Reise um das Krankenzimmer

Zwischen Gefäßverengung und Übellaunigkeit

Wilhelm Hengstler: flussabwärts flussabwärts

Mit der Hauptfigur aus Wilhelm Hengstlers neuem Buch flussabwärts flussabwärts würde ich nicht gerne auf Urlaub fahren. Zu oft kämpft der Mann, der mit seiner Begleiterin per Rad die Donau abwärts zur Mündung reist, gegen seine Übellaunigkeit an. Aber gut, er ist auch in Rumänien unterwegs, wo man am Land vorwiegend mit Mangelwirtschaft konfrontiert ist, die Wege sind nicht immer die besten, und er hat eine harte Zeit hinter... lesen


Minimalismus per se

Fritz Widhalm hat im Winter 2014 still und heimlich die letzte Ausgabe der Zeitschrift "Wohnzimmer" ausgeschickt. 25 Jahre lang hat die "Zeitschrift für unbrauchbare Texte und Bilder" die österreichische Literaturlandschaft mit Text- und Bild-Montagen dadaisiert. Jetzt ist Schluss damit. Widhalm erklärt im E-Mail-Interview, warum.

Fritz Widhalm: Wohnzimmer

Wie lange hast du die Wohnzimmer-Zeitschrift gemacht und aus welchem Impuls heraus hattest du sie gegründet? das erste wohnzimmer ist 1990 eingerichtet worden, also warens insgesamt 25 jahre zeitschriftmachen. impuls, hm, wir haben 1986 mit dem verlag das fröhliche wohnzimmer begonnen, anfangs waren immer mehrere personen in die bücher involviert, dann haben wir mehr auf einzelbände fokusiert und es blieben einfach die kürz... lesen




Rezensionen der Ausgabe 28 - wie meinen?

Souverän skurril

Bettina Gärtner entführt in eine klaustrophobische Welt mit mehr Fragen als Antworten.

Bettina Gärtner: Unter Schafen. Roman.

Mit „Schafskrimis“ à la Glenkill hat Bettina Gärtners Debütroman Unter Schafen nichts zu tun. Eher gleicht das Buch einem leicht kafkaesken Kammerspiel, in dem neben swanetischen Fettschwanzschafen vor allem Lügen und Geheimnisse eine Rolle spielen. Erstere – die Schafe – sind im Roman Lieferanten für ein besonderes Fett, das sich als Basis pharmazeutischer Salben bewährt. Letztere – Lügen & Geheimnisse bzw... lesen


Gefangen im Ich

Das Leben, wie es nicht sein soll.

Paul Ferstl: Die gute Küche der Spartaner. Erzählung.

Zwei Wochen Urlaub mit Onkel und Tante am See: Michael sollte sich eigentlich freuen. Aber er freut sich nicht. Michael geht es schlecht. Er ist krank. Schon auf der Hinfahrt muss er sich übergeben, und dann kommt auch noch das Fieber. Michael schämt sich. Endlich der entscheidende Anruf, endlich die fixe Jobzusage: Wolf sollte sich eigentlich freuen. Aber auch er freut sich nicht. Wolf fühlt sich leer. Er hat so lange darauf gewar... lesen


Am Ende war kein Ort

Behutsamer Leerlauf bei 30 Grad im Schatten.

Lorenz Langenegger: Bei 30 Grad im Schatten. Roman.

Manchmal ist das Verreisen ja eher ein Fortlaufen, eine Bewegung raus aus dem Ungeheuren des Alltags, hinein in das positiv gedachte Ungewisse der Ferne, ist eine Distanzschaffung zwischen dem Hier und dem Mir. Jakob Walter, die Hauptfigur in Bei 30 Grad im Schatten war bereits die Hauptfigur in Lorenz Langeneggers Debüt Hier im Regen . Dort schon wagte er einen Ausbruch aus seinem Leben, nun ja, besser sagte man wohl, er versuchte... lesen


Konzentrierter Affenzirkus

Einblicke in einen arabesken Gedankenstrom.

Jung Young Moon: Vaseline Buddha. Aus dem Koreanischen von Jan Hendrik Dirks. Roman.

Eines der Ziele der Meditation ist es, den ungezügelten Gedankenstrom in ein ruhiges Gewässer zu überführen. Schön, wenn das gelingt, aber dafür ist jahrelange Übung in der kontemplativen Versenkung notwendig. Ein Bild, das im Zusammenhang mit der Meditation gerne gebraucht wird, ist das der Gedanken als Horde sprunghafter Affen, die sich mal auf diesen, mal auf jenen Ast schwingen und dabei jedem Impuls folgen, der sich ihnen bi... lesen


Rückzug ins normale Leben

Rimbaud lässt sich unter Kokospalmen die Eier kraulen.

Markus Mörth: Die Surrealisten. Roman.

Ein Künstlerleben abseits bestehender Konventionen und fernab lästiger Verpflichtungen, frei, radikal und leidenschaftlich, wollen sie führen – die drei Freunde Max, Otto und Paul. Um das auch nie zu vergessen, schließen sie einen Pakt, der sie davor bewahren soll, wie so viele als gescheiterte Maulhelden zu enden. Nach Jahren treffen die „drei Musketiere“ wieder zusammen: Gealtert, um ein paar Kilogramm schwerer und um ein pa... lesen


Subversion auf der Jesuitenwiese

Vom Kampf um gesellschaftliche Veränderung.

Fanny Blissett: Jesuitenwiese. Ein leicht revolutionärer Poproman.

  Liebe Freundinnen, wenn ich an die letzten 25 Jahre zurückdenke, hatte ich eigentlich immer einen politischen Plan der Gesellschaftsveränderung. Große Hoffnungen hab ich dabei in die Jugend- und Popkultur gelegt, aber viele dieser Hoffnungen scheinen sich inzwischen aufgelöst zu haben. Deshalb möchte ich einen Roman schreiben und kann mir gut vorstellen, dieses Projekt im Team anzugehen.   Diese Sätze standen a... lesen


Eisbergstorys

Johannes Gelichs Kurzgeschichten wirken als Text und Subtext gleichermaßen.

Johannes Gelich : Das T-Shirt meiner Frau. Stories.

Gemäß dem von Ernest Hemingway entwickelten Eisbergmodell sollte eine gute Kurzgeschichte wie ein Eisberg nur 8 % ihrer Masse an der Oberfläche zeigen, die restlichen 92 % aber darunter als Subtext wirken. Wenn der Autor weiß, wie sein Eisberg unterhalb der Wasserlinie des Ausgesprochenen aussieht, kann die tiefere Bedeutung der Geschichte implizit hindurchscheinen. In der deutschsprachigen Gegenwartsliteratur gibt es nicht mehr vie... lesen


Die dritte Hälfte der Torte

Wert und Mehrwert in Axel Helbigs Dichtergesprächen.

Axel Helbig: Der eigene Ton 2. Gespräche mit Dichtern.

Zur Kultur des Sekundärtextes über neuere deutschsprachige Literatur lassen sich auf ersten Blick zwei kontroversielle Extrempositionen festmachen. Während eine Seite die Analyse des Textes und seiner Entstehungsbedingungen nicht nur als begleitende Aufarbeitung, sondern geradezu als programmatischen Inhalt der Literatur selbst betrachtet, werden auf der anderen Seite, vor allem in Bezug auf Lyrik, immer wieder gewichtige Einwände l... lesen


Lieder wie Nutzfahrzeuge

Ronald Pohls Gedichte vereinen Moderne, Jazz und Wiener Bühnenschmäh.

Ronald Pohl: die akte des vogelsangs. gedichte.

Ronald Pohls für einen Gedichtband überraschend umfangreiches Buch die akte des vogelsangs gibt sehr viel her, erfordert aber auch viel Arbeit von uns. Das mit der Arbeit liegt nicht an den Motiven und Schauplätzen, die er schildert. Leben in Wien, Vanitas-im-Altersheim, die Adria, die Geschichte des Jazz et al. – Das kennen wir entweder alles aus eigenem Augenschein, oder wir haben zumindest die eine oder andere Idee davon aus z... lesen


Hundewelt mit Ninjas

Alle Zustände in einem langen Satz vereint.

Max Höfler: wies is is. ein mondo cane machwerk.

„Mondo Cane“, beauskunftet uns Wikipedia, „ist ein Pseudo-Dokumentarfilm aus dem Jahr 1962 von Gualtiero Jacopetti, Franco Prosperi und Paolo Cavara und gilt als Grundstein des Mondo-Genres.“ Aha. Man erinnert sich dunkel an Filme dieses Genres: Gesichter des Todes etwa machte klandestinerweise die Runde im Klassenverband, als ich ungefähr 16 war – wie ich heute weiß, ein blasser Abklatsch der „echten“ Mondo -Filme aus... lesen




Rezensionen der Ausgabe 27 - zweifelhaft

Grazer Spaziergänge

Bart Moeyaert führt seine Hauptfigur auf den Weg zu sich selbst.

Bart Moeyaert: Graz. Novelle

Graz, das ist die Menschenrechtestadt mit Punks, die von überall vertrieben werden, und mit Bettlern, denen das Betteln verboten wird (bis der OGH eingreift), Graz ist City of Design mit Plätzen im Stadtzentrum wie dem Andreas-Hofer-Platz, an dem städtebauliches Design seit Jahrzehnten versagt, Graz hat keine U-Bahn und ein völlig überholtes Straßenbahnnetz, diskutiert dafür jeden Sommer eine Seilbahn entlang der Mur, Graz i... lesen


Vom Vergeben und Entkommen

In Elke Laznias Prosadebüt tun sich viele dunkle Seiten auf.

Elke Laznia: Kindheitswald. Roman.

Elke Laznia hat sich in ihrem beeindruckend-bedrückenden Debüt kindheitswald bekannter und in der österreichischen Literatur sehr beliebter Leitmotive angenommen: der Auseinandersetzung mit Familie, Heimat und Kindheit, ihrer gesellschaftlichen Bedingtheit und geographischen Verortung. Die unerbittliche Klarheit und verstörende Kompromisslosigkeit, mit der Laznia den dunklen Geheimnissen und bleibenden Verletzungen einer gewaltt... lesen


In dubio contra

Christoph Dolgan hat ein großartiges Buch geschrieben und möchte das nicht überbewerten.

Christoph Dolgan: Ballastexistenz.

Im Herbst werde sein erstes Buch erscheinen, sagte Christoph Dolgan, als wir uns vor knapp einem Jahr getroffen haben. Nachsatz des Jungmeisters selbstzweifelnden Understatements: Er sei aber nicht völlig zufrieden damit. Von wegen! – Ballastexistenz , im Herbst 2013 im Literaturverlag Droschl erschienen, ist ein grandioses Debüt. Es erzählt aus der Perspektive eines Heranwachsenden vom Elend des Alkoholismus, der nicht nur die... lesen


Kafkaeskes Schlawinertum

Alfred Goubran, der große Unangepasste, pflegt einmal mehr sein Faible für den unkonventionellen Blick.

Alfred Goubran: Durch die Zeit in meinem Zimmer. Roman.

Alfred Goubran, als Verleger, Essayist, Übersetzer, Singer/Songwriter und Autor seit jeher ein Unangepasster mit einem Touch Exzentrik und dem Blick für das Unkonventionelle, hat mit seinem zweiten Roman Durch die Zeit in meinem Zimmer ein ebenso artifizielles wie amüsantes Kunstwerk geschaffen, ein mitunter irrlichterndes Gedankenspiel gegen alle Lese- und Denkgewohnheiten. Bei Goubran muss man stets gewärtig sein, dass Geschicht... lesen


Im Ausgedinge

Daniel Wisser widmet sich in seinem neuesten Werk ganz besonderen geschützten Arbeitsplätzen.

Daniel Wisser: Ein weißer Elefant. Roman.

Es scheint, als ob Daniel Wisser an einer Bestandsaufnahme der modernen Arbeitswelt arbeitet. Nach seinem Roman Standby aus dem Jahr 2011, der sich „der Künstlichkeit unseres Alltags, der Alltagsabläufe, der Berufsabläufe, der Abläufe in einem Büro“ (Franz Schuh am Umschlagtext des Buches) annahm und dessen in einem Call Center tätiger Protagonist unter klassischer Entfremdung leidet und dennoch unter Groll und mit ständig w... lesen


Die Bewegung?

Die Bewegung zur Musik!

Paul Divjak: Das war Pop

Es gab da ja mal die Erzählung vom großen Sell-out: Eine irgendwie vitale, nicht ausschließlich kommerziell orientierte musikalische Formensprache nebst einer Szene drumrum würde in einer Nische der Gesellschaft fröhlich vor sich hin existieren. Dann käme das Big Label und fütterte ein paar Künstler an. Deren Mucke würde nun immer verwässerter, inhaltsloser, marktgängiger. Gleichzeitig würden die Symbole und der Lifestyle de... lesen


It’s only Rock’n’Roll

Das wundersame Leben als Rockmusiker.

Boris Bukowski: Unter bunten Hunden.

Als Laie stellt man sich das Leben als Rockmusiker oft als die ins Extrem getriebene Form der Freizeitgestaltung vor. Lang schlafen, dazwischen ein wenig Zeit an Klavier oder Gitarre verbringen, kurze Aufmerksamkeitsspannen und zum Friseur muss man auch nur alle halben Jahre mal. Rockmusiker sind die Professionalisten der Freizeitgestaltung. Aber denkste. Wer sich schon mal mit den Terminplänen und den Flugzeiten von Musikern auf Tourn... lesen


In die Vollen

Thomas Antonic & Janne Ratia: Der Bär im Kaninchenfell. Das unmögliche Leben des Thomas A. J. Ratia

Fortsetzung der Rezension " It's only Rock'n'Roll " Ganz anders geartet ist  Der Bär im Kaninchenfell . Die fiktive Biographie des Thomas A. J. Ratia langt in die Vollen. Zudem scheint es gegenwärtig unter jungen Germanisten modisch zu sein, fiktive Spielchen mit dem eigenen Namen zu inszenieren (siehe dazu auch die Rezension zu Gerald Linds  Zerstörung  in diesem Heft). Wo Lind aber den komplett hypertrophen Weg einschl... lesen


Barbarellas Puppen

Das Schöne allein bringt uns nicht weiter.

Gundi Feyrer: Das Rauschen der Tage. Phantastische Geschichten und anderes Irren.

Gundi Feyrers neues Buch Das Rauschen der Tage umfasst zwei Teile, deren Titel bereits auf ihren Charakter verweisen: Da haben wir einerseits Phantastische Geschichten und andererseits Noch mehr irren . Es geht hier also um Übersteigerungen, um Fehlgänge und Verwunderliches. Dabei sind es Themen wie das Alter, Beziehungen, Nichtbeziehungen etc., die hier verhandelt werden: Eigentlich wird nur Alltägliches beschworen. Doch F... lesen


Mit der Wucht einer Turbinenhalle

Zu Ute Eisingers Gedichtband „Dichte Kerne“.

Ute Eisinger: Dichte Kerne.

Bei Baudelaire war es (im Eröffnungsgedicht der Blumen des Bösen ) die Langeweile, über die der Bund mit dem Leser geschlossen werden sollte. Sie bezeichnet da die Haltung des Dandys und gleichsam – paradox? – die Bedrohung der Poesie, der Kunst überhaupt. Rund eineinhalb Jahrhunderte später ist die Poesie gefährdet genug, Ute Eisinger braucht nicht zu kokettieren, ihr Ernst – vom ersten Vers an – ist schlicht und do... lesen


Der Lind, der lacht

Ein Autor im Spiegelkabinett des Dekonstruktivismus.

Gerald Lind: Zerstörung.

Gerald Linds Buch Zerstörung besteht, neben Einsprengseln, aus einer Sammlung fiktiver Sekundärmaterialien zu einem Buch namens Zerstörung eines fiktiven Autors Gerald Lind. Dieses Buch hat, wie das real vorliegende, zum wesentlichen Gegenstand die Selbstverortung des fiktiven Autors in der Tradition von David Foster Wallace, dann das kalkuliert Pampige, Gerngroße, Fadenscheinige dieser Selbstverortung, schließlich ihre bruchlos... lesen


Medea und Kolleginnen

Kindesmord von 1787 bis in die Gegenwart.

Sophie Reyer: Marias. Ein Nekrolog.

Sophie Reyer kompiliert in ihrer jüngsten literarischen Publikation Marias. Ein Nekrolog verschiedene literarische Quellen, Kataloge und Gutachten von sogenannten Kindsmörderinnen: Dokumente aus Frauen-Dokumentationszentren, Kriminalmuseen, Haftanstalten und der „hohen Literatur“. Reyer entwickelt daraus eine auf mehreren Ebenen arbeitende Prosa, die sprachlich formal konsequent und genau ausgeführt Perspektiven auf Medea und i... lesen


Blühende Erdbeeren

Wenn Menschen das Weite suchen.

Birgit Pölzl: Das Weite suchen. Roman.

„Die Erdbeeren blühen“ – dieser Satz kehrt wieder in Birgit Pölzls jüngstem Roman Das Weite suchen und hat eine ähnliche Wirkung wie Kerzen und Gaslampen anstatt Strom und Feuer im Kamin: Die Menschen werden wehmütig, wenn sie daran erinnert werden, was ihnen manchmal fehlt. Und so kann man wieder einen Roman lesen, in dem es wieder einmal wieder ein paar junge Menschen mit dem „einfachen, reduzierten“ Landleben aufnehm... lesen


Dem Abgrund nah

Über unerwiderte Liebe und rasende Leidenschaft.

Elmar Mayer-Baldasseroni: Die Hinrichtung. Roman.

Bei einem ersten kurzen Blick auf das Cover dieses Romans von Elmar Mayer-Baldasseroni könnte man fast meinen, es handle sich um einen Psychothriller: ein glühend rot-gelbes Herz auf schwarzem Grund, darunter der vielsagende Titel: Die Hinrichtung . Was auf den nächsten 224 Seiten folgt, ist jedoch kein Psychothriller im klassischen Sinne. Auch die Erwartung einer grausamen Hinrichtung wird enttäuscht: keine Schüsse, kein Köpfero... lesen


Revolte im Krankenhaus

Eine Fantasie mit fließenden Grenzen.

Kerstin Kempker: Die Erfüllung der Wünsche. Eine Übung. Roman:

Der Schauplatz: ein Krankenhaus mit dem für sich sprechenden Namen „Moribundes“. Die Erzähler: eine berichtende Instanz, die die relevanten Schauplatzstationen und das Geschehen näher beschreibt. Eine Ich-Erzählerin, die nach einer Untersuchung einen Befundbrief besagten Klinikums erhält. Und dann noch eine zweite Ich-Erzählerin; eine aufgrund ihrer Fast-Kahlheit offenbar krebskranke Patientin, die sich gemeinsam mit anderen K... lesen


Generationen

69 Weltgeschichten und ein Ameisenbär in Manfred Chobots neuem Erzählband.

Manfred Chobot: Mich piekst ein Ameisenbär. Weltgeschichten.

Schon der Titel Mich piekst ein Ameisenbär verrät unverhohlen, dass da Skurriles und Witziges auf uns warten. Den Anfang macht eine Geschichte über einen ungewöhnlichen Weltreisenden, der „eine Rundreise um die halbe Welt“ unternimmt, aber kaum Geld mit dabei hat. Der Ich-Erzähler nimmt sich seiner beratend an und erfährt andererseits immer mehr Details aus dem Leben des Reisenden, der Hilfsarbeiten bei der Post verrichtet, z... lesen


Geht runter wie Bier

Ein liebenswerter Loser und ein subversiver Heimatzugang.

Andrea Stift: Wilfert und der Schatten des Klapotetz. Ein Südsteiermark-Krimi.

Regionalkrimis stehen derzeit hoch im Kurs. In ihnen verbindet sich das Bedürfnis nach dem guten alten Heimatgefühl, das realiter dem Zerbröseln ausgesetzt ist, mit jenem nach einer – meist als Detektiv oder Kommissar auftretenden – markanten Persönlichkeit, die unter den weichgespülten Charakteren, die unsere flexible Dienstleistungsgesellschaft hervorzubringen genötigt ist, ebenfalls dem Aussterben geweiht und daher als lite... lesen


Direkt vom Herzen

Bettina Messner räumt mit dem Patriarchat auf.

Bettina Messner: Senta bremst ein. Erzählungen.

Brennend heiß unter den nackten Füßen: Das ist der Strand, an den sich Bettina Messner erinnert. Das und anderes - Hauptsache kein Hohlkreuz. Über kulinarische Schwierigkeiten mit Mutter und Großmüttern, Probleme mit Männern, die dann doch nicht passen, obwohl sie nicht geschieden sind, keine Kinder haben und keine lästigen Ex-Frauen. Er hätte der Richtige sein können, denn er war passend, aber lieben - das ist dann doch etwas... lesen




Rezensionen der Ausgabe 26 - da capo

Keine Rezension in dieser Ausgabe

Rezensionen der Ausgabe 25 - schön blöd

die sofarevoluzzer (1)

Individuelle Revolten von heute nehmen am Polstersitz Platz

Johannes Gelich: Wir sind die Lebenden

Bücher über die Orientierungslosigkeit der 20 bis 40-Jährigen gibt es mittlerweile viele. Zeittypische Romanfiguren, deren Lebensalltag von einer gefühlten Perspektivenlosigkeit und einer konkreten Unentschlossenheit geprägt ist, ebenfalls. Meist sind das unreife Statisten des Lebens, verletzte Seelen, die unter ihrem Alltag und unter ihrer Familie leiden. Nicht ganz so verhält es sich bei „Muki“ (Nepomuk) und Erwin, den Protagonist... lesen


die sofarevoluzzer (2)

Josef Kleindiensts Held findet Erfüllung beim Bahnfahren.

Josef Kleindienst: Freifahrt

Die Langsamkeit, die Passivität, das Beobachten, das Weiterwurschteln, Dahinlavieren und das Sich-Verweigern sind typisch österreichische Attribute. Auch in Josef Kleindiensts Erzählung Freifahrt sind sie zu finden. Erwin, Protagonist dieser Erzählung, ist ein ziel- und ambitionslos durchs Leben taumelnder Mann, der keinen Begriff davon hat, was er will. Seine Müdigkeit scheint grenzenlos, seine Unentschlossenheit ebenso und Momente der... lesen


das übel der fehlenden untertasse

Profunde literarische Kritik an den Scheinwelten von Großunternehmen

Stefan Bergsmann: Aufgestaut

Stefan Bergsmann ist im Zivilberuf Unternehmensberater in Wien, er kennt sich also mit den Realitäten von Bürojobs in heimischen Firmen bestens aus. In seinem Prosaerstling Aufgestaut macht diese Angestelltenwelt aber gar keine gute Figur: Sie ist das Habitat von intriganten, sich selbst überschätzenden, wehleidigen Typen in teuren Anzügen, die sich und ihre „Leistungen“ in strahlendem Licht präsentieren, aber in Wahrheit nur heiße... lesen


wenn nichts mehr weitergeht

Blöde Situation: Die Hauptfigur von Georg Petz‘ „Bildstill“ steckt in einem endlosen Stau

Georg Petz: Bildstill

Matthias Trzky, Anglist und überschaubar erfolgreicher Schriftsteller, befindet sich auf dem Weg zu einer Feier in der Wiener Künstlerszene. Dort anwesend sind unter anderem seine ehemalige Studentin Saša, deren Ehemann Harald sowie sein Verleger, mit dem das neue Buchprojekt besprochen werden soll. Doch mitten auf der Autobahn geht plötzlich nichts mehr, alles steht still und Matthias wird reglos hinter dem Lenkrad sitzend auf sich selbs... lesen


verharren vor dem wysiwyg

In Polyphems Reich soll die Welt des Buches ausgelöscht werden

Birgit Schwaner: Polyphems Garten

Seltsam verstörend trifft die Künstlichkeit der Welt, von der in Polyphems Garten erzählt wird und die doch so negativ dargestellt ist, auf die fröhliche Künstlichkeit der Erzählung, als sei sie darin irgendwie angelegt – angesichts dessen, dass hier das Regime des Polyphem die Welt des Buches auslöschen will, ein bedrohlicher Gedanke. Das „Poein“, das „Machen“ der Dichtung, scheint mit dem Erzeugen, das die Welt dieser Polyp... lesen


rauchsignale für wordspielschatzsucher

Markus Köhles Hauptfigur schreibt erotische Haustiergeschichten

Markus Köhle: Hanno brennt

Hanno brennt. Er brennt für seine neue Flamme Annabell, für ein gemütliches Feierabendbier (oder auch zwei), für einen frisch gebrühten Kaffee gegen die Katerstimmung am nächsten Morgen. Hanno ist abgebrannt. Deshalb brennt er auf finanzielle Unabhängigkeit und für seine neue Geschäftsidee: Nach einer durchzechten und durchflirteten Nacht glaubt der wortgewandte Überlebenskünstler eine Lücke im Wiener Dienstleistungssektor entdeck... lesen


starkes krakeelen

Drei Urlauberinnen in Griechenland abseits des Klischees

Ursula Riederer: Kakomiris. Eine Sommergeschichte

Mit Kakomiris legt die Grazerin Ursula Riederer ein Griechenlandbuch der etwas anderen Art vor. Allerdings denkt man bei der Lektüre des eleganten, weißen Bandes, den ein von Oswald Oberhuber gezeichnetes Porträt der Autorin schmückt, kaum an „et in arcadia ego“, auch nicht an Ouzo-selige Abende am Strand – wenngleich so etwas schon vorkommt –, ja nicht einmal an die jetzt schon ziemlich lang andauernde „gegenwärtige“ Krise i... lesen


der magritte aus stainz

Mike Markart schreibt surrealistische Prosa

Mike Markart: Magritte

Der steirische Schriftsteller Mike Markart, Jahrgang 1961, ist das beste Beispiel dafür, dass man in der Literatur Ich-Erzähler und Autoren-Ich niemals verwechseln sollte. Der Autor Mike Markart ist ein umgänglicher Typ: lange Haare, schüttelt Hände nach Art der Hippies, ist stets freundlich und mit so unauffälligen Vorlieben wie Familie, Kochen, Chilizucht, Rotwein, Fußball und Italien gesegnet. Die Erzähler-Ichs und Figuren in Marka... lesen


viel wiener schlagobers

Herbert J. Wimmer zelebriert im Membranroman die Metamorphose von Zuständen

Herbert J. Wimmer: membran

„erzählt wird immer, mindestens eine geschichte, eine regel, eine form, eine anordnung, eine struktur, ein konstruktionsplan, eine differenz von vorher und nachher im augenblick der lektüre“, sagt Herbert J. Wimmer im Werkstattgespräch mit Dieter Bandhauer, das seinem Band membran beigegeben ist. Und mit der Differenz lasse ich ihn hier gleich das Moment ansprechen, das aus seinem Textkonvolut, das einem strengen Bauplan von ineinander... lesen


psychogramm eines reptils

In Los Angeles lässt es sich ausgiebig scheitern

Gerald Hartwig: Chamäleon

Der unbestrittene Großmeister autobiografischen Erzählens heißt aktuell Joachim Meyerhoff: Der Schauspieler und Autor baut seine Texte anekdotisch auf und ordnet die Geschehnisse mit Andeutungen, Vorgriffen und Rückblenden rund um Themenkreise an, die in detailreich geschilderten Szenen durchscheinen. Es geht in seinem aktuellen Bestseller Wann wird es so, wie es nie war unter anderem um das Erzählen an sich, um das Scheitern, um uneinge... lesen


tollheiten, torsionen, tote

Stephan Roiss beschreibt ein Jahr Zivildienst in einem Altersheim

Stephan Roiss: Gramding

Gramding heißt das Prosadebüt des Oberösterreichers Stephan Roiss. Was ein gutes Wortspiel wäre – das Ding, das einen grämt –, ist der fiktive Name einer oberösterreichischen Bezirksstadt, in der Wolfgang, der Held des kurzen Textes, seinen Zivildienst in einem Altersheim absolviert. Beworben hat er sich um eine Stelle bei den Kinderfreunden, gelandet ist er dort, wo Menschen ihre letzte Runde vor dem Friedhof einlegen. Wolfgangs... lesen




Rezensionen der Ausgabe 24 - aber sicher

vermessung eines verbrechens

Von der Identität des Verbrechers zum Warum.

A. G. Bianchi: Der Roman eines geborenen Verbrechers. Selbstbiographie des Strafgefangenen Antonino M…

1894 erschien der Roman eines geborenen Verbrechers – Selbstbiographie des Strafgefangenen Antonino M… erstmals in deutscher Übersetzung. Das Motiv des damaligen Herausgebers Augusto Guido Bianchi war es, in Zusammenarbeit mit dem Nervenarzt Silvio Venturi am Beispiel des Antonino M. eine Vermessung und Ableitung des allgemeinen Verbrechertypus zu versuchen. Die Edition Krill versucht mehr als ein Jahrhundert nach der ersten deutschen Au... lesen


martha und der nazi

Ein Roman über Ewiggestrige, der literarisch nicht überzeugt.

Manfred Rumpl: Ein Echo jener Zeit. Roman.

Ein SS-Mann, der für die Deportation von Hunderttausenden Juden in Wien, Paris, Griechenland und der Slowakei verantwortlich zeichnete und nach dem Krieg unbehelligt in Syrien lebte, und ihm gegenüber eine junge, naive Journalistin aus Wien, die von ihrem Chefredakteur auf die Spuren der Vergangenheit geschickt wird – das sind die Protagonisten in Manfred Rumpls jüngstem Roman Ein Echo jener Zeit. Der Nazi, der tatsächlich lebte, ist de... lesen


schöne bilder, ganz ohne kamera

Ein Urlaubsalbum à la Andreas Unterweger.

Andreas Unterweger: Du bist mein Meer. Novelle (in 3 x 77 Bildern)

Nach seinem vielbeachteten Debüt­roman Wie im Siebenten (2009) bleibt der 1978 in Graz geborene Autor Andreas Unterweher auch auf der literarischen Kurzstrecke seinen Themen Liebe, Glück und Schreiben treu. Dabei schöpft Unterweger erneut kräftig aus der eigenen Biographie: Kann das erste Buch als Liebeserklärung an die Freundin gelesen werden, stellt die Novelle Du bist mein Meer eine Liebeserklärung an (mittlerweile) Frau und (das im... lesen


treiben und reiben

Zu den Zopfmustern einer Steinbacher‘schen Rede.

Christian Steinbacher: Untersteh dich! Ein Gemenge.

„Was pochet an? / (Vor lauter Flusen vorm Morgenrock)“ – soweit eine Art Vorsatz, den Christian Steinbacher mit keck unschuldiger Geste einem Kapitel in „Untersteh dich!“ vorstellt. Aber was ist da nicht alles drin! Diese zwei Zeilchen sollten den Lesenden tunlichst eine Warnung sein – jedenfalls bezüglich der Lesegeschwindigkeit, die diesen Texten angemessen ist. Schon die beiden Zeilen schießen ihre Widerhäkchen in alle Richt... lesen


ziemlich dunkel, die furunkel

Andrea Stifts sezierende Kurzgeschichten.

Andrea Stift: Elfriede Jelinek spielt Gameboy

Geschichten aus den Jahren 2005 bis 2011 versammelt der Band mit dem irreführenden Titel Elfriede Jelinek spielt Gameboy. Die steirische Autorin Andrea Stift führt die Leserschaft in drei Kategorien (Dunkel, Furunkel, Schunkel) durch die Abgründe der österreichischen Seele. Scheinbare Familienidyllen voller Fremd- und Selbstzwänge, ausgebeutete behinderte Menschen auf dem Bauernhof, ein kleiner Mann, dem sein nettes Häuschen nichts als... lesen


sinnliches in wort und bild

Rasch und doch gut überlegt hingeworfene Farbspritzer.

Marianne Jungmaier: Die Farbe des Herbstholzes. Prosa.

Mit dem Band Die Farbe des Herbstholzes ist der Linzer Autorin Marianne Jungmaier eine Art Gesamtkunstwerk gelungen. Der Prosatext Herbstzeitlos beginnt mit den Worten: „Schwarz sind meine Finger. Von der Druckerschwärze, die nach jedem Umblättern auf den Händen bleibt. Kriecht in die feinen Rillen.“ Das ist nicht nur eine Beobachtung, nein, hier schwingt sehr viel Sinnlichkeit mit und eine Einfühlsamkeit, die das gesamte Buch charakt... lesen


wir deuten sprech

Barbara Köhlers Forschungsreisen in die Länder der Sprache.

Barbara Köhler: Neufundland

Der Band Neufundland von Barbar Köhler versammelt, wie die Autorin es nennt, „Schriften, teils bestimmt“ aus den Jahren 2004 bis 2011, Auftragsarbeiten, Übertragungen, Reflexionen, immer jedoch Poesie – Poesie mit einer spannenden essayistischen Färbung, die diesen fein gemachten, vom Verlag ebenso fein verpackten Arbeiten eignet; und Essay kommt da exakt von „essayer“, vom Versuchen: Das Versuchende dieser Sprachbehandlung ist e... lesen


moment!

Ein Plädoyer für den Neustart.

Dieter Sperl: Von hier aus. Diary Samples.

„Das Gehirn lernt die Regel hinter den Ereignissen. Aber wer oder was ist das Gehirn eigentlich?“, fragt sich – sage ich jetzt einmal – der Text ziemlich gleich zu Beginn in Von hier aus, dem neuesten Buchs von Dieter Sperl. – Ja, ist denn das nun Prosa, ist denn das so ein „geradeheraus Geäußertes“, wie es „im Buche steht“? Nun ja, die Sache könnte doch irgendwie, wenn man weiterliest, auch wenn sie schon eher nach Gebra... lesen


österreich, du wahlheimat!

Die Geschichte einer West-West-Migration.

Emily Walton: Mein Leben ist ein Senfglas. Roman

Acht Jahre alt ist Poppy Simmons, als ihre Eltern beschließen, von England nach Österreich zu ziehen. Aber nicht genug, dass sie unvorbereitet neu(e) Wurzeln schlagen muss, pflegen ihre Eltern darüber hinaus auch einen für 80er-Jahre-Verhältnisse noch nicht etablierten Lebensstil, der in der heutigen Zeit, in der das Prekariat um jede Ecke guckt und zeitlich gefestigte Tagesabläufe in den Patchworkfamilien allgemein noch als oktroyierte... lesen




Rezensionen der Ausgabe 23 - gute reise

den unglauben im rucksack

Ilse Helbichs tröstliches Buch über das Altsein

Ilse Helbich: Grenzland Zwischenland. Erkundungen.

Auf dem Klappentext steht: Berichte einer furchtlosen und stilsicheren Reisenden aus dem unbekannten Land des hohen Alters. Und gleich mit dem ersten Satz wird dieses Motto bestätigt: „Mit einem Schlag bin ich sehr alt geworden, in einer Verfassung, die meinen Lebensjahren – ich war 87 – entspricht.“ Ilse Helbich ist also alt und beschäftigt sich in Grenzland Zwischenland damit. Und wie sie sich damit beschäftigt: nämlich so, dass... lesen


paartherapien ohne grenzüberschreitungen

Über Irene Pruggers erzählerische Ökonomie mit Pointen

Irene Prugger: Letzte Ausfahrt vor der Grenze. Erzählungen.

Letzte Ausfahrt vor der Grenze ist eine Sammlung von 18 unterschiedlich langen Erzählungen der Tiroler Schriftstellerin Irene Prugger. Scharfsinnig und ironisch, ehrlich und entwaffnend, mitunter sentimental und auch einmal erotisch geben Pruggers Erzählungen tieferen Einblick in den Lebensalltag zwischen Geburt, Midlife-Crisis und Tod, vermitteln, dass wir alle in Geschichten verstrickt sind und uns individuelle Lebensgeschichten zulegen... lesen


drift durchs leben

Vor 100 Jahren stellte Alfred Wegener erstmals seine Theorie der Kontinentaldrift vor – und wurde von der Fachwelt ausgelacht.

Jo Lendle: Alles Land. Roman.

Dass er mit seiner Theorie der Kontinentalverschiebung gegen eine Mauer lief, kränkte Alfred Wegener zeitlebens. Daran änderte auch die Genugtuung nichts, dass der Meteorologe anno 1924 als ordentlicher Professor an die Universität Graz berufen wurde. Wegener wohnte mit seiner Frau, seinen drei Töchtern und den norddeutschen Schwiegereltern in der Blumengasse am Fuße des Ruckerlberges – dort, wo heute die Wegenergasse ihre Biedermeieri... lesen


langeweile, gepflegt

Andorranische Plattitüden auf hohem Niveau

Klaus Ebner: Andorranische Impressionen

Eines steht außer Streit: Wiesers Reihe Europa erlesen ist eine hierzulande einzigartige Sammlung hübscher kleiner Büchlein. Von A wie Alpen-Adria bis Z wie Zürich reicht die Kollektion. Einiges davon ist bemerkenswerte Literatur, anderes zumindest brauchbare Landeskunde. Doch will man auch 200 Seiten über den Zwergstaat Andorra lesen? Zweifellos, wenn das Werk gut geschrieben ist und vielleicht die eine oder andere Überraschung bereith... lesen


den leerräumen vertrauen

Über Ewigkeitsabschnittspartner und durchbuchstabierten Beziehungsstoff

Eva Scala: Schmetterlinge jagen. Roman

So stellt man sich ein freundliches Entree vor: Regen und Wind im Gesicht, Lehmgatsch an den Schuhen. Willkommen auf dem Friedhof! In Prato wird ein erfolgreicher Textilunternehmer begraben. Der Tod des Familienpatriarchen weckt Unruhe im Leben seiner Lieben. Ein Sohn wird die Firma weiterführen. Der Roman folgt ihm, seinen Geschwistern und den Partnern und Partnerinnen auf ihrer Jagd nach Liebesglück. Vor dem Hintergrund wirtschaftlicher E... lesen


out of kumberg

Ein Roadmovie kann auch zwei Kneipen als Eckpunkte haben.

Oliver Podesser: Twelve Bars oder Warum Bob Dylan niemals in Kumberg lebte

Wenn man sich mit einem Laib Bauernbrot, 10 Semmeln, 5 Dosen Tunfisch, einer Stange Dauerwurst und anderen Vorräten, darunter 5 Kisten Bier, Schnaps und Zigaretten, zu einer einmonatigen Klausur in die eigene Wohnung zurückzieht, können eigenartige Dinge passieren. Beispielsweise kann man Besuch von Sigmund Freud, Allan Ginsberg, Adolf Hitler und Heimito von Doderer, alle eigentlich schon länger verstorben, erhalten. Zuerst veranstalten b... lesen


open house in wien acht

Die Lebensreise von Ilse Kilic und Fritz Widhalm, 7. Teil

Ilse Kilic, Fritz Widhalm: Alles, was lange währt, ist leise. Des Verwicklungsromans siebenter Teil

Wann ist das Private von öffentlichem Interesse? Und wo fängt die Öffentlichkeit an? – Wenn es nach Ilse Kilic und Fritz Widhalm geht, dann beginnt die Öffentlichkeit im eigenen Wohnzimmer, das nach eigenen Angaben ein fröhliches ist, und zwar seit 1986, also jenem Jahr, in dem das Wiener Autorenpaar einen Kleinverlag namens Das fröhliche Wohnzimmer ins Leben rief. Kilic und Widhalm und ihr Wohnzimmer gehören seither zu den Fixpunkte... lesen


und noch "ein buch"

Die Ästhetik von Sitzbeinhöckern im öffentlichen Raum und Fritz Widhalms Liebe zum Glam

Fritz Widhalm (with a little help from my friends) : Ein Buch

In der Textsammlung Ein Buch plaudert „der schöne Fritz“ aus der Lebensschule und erklärt unter anderem, was er dem Glam alles zu verdanken hat, nämlich so ziemlich alles. In 29 Kapiteln und 126 Seiten lädt Fritz Widhalm die Leser unter seine Decke ein, um zu sehen, was da so steckt: T. Rex und Bowie, „Lust for life“ und 500 wichtigste Songs seit Widhalms Geburtsjahr 1956 – von Screamin’ Jay Hawkins’ I put a spell on you... lesen


graz zwischen grusel und soziologie

Ein Gespräch über Krimiliteratur und kollaboratives Schreiben

Elisabeth Hödl, Ralf B. Korte: Galatea. Kriminalroman

Die Grazer Juristin Elisabeth Hödl und der Berliner Autor Ralf B. Korte haben mit Galatea gemeinsam einen Krimi geschrieben, der sich durch seine Formbewusstheit und unerwartete Materialfülle auszeichnet. Über die Krimiform als Ersatzrealität, einen eitlen Sozialdemokraten, der tot an einer aufgelassenen Tankstelle liegt, und über die Wahl der Provinzstadt Graz als Hauptschauplatz des Romans sprach die schreibkraft mit einer Hälfte des... lesen




Rezensionen der Ausgabe 22 - zahlen bitte

abstürzende bardamen

Der erste Harald-Kriminalroman entzaubert das Wiener Rotlicht-Milieu

Andreas Plammer: Fauler Zauber

Harald hat die Liebe passé, seitdem ihn Maria „wie ein vergessenes Möbelstück“ in der Wohnung im Säuferhaus zurückgelassen hat. Im Abrakadabra, einer Wiener Innenstadtbar, hört er wie die Kellnerinnen von Nadine reden, die in Jürgens Wohnung aus dem Fenster gefallen ist. Weil ihn das an einen ähnlichen Fenstersturz erinnert, den seine Ex in ihrem Haus miterlebt hat, hört er interessiert zu und beginnt bald, eigene Recherchen anzu... lesen


kaffee wirkt wunder

Vom Kippen in den Minusbereich

Andrea Grill: Das Schöne und das Notwendige. Roman.

Die beiden Protagonisten Fiat und Finzens sind von der Zahlungsunfähigkeit, sprich, dem finanziellen Ruin bedroht. Finzens, der gemäßigtere der beiden (Über-)Lebenskünstler, kommt als Ruhestifter in einer Kathedrale ja noch halbwegs über die Runden. Schlimmer ergeht es da schon seinem WG-Kumpanen Fiat, der sich in jungen Jahren als Teilhaber einer maroden Schuhfabrik schwer verschuldet hat und mittlerweile, als rumänisches Übers... lesen


das wehe verlangen nach mehr

Anmerkungen zu den wieder zugänglichen Gedichten von Christian Loidl

Christian Loidl: Gesammelte Gedichte. Hg. Eva Lavric unter Mitwirkung v. Jaan Karl Klasmann.

Christian Loidl, das war einer, der es – um ein Wort von H.C. Artmann abzuwandeln – verstand, Dichter zu sein, auch wenn er gar nicht schrieb. Stets schien seine Erscheinung von seltsamem Getier umschwebt. Immer war er bereit, noch dem ödesten Umfeld einen sinnlichen Zauber abzugewinnen, ja, notfalls ein wenig dazu zu halluzinieren. In einer bunten Verschachtelung von buddhistischer Achtsamkeit respektive Selbstaufgabe und schamani... lesen


zwang und tao

Horst liegt im Krankenhaus – und das Internet zu weit weg

Harald Gsaller: Zwang.

Direkt hinter dem römischen Senat, in dem Silvio im November 2011 seine immerwährend scheinende Mehrheit verlor und der von mit Maschinengewehren bewehrten Matrosen bewacht wird, liegt eine Kirche, deren Namen ich nicht nur vergessen, sondern auch nie wirklich ganz gewusst habe. Ich könnte zwar meinen Reiseführer aufschlagen, meinen temporären Mitbewohner Horst fragen oder die Wahrheitsmaschine Google anwerfen. Will ich aber nicht... lesen


the beat goes on

Ein paar Takte zu Stefan Schmitzers neuem Gedichtband

Stefan Schmitzer: scheiß sozialer frieden. gedichte.

scheiß stimmiges bild das sich ergibt mit weinbau-kulturland und betonguss-kanalbau, mit grüntönen grautönen rapsgelb auch Wie kommt es, dass die arabischen Länder am Mittelmeer ihre Diktatoren trotz heftiger Unterdrückung abgesetzt haben, und wir hier in Mitteleuropa machen vor der Diktatur des Geldes Männchen wie die Zirkushunde? Wir schimpfen zwar hin und wieder über die Politikerkaste, die im Bann der Finanz und Industrie steht... lesen


das gewicht der feder

Essays, wunderbar schwerelos geschrieben

Gerald Schmickl: Lob der Leichtigkeit. Essays zum Zeitvertreib.

Eigentlich wollte er einen Catcher-Roman schreiben: die Geschichte eines Helden vom Heumarkt, der im Ring den Berserker gibt, aber in Wahrheit, was ihm keiner zutrauen würde, ein feinsinniger Mensch ist. Gerald Schmickl hatte seinen zwiespältigen Romanhelden schon genau vor seinem inneren Auge skizziert, da kam 2008 der Film The Wrestler mit Mickey Rourke in der Hauptrolle in die Kinos und erzählte nichts weniger als die Geschichte... lesen


vegetarische gedichte

Anja Utler und das Körperliche der Sprache

Anja Utler: ausgeübt. Eine Kurskorrektur.

ausgeübt : eine Handlung, zu der die Sprache hinführt und die wieder in die Sprache münden muss. Im Falle der Lyrikerin Anja Utler könnte man auch sagen: Lyrik, die in die Prosa, in die Handlung, kippt und wieder in Lyrik mündet. Und dieser Kippvorgang geschieht hier am Bild – nicht so sehr am Sprachbild, sondern an einer Art von Zeichnung, die der Text vorstellt. Ein Stricheln hierhin und dorthin, das jede Bewegung der Sinne au... lesen




Rezensionen der Ausgabe 21 - selbstgemacht

sieben tage im pliozän

Was sich im ostafrikanischen Regenwald abgespielt haben könnte

Klaus Ebner: Hominide. Erzählung.

Irgendwann vor drei bis vier Millionen Jahren in Ostafrika, dort, wo der Regenwald in die Savanne übergeht: Ein Rudel Hominide vertreibt sich die Zeit mit Futtersuche, Rangeleien und Philosophie. Sie sind zwar schon der Sprache mächtig, die sich wie Traumbilder über die Vorstellungen der Intelligentesten legt, leben aber noch auf Bäumen. Einer von ihnen, Pitar, wird immer wieder von Visionen geplagt: dass das nomadische Rudel den Wald ver... lesen


wir haben es gut mit diesem hummer

Eine Enzyklopädie der Verschrobenheiten

Nora Gomringer & Michael Stauffer: Kleine Menschen

Für die Hör-CD Kleine Menschen haben sich zwei Ausnahmetalente der (gesprochenen) Literaturszene zu einem schweizerisch-deutschen Joint Venture vereint: Nora Gomringer und Michael Stauffer. Eines vorweg: Das Experiment ist geglückt, und das liegt nicht nur am virtuosen Vortrag der Texte durch die Autoren. Gomringer und Stauffer schleichen sich wie ein Expeditionsteam an die kleinen Menschen an und dokumentieren mit scharfem Blick den Leben... lesen


orales origami

Endlich kann mal ein Poet mit Ableton umgehen

Thomas Havlik: Das Auto voller Wasser. Hörbuch

Die mit Liebe sowohl zum Detail als auch zur Andersartigkeit gemachten CDs der Edition Audiobeans, die wie die ebenso zu lobende Literaturzeitschrift Zeitzoo zum gleichnamigen Verein für Leguminosen gehört, sind Veröffentlichungen eines nach Eigenaussage „Labels für unerhörte Literatur und Musik“, das – ähnlich der Falttechnik fürs Booklet – einfach und effizient breit gefächert die bloße Lust des Schreib- wie Sprechaktes üb... lesen


bilder und tote

In den Kellern des Horrorgenres

Judith Fischer: Some. Women Houses Phantoms. Künstlerbuch.

Großaufnahmen von Gesichtern, Häusern, grob gerastert. Sich am Terrain des Horrorfilms entlangtasten, es langsam und auf Samtpfoten austasten: Judith Fischers Konzept-Künstlerbuch Some. Women Houses Phantoms ist ein faszinierendes Konglomerat aus fotografischen Arbeiten, literarischen Beiträgen verschiedener Autorinnen und Autoren sowie filmtheoretischen Artikeln. Zum Thema hat dieses Kaleidoskop aus Bildern und Buchstaben die Schattenwe... lesen


skeptisch von zärtlichkeit

The good, the bad, and the ugly aktueller deutscher Lyrik

Ulf Großmann, Axel Helbig (Hg.): Skeptische Zärtlichkeit. Junge deutschsprachige Lyrik.

Wäre das Subsegment des Literaturbetriebs, das „aktuelle Lyrik“ heißt, eine Live-Musiksendung: Niemand, aber auch wirklich niemand würde sich die anschauen. Mainstream-Gitarrenrockbands, Ensembles für hoch anstrengende Kompositionen der neuen Musik (für drei Rasenmäher und Bratsche), volkstümliche Humptatakapellen und Renaissancechöre würden ohne erkennbares Ordnungsprinzip hintereinander über eine leere Bühne getrieben, und ob... lesen


zärtliches pingpong

Über die Liebeslyrik von Maria Seisenbacher und Hermann Niklas

Maria Seisenbacher, Hermann Niklas: Konfrontationen. Gedichte 2005-2008. Artwork von Goto

Warum arbeiten Andrea Stift und Andreas Unterweger in ihrer ersten gemeinsamen Rezension mit kommunizierender Kritik in Form von abwechselnden Wortmeldungen, die sich als spezielle kritische Dialogform verstehen? Wie bitte? Andrea, meine Frage ist eine Variation auf den ersten Satz des Buchs, das wir besprechen. Du sollst sagen: Weil auch „Hermann Niklas und Maria Seisenbacher [...] in ihrem ersten gemeinsamen Gedichtband Konfrontatio... lesen


die schatten werfen objekte

Ein Vogelforscher verliert sich auf der Reise zu den Taten in der Sprache.

Thomas Brunnsteiner: Taten. Ein Journal.

Für jeden Autor ist es eine Begegnung der seltsameren Art, wenn eines Tages die erfundene Hauptfigur aus einem Roman leibhaftig vor ihm auftaucht. So ist es dem Schriftsteller, Reisejournalisten und Geschichtensammler Thomas Brunnsteiner ergangen, der daheim in Finnland Besuch von einem Ungarn bekam. Der Besucher wollte bei Brunnsteiner seine wirre Lebensgeschichte loswerden, weshalb sich er ein paar Tage beim Autor einnistete. Faszinier... lesen


mehr als die summe einzelner texte

Das geile Buch mit dem erweiterten Theaterbegriff

Stefan Schmitzer (Hg.): Text Performanz Text (cooperate and / or defect).

Endlich gibt es nun eine Veröffentlichung zur zeitgenössischen, tatsächlich gerade stattfindenden literarischen Performance, eine Darstellung also jenes Wildwuchses von Aktionen, die wir dem Verlangen mancher Künstler zu verdanken haben, Texte nicht nur dem Alphabet in Druckform zu übergeben, sondern darin auch, um es mal salopp zu schreiben, die Modi der Ekstase aufzuspüren: den Körper also, die Lust, dem Text ein extrovertiertes Selb... lesen


tabu tabula rasa

Die ödipal-inzestuösen Humorfeuerwerke des Steven Uhly

Steven Uhly: Mein Leben in Aspik. Roman.

Bei meinen Streifzügen durch die Buchhandlungen sind mir vier auffallend kantig, aufwendig bibliophil gestaltete und äußerlich unverwechselbare Bücher ins Auge gestochen. Haptisch erinnern diese an bereits ziemlich erfolgreich vom Fortschritt gefressene Videokassetten aber sie sind schwerer, liegen gut in der Hand und die Vermutung liegt nahe, dass hinter dem Literaturverlag seccession alte Profis stecken dürften. Also nichts wie rein in... lesen


das „frau im luftschutz“-lesebuch

Texte über furzbanales falsches Bewusstsein, ins bedrohlich Monströse gekippt

Lilly Jäckl: amen, amen.

Lilly Jäckl, Carl-Meyer-Drehbuchpreisträgerin aus Graz-Umgebung, wohnhaft in Berlin, schreibt neben Drehbüchern durchaus auch Prosa, und außerdem Zeug für den Einsatz in ihrer eigenen performativen Arbeit, bei der es sich nicht exakt um „Theater“ handelt. Regelmäßige Besucher des Forum Stadtpark in Graz erinnern sich u. a. an das oratorien- oder messfeierartige Deklamations-Ding Frau im Luftschutz, bei dem sie NS-, Werbefritzen- un... lesen


stimmenzeugen, zeitversetzt

Mit Reinhard Wegerth durch drei Jahrzehnte österreichischer Zeitgeschichte

Reinhard Wegerth: Damals und dort. Stimmenroman.

Drei Jahrzehnte, die Zeit von 1970 bis 2000, das ist der Rahmen, den sich Reinhard Wegerth für sein Buch Damals und dort steckte. Ein „Stimmenroman“, heißt es auf dem Buchumschlag, und spätestens nach ein paar Seiten weiß der Leser, was damit gemeint ist: Im Stimmenroman kommen zahlreiche Personen, aber auch Gegenstände und sogar abstrakte Begriffe zu Wort. Zwar verraten die Kapiteltitel, dass es sich im Folgenden um persönliche Erl... lesen


heiratsschwindeln, schiffbruch erleiden

Ein rabiater Fußnotenporno mit Dichterheld

Max Höfler: Texas als Texttitel. Ein Rabiatkomödienroman.

Es gibt einen Erstling des Grazer Hardcore-Musikers, Bühnenarbeiters, Doktors der Philosophie, Literaturperformers Max Höfler. Das Buch heißt Texas als Texttitel und bezeichnet sich im Untertitel als Rabiatkomödienroman. Es bräuchte zu ihm an dieser Stelle eigentlich nicht viel mehr als eine dringende Kaufempfehlung nebsamt der Begründung, dass es sich um ein tatsächlich hochkomisches Werk handelt. Vielleicht noch die folgende Präzisi... lesen


kein klappentext

Von vorschnellen Urteilen und einer Welt voller Deppen

Bernhard Moshammer: Zeit der Idioten. Roman.

Jaja, die Typen mit den hässlichen Plastikrucksäcken (Stichwort Invicta) und diesen Eierwärmer-Wollmützen, die aus jedem Kopf das totale Fiasko formen. Die Typen in nichtssagenden dunklen Winterjacken. Jaja, denk ich mir, das sind schon richtige Idioten, die mit diesem breitbeinigen Gang durch Vorstädte voller Einfamilienhäuser latschen. Jaja, ganz klar, hier geht´s um schlecht gekleidete Menschen an architektonischen Unorten mit inakz... lesen




Rezensionen der Ausgabe 20 - grenzwertig

die kunst des furzens

Über die Peristaltik des Serge Gainsbourg

Serge Gainsbourg: Das heroische Leben des Evgenij Sokolov. Roman. Aus dem Französischen von Hartmut Zahn.

Das ist wieder einmal typisch und man kennt es von diversen Filmen, denen vom deutschen Verleih oft sehr blumige Titel verliehen werden. Denn im französischen Original heißt dieses Buch schlicht Evguénie Sokolov, erschienen ist es 1980, im selben Jahr, als der Chansonnier, Komponist, Filmemacher und Hansdampf in allen Gassen der Provokation Serge Gainsbourg unter anderem seine Landsleute mit einer Reggae-Version der dortzulande bis heute s... lesen


das ego streicheln

Wie einer auszog, das Dienstleisten zu lernen

Clemens Berger: Das Streichelinstitut. Roman.

Der Wiener Autor Clemens Berger, Jahrgang 1979, hat ein witziges Buch geschrieben über einen Typen, der die zündende Geschäftsidee hat, Streicheleinheiten anzubieten. Es geht nicht um Massage und schon gar nicht unter der Gürtellinie, nein, im Streichelinstitut in der Wiener Mondscheingasse können sich Leute das holen, was ihnen in unseren postmodernen Zeiten fehlt: Berührung. Severin Horvath lautet der Künstlername, den sich der verb... lesen


die aufschneiderin

Kein beruhigendes Meeresrauschen, keine sanfte Brise und kein Land in Sicht

Bettina Baláka: Auf offenem Meer. Erzählungen.

„Bisweilen erschien es mir merkwürdig, Menschen so anzuschauen wie Schmetterlinge, die hinter einer Glasscheibe aufgespießt sind. Man betrachtete sie mit Interesse, manchmal sogar mit Bedauern, und dann ging man wieder fort, vergaß sie und kümmerte sich um sich selbst.“ Mit der Herangehensweise einer Pathologin nähert sich Bettina Baláka in ihrem Erzählband Auf offenem Meer der menschlichen Fehlbarkeit und variiert das Motiv des... lesen


netzwerke für anfänger

Ein Hybridroman schildert die Systemtheorie für Dummies

Barbara Fink, Thomas Friedschröder: Nebel wurde die Silhouette eines mittelprächtigen Hauses sichtbar. Ein Roman für Denker!

Der Flügelschlag eines Schmetterlings kann einen Tornado auf der anderen Seite der Welt auslösen und ein zertrümmerter Scheinwerfer in Schottland kann am Anfang einer Veröffentlichung in der letzten Bereicherung der Grazer Verlagslandschaft stehen. Der Unternehmensberater Thomas Friedschröder und die Literaturwissenschaftlerin Barbara Fink versuchen in ihrem Roman Im Nebel wurde die Silhouette eines mittelprächtigen Hauses sichtbar die... lesen


postkartenblau für alle fälle

Brigitte Schwaner improvisiert in Prosa

Birgit Schwaner: Held. Lady. Mops – Improvisation.

Es sollte bekannt sein, dass es nicht genügt, von Meer und Möwen zu reden, um dieses spezielle Reiseimpressionenparfum zu versprudeln. Man fängt besser damit an, von einer Reling zu sprechen, einem Wort, welches das Zwischen fixiert, stählernes Changieren. So erzeugt man, darüber hinwegturnend, ordentliches Postkartenblau, darin die Reise sich unter leichtem Kleid rüschen kann. Die Reling, „festgeschraubt unter den Handflächen... lesen


trauer auf der weide

Josh Weil: Herdentiere. Eine amerikanische Novelle. Deutsch von Stephan Kleiner.

Was wurde eigentlich aus der Fernsehfamilie The Waltons, diesem Inbegriff des optimistischen, geschnäuzten, mit Weißem Riesen weißer als weiß gewaschenen puritanischen Amerikanertums, wo Familienwerte noch hochgehalten werden? Die Farm der Waltons stand in den Blue Ridge Mountains, einer Berglandschaft in Virginia im Osten der USA. Wenn jemand eine Fortsetzung der Waltons geschrieben hat, dann ist es vielleicht Josh Weil, Jahrgang 1976, d... lesen


ficken am friedhof

Carl Weissner: Manhattan Muffdiver. Roman.

Gänzlich anders gestrickt als Josh Weils Herdentiere und doch auch zutiefst amerikanisch ist Carl Weissners Text Manhattan Muffdiver, der in E-Mail-Form Beobachtungen, Reflexionen und Fantasien von einem mehrwöchigen New-York-Aufenthalt umfasst. Bevor man über den Text redet, muss man bei Weissner vom Autor reden, denn der 1940 in Karlsruhe geborene Deutsche ist nicht irgendwer, sondern Übersetzer, Freund und Europa-Agent amerikanischer... lesen


farbloser musterschüler

Björn Kern: Das erotische Talent meines Vaters. Roman

Der deutsche Autor Björn Kern, Jahrgang 1978, wirft in seinem Roman Das erotische Talent meines Vaters ein kritisches Streiflicht auf die Alt-68er aus der Sicht ihrer Kinder. Die Story: Der Behindertenbetreuer Philip, keine 25 Jahre alt, besucht seinen Vater Jakob in dessen Villa am Bodensee. Jakob war einst Berater in der deutschen Autoindustrie und hatte als solcher schon früh die Nachhaltigkeit gepredigt. Jetzt ist er auftragslos und ges... lesen


das davor und dahinter des sandsacks

Philipp Hagers Hunger nach Worten

Philipp Hager: Am Sandsack. Lyrik.

Nach seinem Debütroman „Das Spektrum des Grashalms“ legt Philipp Hager mit „Am Sandsack“ nun im oberösterreichischen Kleinverlag Arovell einen Lyrikband vor. Knapp hundert Seiten Gedichte in freien Rhythmen, oft mehrseitig angelegt. Wie in seinem Prosaerstling schöpft der 1982 in Niederösterreich geborene Autor gern aus eigenen Erlebnissen, macht persönliche Erfahrungen zum Thema und transformiert diese literarisch zu allgemein Gül... lesen


die arbeitssammler von heute

Über die Verschiebungen des Arbeitsbegriffes

Peter Plöger: Arbeitssammler, Jobnomaden und Berufsartisten. Viel gelernt und nichts gewonnen? Das Paradox der neuen Arbeitswelt

Für die Eltern- und Großelterngenerationen hieß es: „Leben, um zu arbeiten“. Diejenigen, die sich bewusst gegen diese Maxime entschieden, formulierten: „Arbeiten, um zu leben.“ Die „Arbeitssammler, Jobnomaden und Berufsartisten“, um die es in dem gleichnamigen Sachbuch von Peter Plöger geht, würden weder den einen noch den anderen Satz unterschreiben. Für sie, so der Autor, „läuft das Leben, und die Arbeit läuft mit.“ Als... lesen


im kreis gehen

Ein Buch als Antithese zur aufklärerischen Reiseliteratur

Petra Nachbaur: Vagabonda. Eine Frau und ihr Pony unterwegs durch Europa.

Die 1967 in Begrenz geborene Germanistin Petra Nachbaur ist treuen Standard-Lesern vielleicht noch als Rezensentin in Erinnerung, die vor rund zehn Jahren etliche hervorragend geschriebene Kritiken zu den sperrigsten Elaboraten der österreichischen Gegenwartsliteratur publizierte. Dann stieg sie um auf Performances und Theaterarbeiten in der freien Szene und wurde eines Tages im November 2006 – sie hatte in Graz an einer Inszenierung zum T... lesen




Rezensionen der Ausgabe 19 - im ernst?

eigenvögel

Parallelwirklichkeiten. Ereigniskoordinaten. Textcollagen.

Walter Kreuz: Karlas Lauf gegen die Raumzeit. Extrakt

Lindenbaum und Weidenbaum. Eine Wiener Straßenbahnlinie. Eine 20-Jährige namens Karla Zelenku, die aus der neurologischen Abteilung einer Krankenanstalt flieht. Parallelwirklichkeiten. Ereigniskoordinaten. Textcollagen. Karlas Lauf gegen die Raumzeit lässt Raum für Assoziationen. Geschrieben in einer „sprudelnden” Sprache „äthert” diese Erzählung, die sich dem Erzählen auf spielerische Art verweigert, nur so „hierher”. D... lesen


spaltungskarambolage

oder: Möchte hier vielleicht mal jemand Ronald Reagan ficken?

James G. Ballard (Ü: Carl Weissner): Liebe & Napalm. The Atrocity Exhibition. Roman.

Fragen wie diese werden erst gar nicht gestellt innerhalb von Ballards wildem Ausritt in jene Areale, welche eine zerfallene Persönlichkeit als letzten Versuch des Festkrallens am Individuum ihr Eigen nennt. Aus den Splittern und Fragmenten eines gerade verlustig gehenden Subjektes bastelt der am 19. April 2009 verstorbene Autor eine kunstvolle Montage in Form literarischer Miniaturen, aufgeladen durch Meilensteine der US-amerikanischen Gesc... lesen


humpty dumpty has left the building

Verhalten bei und nach Sprachlawinenabgang

Markus Köhle: Bruchharsch. Prosa

Wenn Markus Köhles Wortlawine abgeht, sollte man versuchen, Haltung zu bewahren, die Ski gerade zu belassen und so lange wie möglich mit der Lawine mitzugleiten. Denn nicht nur literarische Spitzensportler wissen: Man wird es kaum schaffen, einer Wortlawine durch Abfahrtsflucht zu entkommen. Durch ein derartiges Verhalten kann man sich unter Umständen nur noch mehr in Gefahr bringen – man wird weiter in den Text gezogen. Hat man die geme... lesen


dada-glam-punk

Wieder ein Buch, in dem die Band Xiu Xiu erwähnt wird.

fritz widhalm: die nacht schluckte die dämmerung

Kann man Fritz Widhalm als bekannt voraussetzen? Man könnte auch noch einmal schnell wiederholen: Jemand zwischen Fan und Teil von klassischen Avantgarden, hervorragender Popmusik (Marc Bolan) und sozusagen Independent Kleinverlags-Netzwerken. Also „klassisch” war jetzt gemein. Von denen ist er wohl auch mehr Fan als Teil. Und außer Autor ist er übrigens noch Maler, Filmemacher, Musiker und gemeinsam mit Ilse Kilic Teil von... lesen


hubertushirsch und pornobräute

Ja und ja und nochmals ja: Lobhudelei über ein Meisterwerk

Ulrich Schlotmann: Die Freuden der Jagd

Um jegliche Spannung aus dieser Rezension zu nehmen bzw. jene erst gar nicht aufkommen zu lassen, sogleich das folgende Zusammenfassungsende vorweg: Ja, das hier zu besprechende Buch ist ein Meisterwerk, wie ein solches seit (mindestens und noch etwas mehr) Jahrzehnten nicht mehr verfasst wurde. Ja, das hier zu besprechende Buch zeigt, was Literatur im 21. Jahrhundert zu leisten vermag – oder besser: zu leisten vermögen sollte. Ja, an dies... lesen


räume und menschen

Über die Verwandlung von Paris, Berlin und New York

Wolfgang Hermann: Paris Berlin New York. Verwandlungen.

Manchmal lebt man in einer Stadt, doch in Gedanken ist man an einem anderen Ort. Betritt man etwa Prag, kann es sein, dass man am Wenzelsplatz an Freiburg denkt oder am Namesti Bratri Sincu an den Leipzigerplatz in Innsbruck. Über diese Art der Verwandlung von Paris, Berlin und New York hat Wolfgang Hermann ein Buch geschrieben, Paris Berlin New York. Verwandlungen. Erstmals 1992 im Berliner Gatza Verlag erschienen, wird hier eine sehr subje... lesen


130 seiten sonnenschein

Von der Schwierigkeit, eine einfache Geschichte zu schreiben

Andreas Unterweger: Wie im Siebenten. Roman

„I always liked simple rock”, gesteht John Lennon im berühmten Rolling Stone-Interview, in dem er nach den Beatles ein wenig Schmutzwäsche wäscht. Nicht die Schmutzwäsche, aber John Lennon und das Einfache scheint auch Andreas, der Ich-Erzähler in Andreas Unterwegers Romandebüt Wie im Siebenten, zu mögen. In diesem Roman versucht Andreas etwas Schwieriges, nämlich ein ganz einfaches Buch zu schreiben. Fröhlich gestimmt erzählt e... lesen


elektrisierender textstrom

Robert Prosser schließt die Sprache kurz

Robert Prosser: Strom. Ausufernde Prosa.

In Robert Prossers Erstling Strom ist Sprache nicht nur, wie ein Vorbild zitiert wird, ein Virus aus dem All, sondern verflüssigt. Hier wird nicht einfach linear erzählt, sondern ein kurzgeschlossener Textstrom erzeugt: Die letzten Worte des Gesamttextes setzen die ersten voraus und vice versa. Dieses Gestaltungsprinzip der verdichtenden Verknüpfung über erwartete Grenzen hinweg zieht sich durch die ganze Struktur des Buchs, die Kapitel... lesen


der grabräuber

und die Suche nach der Unsterblichkeit

Georg Petz: Die unstillbare Wut

 ... und da ist die Fossa, mit aufgerissenem Maul und einer unstillbaren Wut in ihren Augen, die mir durch die geöffnete Tür des anderen Zuges hinterher sieht, bereits auf Schiene gebracht, bereits auf die lange Reise geschickt, vorbei am Ende aller Wege in den Hügeln von Latium und weiter, noch darüber hinaus … ins Ungangbare … am Ende aller Lebenswege, nach Neapel … Der junge Indiana Jones studiert und schreibt in New York... lesen


69er-stellungnahmen

Die Flower, die Power und der Hendrix Jimi

Wolfgang Pollanz (Hg.): 1969

Eine Anthologie kann einem nie zur Gänze gefallen. Täte sie das, so wäre sie wohl zu einseitig geraten. Aber wenn man sich nicht nur die kurzen Texte beziehungsweise die mit ansprechendem Titel oder die Texte jener Autor­Innen rauspickt, die man ohnehin schon kennt, sondern ausnahmslos alle liest, dann spricht das durchaus für die Qualität der Anthologie. Themenverfehlung 1969 als Thema also. Einer der Autoren (Ernst M. Binder) zitie... lesen




Rezensionen der Ausgabe 18 - genug

google hilft hier auch nicht weiter

Ein Lehrer und ein Sohn auf der Suche nach ihrem Ursprung

Stefan Schmitzer: wohin die verschwunden ist, um die es ohnehin nicht geht

Wie hoch ist die Wahrscheinlichkeit? Das fragen sich die Protagonisten in Stefan Schmitzers Romandebüt wohin die verschwunden ist, um die es ohnehin nicht geht nicht nur einmal. Nun, unwahrscheinlich ist es nicht, was ihnen da widerfährt, aber zumindest recht außergewöhnlich. Doch von Anfang an: Da bittet zunächst ein Mädchen zwei Männer – einen Künstler und einen Schafhirten – ihr die Flucht vor einem Verfolger zu ermöglichen. A... lesen


look good on the dancefloor

Das literarische Debüt von Christof Huemer tanzt in großen Fußstapfen

Christof Huemer: Zweifellos. Roman

Die junge Grazer Edition Keiper hat Huemers Erstling Zweifellos einen Einband verpasst, der entfernt an eine Medikamentenschachtel erinnert. Auf der Rückseite angeführt: Inhaltsstoffe und ein Warnhinweis. Der Warnhinweis fasst den Ausgangspunkt der Romanhandlung zusammen: DJ Andreas Mar war ein Held an den Plattentellern, er hat ein Album produziert, das ihm internationales Renommee beschert hat. Nun ist Mar (natürlich) „in einer tiefen... lesen


schweigen wär’ schön, aber

Über die Hoffnung, dass die Worte etwas bedeuten

Andrea Winkler: Arme Närrchen

Weiß der Himmel, wir haben ganz auf die Lage des Wortes vergessen. Das schüchterne Wort im Zeugenstand, als wüssten wir nicht ohnedies, dass es sich verschwiegen geben wird. Andrea Winkler weiß um diese Verschwiegenheit und verfolgt doch die Spuren der taumelnden und aufsässigen Worte. Ein intimer Aufstand der Worte vollzieht sich in Andrea Winklers Prosadebüt Arme Närrchen. Das Wort gibt sich dem Leib hin, im Delirium rückt es dem K... lesen


Nach Selbstgesprächen

Über die Hoffnung, dass die Worte etwas bedeuten, Forts.

Andrea Winkler: Hanna und ich

Nach den Selbstgesprächen des Debüts Arme Närrchen folgt Hanna und ich. Obgleich der Titel Erwartungen weckt, die dem Erfahrungsaustausch das Wort reden, gerät Andrea Winkler wieder in monologisches Stocken. Die Identitätsfrage übersteigt unsere Propositionen. Wer ist Hanna, wer ist ich, wo scheiden sich hier die Geister? Nicht von ungefähr schrieb die Autorin ihre Dissertation über Friederike Mayröckers Poetologie, die im Grunde die... lesen


über zementsäcke staunen

Die vielen Einheitsgesichter des Günter Eichberger

Günter Eichberger: ALIAS

Robert Zimmermann lebt in Graz. Er nennt sich Günter Eichberger und gibt vor, Schriftsteller und Flaneur zu sein, der sich einiges auf seinen ausufernden Persönlichkeitsverlust zugute hält. Ein Exzentriker des Ich sozusagen. Als Schriftsteller tritt er dann auf, wenn er nicht gerade als Bob Dylan endlos durch die Konzertsäle der Welt tourt, seine poetischen Songs aus der Prärie der Seele im Gepäck. Eichberger alias Zimmermann alias Dyla... lesen


undine im prekariat

Wenn sich das Karma vergnügt auf die Astralschenkel klopft

Mieze Medusa: Freischnorcheln. Roman

Die Heldin von Mieze Medusas Debütroman Freischnorcheln heißt Nora Klein und ist Grafikerin, selbstständige. Die Kunden laufen ihr nicht nach, also ist sie auf Jobsuche. Bankomaten ignorieren ihre Karte nicht einmal mehr, sondern fangen schon zu lachen an, wenn sie nur an ihnen vorbeigeht. Neben der Hoffnung, dass sich schon etwas ergeben wird, hat sie noch ihren uralten Palm III, in dem Termine von Kongressen und Präsentationen mit Grati... lesen


befremdetes leben

Beobachtete Paarungen bar von Barcodes und Arschgeweihen

Roland Steiner: Unter Haltungen – Stehend

Manche Rezensionen lesen sich, als wäre der Rezensent um den Text herumgeschlichen wie eine Katze um den heißen Brei. Sie werden mit persönlichen Daten des Autors eingeleitet, Preise, bisherige Veröffentlichungen: Alles, nur um nicht vom Text schreiben zu müssen. Texte von Roland Steiner lassen sich nicht einfach mal so schnell rezensieren, sie bieten sich dafür an, um sie herumzuschleichen. „Prosa“ untertitelt sich sein erstes Buch... lesen


von hinten geläutert

Die Erläuterung einer Läuterung

Wolfgang Ellmauer: Rektale Katharsis. Eine Erläuterung

„Eine Erläuterung“, das ist der Untertitel von Wolfgang Ellmauers Prosadebüt Rektale Katharsis, und das „Er“ in „Erläuterung“ ist im Fettdruck hervorgehoben. Er, das ist Lukas Metzauer, Anfang Dreißig, Lehrer für Englisch und Musikerziehung in einer österreichischen Kleinstadt, Jogger, Hobbymusiker, und, zu Beginn des Romans, in einer tiefen Lebens-/Liebeskrise befangen. Seine Läuterung geht in drei Phasen vor sich, denen d... lesen


schritt über den atlantik

Übersetzt und unkommentiert: die n+1-Anthologie

Kevin Vennemann (Ü): Ein Schritt weiter. Die n+1-Anthologie

Die amerikanische Intelligenzija läuft zusammen – wenn man diesem neuen, blauen Taschenbuch von Suhrkamp glauben darf. Was hier passiert, sei für Autoren wie Jonathan Franzen, dessen Blurb sich in bester amerikanischer Manier am Buchrücken findet, eine Erleichterung. Vier amerikanische Jungautoren, alle mit ordentlichem Abschluss (meist Yale und Harvard), haben sich zusammengetan, um dem niveaulosen Kulturbetrieb der USA etwas entgegenzu... lesen


comandante blue base pusher I

Über das aktuelle Programm des Ritter-Verlages

D. Holland-Moritz: Fan Base Pusher. . Notizen aus der Peripherie 2002-2005

Ich machs mir leicht und gebe es gleich zu, dann ist das erledigt: Ja, parteiisch bin ich. Es handelt sich bei den zu rezensierenden Büchern, beim Kern des Ritter-Verlagsprogramms für Herbst ‘08, sämtlich um Bücher „der perspektive-Kollegen“ (Zitat Werner schreibkraft Schandor, desselben, der auch den schlechten Einfluss des nämlichen Dunstkreises auf den Stil meiner Rezensionen beklagt hat). Nichtsdestoweniger: Bear with me, reade... lesen


comandante blue base pusher II

Über das aktuelle Programm des Ritter-Verlages

Ralf B. Korte: D’Annunzio. D’Annunzio. Semisphären zum Commandante

D’Annunzio. D’Annunzio. Semisphären zum Commandante von Ralf B. Korte ist eine Annäherung an die Figur des Poeten, Flugpioniers und protofaschistischen Freischärlerführers Gabriele D’Annunzio. Es ist außerdem eine reichlich traurige Liebesgeschichte, ein Versuch in europäischer Kriegsgeschichte und schließlich ein Wühlen in den Wurzeln der Faschismen Italiens und Deutschlands. Wir beobachten das Textsubjekt, ein „Du“ ohne N... lesen


comandante blue base pusher III

Über das aktuelle Programm des Ritter-Verlages

Sophie Reyer: Baby Blue Eyes

Über Sophie Reyers Baby Blue Eyes schließlich wurde bereits viel gesagt. Über ihre Jugend wurde geredet, Vergleiche gezogen, die blöde Frage nach dem Autobiografischen gestellt. Ad Fontes: Es macht die Atmosphäre von Baby Blue Eyes aus, dass die Subjekte (Plural) vollständig in ihren Körpern verortet sind, nirgends sonst, und dass ihre Sprache uns zwingt, diese Verortung mitzuvollziehen; dass dieser Subjektstatus dabei brüchig ist und... lesen


umgehung der fettnäpfchen

Hermetische Lyrik abseits billiger Epigrammatik

Klaus F. Schneider: Umgehung der Anhaltspunkte. Gedichte

Dass das noch geht, ist hier das Thema. Umgehung der Anhaltspunkte: Dass so ein Titel Programm sein kann, in einem deutschsprachigen Gedichtband, im Jahr 2008 (bzw. 2009, inzwischen). Genauer: Dass das Buch, auf das solches sich bezieht, nicht voll ist von jenem sentimentalen Landschaft-, Sehnsuchts- und Ichschwäche-Quatsch, den wir zu erwarten gelernt haben, wenn ein Buch Bezüge zur „hermetischen Tradition“ im Titel führt. Weil wir si... lesen


schön

Cornelia Travnicek schlägt unsere Gefühlstasten an, bis die Bordunsaiten schwingen

Cornelia Travnicek: Aurora Borealis

„Schön“ würde ich verwenden für Cornelia Travniceks Buch Aurora Borealis, wenn dieses Adjektiv nicht bereits zu oft ge-, miss-, verbraucht worden wäre. „Schön“ ist zutreffend, aber erklärungsbedürftig. Es passt bereits zum Äußeren des handlichen, lila Büchleins. Schön wie alle Bücher der Bibliothek der Provinz, die in Bibliophilen das Bedürfnis nach weißen Baumwollhandschuhen wachrufen, um bloß keine Verunreinigungen au... lesen


lob dem quickie!

Klaus Ebner kommt in „Auf der Kippe“ schnell zum Punkt. Kurzprosa eben

Klaus Ebner: Auf der Kippe. Kurzprosa

Ein wesentliches Merkmal von Kurzprosa ist, dass sie kurz ist. Trotzdem werden jene charmanten, kaltschnäuzigen, verdichteten oder auch nur skizzenhaften Texte, die sich entschieden nicht um Ausführlichkeit bemühen, allzu gerne als halbe Portionen angesehen. Aber ehrlich: Was kümmert es den Leser – und damit auch den Rezensenten –, ob der unausführliche Autor nur einen kurzen Atem hat? Oder ihn aufspart für den großen ganzen Roman... lesen


grenzen überschreiben

Völkerverbindendes aus dem Weinviertel

Haimo L. Handl (Hrsg.): Grenzschreiben/Psaní na hranici/Hraničné písanie

Mit der mehrsprachigen Anthologie Grenzschreiben tritt der Weinviertler Driesch-Verlag zum ersten Mal und gleich mit einem ebenso grenzüberschreitenden wie völkerverbindenden Projekt an die Öffentlichkeit. Das Buch vereint Prosa- und Lyriktexte von je zwei Autoren aus Österreich, der Slowakei und Tschechien. Alle Texte sind auf Deutsch und Tschechisch abgedruckt. Die aus Wiener Neustadt stammende Katharina Tiwald eröffnet den Reigen mit... lesen




Rezensionen der Ausgabe 17 - alles bestens

über maltes und dörtes

Volker Strübings Schnellsprechprosa in Wort und Ton

Volker Strübing: Ein Ziegelstein für Dörte

Nein, die Frage, was denn nun eigentlich „Marilpen“ sind, beantwortet Volker Strübing auch in seinem zweiten Buch #Ein Ziegelstein für Dörte# nicht. Das wird unzählige LeserInnen des irrwitzigen Debütromans #Das Paradies am Rande der Stadt# zutiefst enttäuschen, ist die Suche nach Wesen, Herkunft und Beschaffenheit der geradezu leitmotivisch in den Erstling eingewobenen Marilpen doch eine der letzten wahrlich maßgeblichen... lesen


der dichter als drop-out

Wie alles mit allem zusammenhängt und sich dennoch mitunter nichts fügt, davon weiß Cay Marchal zu erzählen

Cay Marchal: Der Romantiker des Nichts. Das letzte Jahr im Leben des taoistischen Mystikers und Privatgelehrten Wang Bi

An Cay Marchals Buch „Der Romantiker des Nichts“, erschienen bei Wiesenburg, ist manches bemerkenswert. Nicht zuletzt die Biographie seines Autors, der, 1974 geboren, „einige Zeit in Paris und Osaka gelebt“ hat, momentan an einer chinesischen Privatuniversität lehrt und Artikel für das deutsche Feuilleton ebenso verfasst wie chinesischsprachige (und in China publizierte) Lyrik. Dass es sich bei seinem Romandebüt nun um ei... lesen


bia & marülln

Steirische Gedichte und Stanzln vom Zuzi, vom Schatzi, da Soachkrout und vom Rotz

Frith Herms: Bia & Marülln

"Bia und Marülln" ist steirische Mundart-Lektüre, nichts für Zartbesaitete und, wie die Steirer selbst, oft ein bisschen derb in der Wortwahl. In eine Bierflasche urinierend, Engel fickend und durch die Gurgel scheißend beglückt der 1941 in Graz geborene Autor, Grafik-Designer und „Allzweck-Künstler“ herms Fritz mit seiner vierten lyrischen Publikation diejenigen, die ihn schon kennen und diejenigen, die ihn hiermit kennen... lesen


blut ist dicker als…was eigentlich?

Frank Jöricke schwelgt in Erinnerungen an die Mondlandung, Reihenhäuser im Hunsrück, seine Familie und andere Skurrilitäten

Frank Jöricke: Mein liebestoller Onkel, mein kleinkrimineller Vetter und der Rest der Bagage

Mit neun Jahren wusste Frank Jöricke, wie die Welt funktioniert. Die Erwachsenen konnten ihm nichts vormachen, er hatte jegliche ihrer Lebenslügen durchschaut und diagnostizierte unbestechlich kollektive Missstände im Berufsalltag, in Beziehungen und im Leben ganz allgemein. Ein Vierteljahrhundert später sieht die Sache schon anders aus. Den Weg vom altklugen Kind zum desillusionierten Befehlsempfänger in der Werbebranche... lesen


von puppenmechanismen und prinzenrollen

Lisa Spalt eignet sich Märchen an und entlarvt die dahinter stehende Wunschmaschine

Lisa Spalt: Grimms

Die Prosa von Lisa Spalt ist Wortschach auf höchstem Niveau. Dazu gehört auch, dass dem König die Krone vom Haupt genommen, die Dame vom Sockel geholt und auf die Türme so manches Graffito gesprüht wird. Exemplarisch vorgeführt wird dieser poetische Ansatz in ihrem neuen Prosaband #Grimms#, der sich des Genres Volksmärchen annimmt. Das kritisch-analytische Märchenrecycling beschränkt sich dabei nicht darauf, so manche Grim... lesen


zaubertraumlanderinnerungsgeschichte

Martin Kolozs’ Erzählung „Die Geschichte geht so“ ist so wahr, wie jedes andere Märchen auch

Martin Kolozs: Die Geschichte geht so

Wenn einer glaubt, das, was er selbst erlebt hat, vergessen zu können, liegt er falsch. Denn er ist Teil seiner Geschichte. Das wäre fast so, als würde er ein Buch in der Mitte zu lesen beginnen und glauben, er könne den Schluss trotzdem verstehen. Er müsste sich schon selbst vergessen, um nicht mehr Teil seiner Geschichte zu sein. Wichtig ist einzig und allein, dass sie fertig wird. Welchen Sinn hätte es für sie sonst gehab... lesen


die hybris der metropole

Anšlavs Eglītis porträtiert die Rigaer Kunstbohéme der 30er-Jahre

Anšlavs Eglītis: Homo Novus – Ein Künstlerroman aus dem Riga der dreißiger Jahre

 „Homo Novus“ bedeutet so viel wie Emporkömmling oder Neuling. In der Antike wurde hiermit ein Mann bezeichnet, der als Erster aus seiner Familie Konsul wurde, der es also wagte in die elitäre Phalanx der Senatorenfamilien einzubrechen. Bekannte Beispiele für „Novi Homines“ sind Cato, Cicero und Tacitus. Unserer heißt Juris Upenājs und ist ein ziemliches Provinzei. Als Maler aus der lettgallischen Provinz, dem... lesen


ein arsch kann ein anfang sein

Das Kroatien des Roman Simic ist ergreifend, komisch, unterhaltsam und auch sehr traurig

Roman Simić: In was wir uns verlieben

„Eine der wichtigsten Stimmen der zeitgenössischen, kroatischen Literatur.“ Mit diesen Worten adelt der Verlag Voland & Quist seinen eigenen Autor. Wenn wir dann blätternd auf die Suche nach Indizien für diese Behauptung gehen, so stoßen wir zunächst auf die Widmung – und die eröffnet eine erste Spur, nämlich die literarische Vorhabung des jungen Kroaten: „Meiner verstreuten Familie“ lesen wir da. Es ist also a... lesen


gegenstand und widerstand

Elisabeth Wandeler-Deck übersetzt Nervenimpulse in Gedichte

Elisabeth Wandeler-Deck: Turbulenzen an der Luftschnittstelle. Mit 8 Zeichnungen von Yves Netzhammer.

Was ist eine Luftschnittstelle? Geht es um drahtlose Datenströme, um aeronautische Kreuzungspunkte? Und welcher Art sind hier die Turbulenzen: Sind es Verwirbelungen im Informationsfluss oder droht, im Falle mangelnder Instruktionen vom Tower, der absturzträchtige Crash? Zu logisch gefragt, muss ich mir sagen lassen von Elisabeth Wandeler-Decks neuen Gedichten, die alles eher tun als solche Logik zu bedienen. „Was nicht in Or... lesen


war himmel, war boden, wir beide darauf

Beglückend gute Bücher der Lyrikpreisträger Ron Winkler und Ulrike Almut Sandig

Ron Winkler/Ulrike Almut Sandig: Fragmentierte Gewässer (Gedichte)/Streumen (Gedichte)

Das Gute an Rändern ist, dass man über sie hinausschauen kann, über den eigenen Tellerrand wie über den Alpenrand. In Sachen Lyrik lohnt sich derzeit besonders der Blick nach Deutschland. Schon der poetologische Diskurs wird dort reger geführt als in Österreich. Und die Qualität des Nachdenkens über Gedichte hat ihre Entsprechung in den Gedichten selbst. Kein Wunder also, dass auch die großen Lyrikwettbewerbe unseres Sprac... lesen




Rezensionen der Ausgabe 16 - für immer

ein stiermensch in der referenzhölle

Ein Kreuzworträtselroman zitiert die Literatur zu Tode

Thomas Ballhausen: Die Unversöhnten

Ein monströser Minotaurus irrt fragmentarisch-manieristisch in vier Kapiteln und 189 durchnummerierten Absätzen durchs Labyrinth einer apokalyptischen, urban-dystopischen Comicszenerie. Er geht viel in die Leihbibliothek, mordet ein bisschen oder hat Geschlechtsverkehr und verliebt sich. Das Ganze noch mit Paratexten zugeklatscht, dass Genette mit den Ohren geschnackelt hätte, ein Bezügchen hier, ein Verweischen dort, Hoch- meets Populär... lesen


im kokon und danach

Über das Heranreifen vom Kind zur Frau

Selma Mahlknecht: Im Kokon

Der Kokon ist in der Erzählung Im Kokon eine Metapher für das Heranreifen. „Es war wie bei einem Schmetterling”, schreibt Selma Mahlknecht einmal. „Zuerst die widerliche Raupe, die nur den ganzen Tag frisst … Dann der Kokon … Und erst am Ende, nach langer geheimer Vorbereitung der Schmetterling …” Diese Metapher betrifft vor allem die namenlose Ich-Erzählerin. Ihre Entwicklung vom Kind zur Frau ist die Handlung des Buches. Da... lesen


jede geschichte ein vogel

Vielleicht hat man Glück, und es landet einer kurz auf der eigenen Hand

Kathrin Resetarits: Vögel sind zu Besuch

Es gibt keine Überschriften. Die ersten Worte jeder Erzählung sind fett gedruckt und das war’s. Alles ist hier reduziert. Würde man nach einer neuen Definition von Lakonie suchen, dieser Erzählband von Kathrin Resetarits wäre sie. Das literarische Debüt der Schauspielerin kommt nicht auf leisen Pfoten daher. Pfoten gibt es hier überhaupt keine. Flügel, nicht Standbeine, spielen in dieser Erzählsammlung die Hauptrolle. Leichter als... lesen


löffel der geschichte

Wie Sternstunden verfliegen, aber Kindheitstraumata ein Leben lang bleiben

Wolfgang Pollanz: Das Seufzen meiner Mutter & Kurze Geschichte der Welt in 25 Gängen

Rezension, Rezension, Rezension. Schwierig, schwierig, schwierig. Weil man schon vor dem Lesen weiß, dass man danach darüber schreiben soll. Nur was man schreiben soll, weiß man häufig nicht. Daher begleitet einen schon während des Lesens eine Grübelei. Denn ohne Rezensionsauftrag würde man, während die Augen die Buchzeilen abwandern, absinken, der geschriebenen Geschichte oder den eigenen Gedanken folgen. Würde dort und da schmunzel... lesen


ohne netz und doppelten boden

Zwischen Herz- und Taubenschlag die Suche nach einem reinen Gewissen

Patricia Brooks: Garten der Geschwister

„Sex war ein Spiel um Macht”, ein Mittel, sein Gegenüber an sich zu binden oder zu demütigen, und in Patricia Brooks neuem Roman ist es Ursache und Wirkung innerhalb eines durchdachten Gewebes aus Hass, Schuld und Liebe, welches sich mithilfe vierer Protagonisten zu beinah undurchdringlichem Dickicht auswächst. Anfangs jedoch scheint es sich bei Garten der Geschwister um einen nach Schema F gestrickten Thriller zu handeln: Ein Pärchen... lesen


am falschen gleis

Amanshauser & Wenzel: Auf der falschen Seite von Ikebukuro. CD

Wer in der Tokioter U-Bahn-Station Ikebukuro den falschen Ausstieg nimmt, der ist plötzlich weit, weit draußen. Der fällt in den Schmerz. Um dieses Gefühl nachzuvollziehen muss man nicht aus Tokio kommen, im Gegenteil, vielleicht wird das Gefühl noch stärker, wenn man als Österreicher falsch aussteigt: Auf der falschen Seite von Ikebukuro ist das Ergebnis einer zweijährigen Zusammenarbeit zwischen dem Reise-Kolumnisten und Autor Marti... lesen


was bleibt

Kerstin Kempkers Roman "Die Betrogenen" setzt auf die Schönheit

Kerstin Kempker: Die Betrogenen

Der Kärntner Kitab-Verlag hat sich nicht die Mühe gemacht auszuweisen, von wem die Umschlaggestaltung zu Kerstin Kempkers Roman Die Betrogenen stammt. Das ist insofern verständlich, als der grün-blaue Band mit dem namenlosen Gemälde am Cover sagen wir: nicht wirklich von hohen ästhetischen Ansprüchen zeugt. Schade. Denn in Kempkers Roman kommt der Schönheit eine große Rolle zu. Kempkers heimliche Hauptfigur Maria setzt auf die Sch... lesen


ein epos für österreich

Damit Österreich für immer bleibt, braucht es ein literarisches Fundament. Christian Zillner schreibt daran.

Christian Zillner: Spiegelfeld, Band 1 bis 4

Gerne stelle ich mir Folgendes vor: Eine Zeit ohne Landschaftszersiedelung und Flussbegradigung, ohne Autos, ohne Straßen, nicht mal Kutschen gibt es; keinen elektrischen Strom, keine Telekommunikation, das Land ist von Wald bedeckt. Da und dort steht eine Siedlung mit Häusern und Höfen aus Holz. Das Land, in dem wir uns befinden, ist wild, schön und – was noch wichtiger ist – fruchtbar zwischen den Donauauen im Norden und den hohen B... lesen




Rezensionen der Ausgabe 15 - noch fragen?

von instinkten, zombies, schönheit

Ein Gespräch mit Thomas Raab

Thomas Raab: Nachbrenner. Zur Evolution und Funktion des Spektakels

Thomas Raab, unter anderem Autor des Romans Verhalten (Tropen Verlag 2002) und Kognitionstheoretiker, hat 2006 das Buch Nachbrenner herausgebracht. Es handelt sich um eine Studie, die von einer empirischen Rezeptionsästhetik ausgeht, welche auf dem Gedanken fußt, ästhetisches Erleben sei eine Weiterentwicklung von Instinktreaktionen auf Umweltreize unter den Bedingungen des „Spiels“, des „Lernens“. Auf solcher Grundlage unternimmt... lesen


botschaften aus dem schneckenhaus

Ratloses Funkeln in Blei

Amber Rusalka Reh: schnecken / laub / turbinen. Mit Illustrationen von Aurelia Annus.

Bei der Leipziger edition carpe plumbum erscheinen Bücher wie Einblattdrucke nur in kleinster Auflage. Langsamkeit, Beschränkung und Handarbeit bilden die Grundlage der Arbeit. „Typografie zum Anfassen“ und keine moderne Computertechnik, die immer nur vereinfacht, alles bequemer macht, vom eigentlichen Produkt aber immer stärker distanziert. Die Auseinandersetzung mit neuen Texten steht im Vordergrund bei diesem Leipziger Verlag – ge... lesen


ich regen, du blase

Die Menschen sind einfach und berechenbar. Michael Stauffers neues Prosawerk zeigt, wie man davon formschön profitiert

Michael Stauffer: Normal. Vereinigung für Normales Glück.

Marcel Oliver, Ich-Erzähler des neuesten Prosastreichs Normal. Vereinigung für normales Glück des Schweizer Dichters Michael Stauffer, ist arbeitslos, und wer arbeitslos ist, hat viel Zeit, sich Gedanken zu machen und die wahren Wünsche der Menschen zu analysieren. So findet Marcel heraus, dass ein Anlagefond in Beteiligungen an religiösen Gemeinschaften investiert und folgert: Die Menschen wollen spirituellen Halt und sind bereit, für... lesen


ein rumpl für alle fälle

Manfred Rumpl hat sich einiges vorgenommen. Er hat nicht nur einen Faust-Roman geschrieben, sondern ein Buch über und gegen unsere Zeit.

Manfred Rumpl: Fausts Fall. Roman.

Faust ist von sich angekotzt. „Ich hatte einfach keine Lust mehr, fortwährend nur ich zu sagen.“ Dieser erste Satz von Fausts Fall macht das klar. So muss der Ich-Erzähler, Faust, seine Erzählung immer wieder unterbrechen. Über ihn wird berichtet. Von seinem Leben. Das nur dazu dient, sich selbst zu verbergen. Faust trinkt wie ein Loch und kifft wie ein Schlot. Betäubt sich. Denn er will gegen die Meinung anleben, was einen guten... lesen


eine million mal klo & händewaschen

Themen und Rhemen, Aus- und Abschwiffe in Steffen Popps Roman genanntem Langgedicht. Mit 14 Zeichnungen von Andreas Töpfer.

Steffen Popp: Ohrenberg oder der Weg dorthin. Roman. Mit 14 Zeichnungen von Andreas Töpfer.

Man muss Steffen Popp einem halbwegs interessierten Publikum nicht mehr lang vorstellen: 1978 geboren, nach Berlin gezogen, Lyrikband Wie Alpen veröffentlicht, von Kritik geherzt, Roman draufgesetzt, Longlist zum deutschen Buchpreis und jetzt, 2007, Rauriser Literaturpreis. Ohrenberg oder der Weg dorthin, sein Prosadebüt, kommt im entsprechend zeitgeistigen Bücher-von-heute-Design daher, das so ausschaut, dass man denkt, die Verlagsseite i... lesen


we are the hollow men

Stefan Schmitzers ganzer Blick auf das eigene Hinwursteln

Stefan Schmitzer: moonlight on clichy. Gedichte.

Rezensionen mit einer Anspielung auf den Buchtitel einzuleiten birgt durchaus Gefahren. So kann es dem gestressten Rezensenten passieren, dass er Thomas Stangls Ihre Musik in die Nähe der Popliteratur rückt, weil er wohl offensichtlich weder die Popliteratur noch Stangls Roman wirklich verstanden hat, sondern sich irregeleitet vom Titel auf völlig falschen Pfaden befindet und diese geschätzte 125 Rezensionszeilen lang auch nicht mehr... lesen


ein mann steht im wasser

Thomas Brunnsteiners schillernde Reisereportage aus dem hohen Norden und tiefen Osten

Thomas Brunnsteiner: Bis ins Eismeer. Zwölf Reportagen von den Einwohnern der Welt zwischen Polarkreis und Kaukasus

Ein Mann steht im Wasser, an seinen Waden spürt er Shrimps hochspringen, er blickt auf die See, doch wenn er sich umsieht, ist hinter ihm kein Strand, sondern tiefer Wald, die Bäume zum Teil schon abgestorben. – Mit diesem Bild beginnt Thomas Brunnsteiner die Reportage Das Meer, das atmet über das Kaspische Meer, die erstmals 2001 in der NZZ erschien und nun – gemeinsam mit elf anderen Reportagen Brunnsteiners – im Sammelband Bis ins... lesen


berliner heißkaltschnauze

Über das Verblühen in der deutschen Hauptstadt

Marion Pfaus: Memoiren einer Verblühenden. Roman.

Die „Memoiren einer Verblühenden“ beginnen wie nebenbei. Klar, wenn man nicht mehr so ganz taufrisch ist, reißt einen ein Kinobesuch (Mission Impossible 2) und anschließendes Biertrinken und Flippern nicht mehr so vom Hocker. Und wenn man gerade in Berlin verblüht, macht sich so ein bisschen ein blasiertes Etwas im Tonfall allemal gut. Deshalb stimmt es schon, wenn man sich auf Seite 2 relativ unverhofft im Bett eines bisher unbekannt... lesen


schneewittchensyndrom

Wenn ruhelose Seelen erzählen

Myriam Keil: Angst vor Äpfeln. Kurzprosa.

Allergien sind in. Man gewinnt den Eindruck, dass jeder, der mitreden will, eine haben sollte. Pollen, Laktose, Äpfel. Äpfel? Ja, durchaus. Das kann sogar richtig heftig werden, erzählt uns eine Protagonistin im ersten Buch der deutschen Autorin Myriam Keil. „Im Laufe der Zeit finde ich neun Uhr achtundvierzig als Grenze für die Apfelübelkeit heraus, die [...] ausschließlich rohe Äpfel betrifft.“ Bis zu dieser Uhrzeit verursacht ih... lesen


nihil fit sine causa

Ein Roman über die ermüdende Daueranwesenheit der Vergangenheit und ihre Folgen

Michael Krupp: Spätfolgen. Roman.

Michael Krupps Roman Spätfolgen handelt von der Kausalität der Dinge. Von Erinnerungen an eine Zeit, in der für den Mann mit dem Stock und für die gezwungen lächelnde Frau das Leben noch schön war. Die geliebte Villa mit der braun getäfelten Wohnzimmerdecke aus Eichenholz, der kleine Sohn Felix mit seinem zerfetzten Stoffteddy vor der Garage, Gäste und Feste im Partykeller, den das Ehepaar eigenhändig mit griechischen Fresken ausg... lesen




Rezensionen der Ausgabe 14 - patient spezial

das ende eines vorurteils

Geschichten vom Balkan handeln nicht zwingend von Autodiebstahl

Dragana Tomaševic, Birgit Pölzl und Robert Reithofer: Frauen schreiben. Positionen aus Südosteuropa.

„Ja, der Balkan […], das ist unbestritten ein männlicher Kontinent.“ – So lässt es die serbische Autorin Judita Šalgo ihre Protagonistin Bertha Pappenheim im Roman Reise nach Birobidschan ausdrücken. Was ist der Balkan? Ein Konglomerat aus unzähligen Völkern, Sprachen, Religionen? Ein Krisenherd? Ein Zukunftsmarkt für Investoren? Eine Region, wo immer noch die Patriarchen und Clan-Oberhäupter das Sagen haben? Wer im Klische... lesen


das performte wort, gedruckt

Die Anthologie „textstrom“ bietet Poetry Slam in Buchform

Diana Köhle und Mieze Medusa (Hg.): textstrom. Poetry Slam – Slam Poetry

maunche tog san schee und maunche tog san schiach, des is jo fost genauso wia mit de leit! Recht hat er. Und in ein Buch hat es Didi Sommer auch geschafft mit diesem tiefsinnigen Sager. Wie ein gutes Dutzend anderer Slammerinnen und Slammer ist er mit seinen Beiträgen in der 2006 erschienenen Anthologie textstrom vertreten. Sie vereint Kurzprosa, Rhythmisches und Lyrisches, Alltagsbeobachtungen und Science Fiction, Intellektuelles und T... lesen


im osten viel neues

Interview mit Bettina Balàka über den Kriegsheimkehrerkrimi „Eisflüstern“

Bettina Balàka: Eisflüstern. Roman

Eines der beeindruckendsten Bücher des Jahres 2006 hat Bettina Balàka geschrieben. Eisflüstern heißt es, und es ist aus mehreren Gründen erstaunlich: 1.) Balàka arbeitet ein Thema auf, das in der jüngeren österreichischen Literatur ziemlich einmalig ist, nämlich die Zeit nach dem Ersten Weltkrieg, als das große Kakanien von den Siegermächten zum kleinen „Deutsch-Österreich“ zusammengestutzt wurde und sowohl ideologisch als... lesen


hilflos beim frisör

Über Liebe, Sex und alles dazwischen

Katharina Faber: Mit einem Messer schneide ich die Zeit. Über Liebende

Beim Frisör ist man dem Musikgeschmack des Besitzers und den Lieblingsradiosendern der Nation hilflos ausgeliefert. Beim Frisör hat man außerdem Zeit, wirklich auf die Texte all dieser Radiolieder zu achten, nur um nachher zu wissen, warum man sonst gut daran tut, sie einfach zu überhören. „Come my lady, you are my butterfly, sugar baby“ oder auch „My hips don´t lie“, gibt es da zu hören. Wow. Umso krasser ist der Gegensatz, we... lesen


widersprüchliche reminiszenzen

Was Sie schon immer über Pubertät wissen wollten

Fritz Widhalm: pubertät mit mädchen

Fritz Widhalms Buch pubertät mit mädchen ist voll von widersprüchlichen Reminiszenzen an eine Zeit, als pubertierende Mädchen noch keinen Style, sondern fuchsrote Haare, „von der großmutter mehr schlecht als recht kurz geschnitten“, hatten und die ultramarinblaue Hose des Erzählers noch ein Statement war. Der Ort der Handlung ist ländlich, die Zeit durch Referenzen auf „marc bolan shirts“ und „t rex singles“ zumindest anged... lesen


fünf stationen mehr

Was sie schon immer über U-Bahnen wissen wollten

Lukas Cejpek: Dichte Zugfolge

Seit kurzem hat Wiens U1 fünf Stationen mehr, und seit kurzem hat der deutschsprachige Literaturbetrieb DAS U-Bahn-Buch schlechthin. Für ersteres ist u. a. der Wiener Maulwurf, eine 44 m lange Maschine mit gigantischem Bohrschild, für letzteres die edle Edition Korrespondenzen und der nicht nur radioaktive Schriftsteller, Theater- und Hörspielregisseur Lucas Cejpek zuständig. „Wer Zeit hat, sollte nicht U-Bahn-Fahren“, heißt es a... lesen


von der falschen freiheit

Antonia Barboric schreibt den inneren Monolog einer Generation

Antonia Barboric: Schnittpunkt Leben

Ein 23-jähriger Mann sitzt im Zug und macht sich Gedanken. Soll öfters vorkommen, gerade beim Zugfahren hat man ja die Zeit dazu. Alles in allem also nicht besonders spannend, scheint es. Antonia Barboric erzählt trotzdem, was sich im Kopf des jungen Fahrgasts abspielt. Und auch sie tut das auf recht unspektakuläre Weise: In Worten, wie man sie tatsächlich in Zügen und auf Bahnhöfen hört, gerade so, wie es eben klingt, wenn Menschen s... lesen




Rezensionen der Ausgabe 13 - mitte

ab in die nischen

Die Literaturvermittler sind in der Dauerkrise

Gunther Nickel (Hg.): Kaufen! statt Lesen! Literaturkritik in der Krise?

„Ich teile die Zuversicht im Hinblick auf das Internet nicht. Einrichtungen wie perlentaucher.de und literaturkritik.de sind zwar eine schöne Sache, aber was doch dominiert, sind Laienkritiken wie die ‚Top 500’ oder ‚Top 1000’-Rezensenten bei Amazon, deren Bewertungskriterien oft hanebüchen sind. Was einst der Traum von Brecht und Benjamin war, dass jeder seine Meinung publizieren kann, ist hier auf fatale Weise Wirklichkei... lesen


wenn dem wirt der saft ausgeht

Georg Petz’ Erzählungen zur Anatomie des Parasitären

Georg Petz:: Die Anatomie des Parasitären. Erzählungen

Ich sehe durch das Fenster nach draußen, das keine Aussicht hält als mein eigenes Spiegelbild vor dem Hintergrund einer undurchdringlichen Finsternis. Da ist noch immer die Glätte in meinem Gesicht, die ich so sehr mag. Der junge Autor Georg Petz hat seine neue, zweite Publikation Die Anatomie des Parasitären getauft. Ein hochtrabender, wenngleich viel versprechender Titel und ein nicht untreffendes Motto für... lesen


sonne ohne eigentümer

Ein Geburtstagsroman für Max Stirner

Sabine Scholz: Die Sonne hat keinen Eigentümer. Roman

Sabine Scholz, Mitarbeiterin des Max-Stirner-Archivs in Leipzig, hat mit Die Sonne hat keinen Eigentümer einen biographischen Roman über den Querdenker und Philosophen vorgelegt. Max Stirner, geboren als Sohn eines Flötenmachers in Bayreuth, wirkt auf mindestens drei einander überlagernden Feldern: einmal im Schutt halb vergessener Philosophiegeschichte als einer der Junghegelianer, die Hegels Staatsphilosophie – heute... lesen


nichts für ungut, herr müller

Ein Autor strapaziert den Mainstream und wird von ihm überwältigt

Norbert Müller: Feierabend. Roman

Der Residenz Verlag hat einen guten Fotografen für seine Autorenporträts. Lukas Beck setzt die Autoren in natürlicher Umgebung in Szene, die Lichtführung und Farbabstimmung ist harmonisch, das Spiel mit Vorder- und Hintergrund gekonnt umgesetzt. Der Autor Norbert Müller beispielsweise posiert neben einem Baustellenbild. Im Hintergrund verschwimmt die Fassade des Stephansdoms. Müller, 1963 in Aachen geboren, in Wien lebend, blickt skepti... lesen


literarische slideshow

Andrea Grill durchforstet ein Gehölz namens Stammbaum

Andrea Grill: Der gelbe Onkel. Ein Familienalbum.

Gerade mit beträchtlichem zeitlichem Abstand ist das Betrachten von Familienalben ein Vergnügen, basierend auf mehreren Qualitäten: da wären zum einen die modischen Zeitläufe, die retrospektiv ein gerechteres Urteil über Treffer und Verirrungen der Modebranche zulassen, da bieten sich Fachsimpeleien über die Kunst und die Mode des Posierens an (Warum wird heute beim Fotografieren gnadenlos Lächelpflicht ausge... lesen


siren songs

Sonja Harters erster Gedichtband

Sonja Harter: barfuß richtung festland. gedichte

Ihre Gedichte sind nicht plump, nicht dumm, nicht kitschig, nicht sentimental , nicht grob, nicht platt. Ihr Können ist keinesfalls in Frage zu stellen, aber um Sonja Harter und ihren „Ton“ wird in Graz ein Trommelfeuer gemacht, das befremdet. Zuletzt hat sie Günther Nenning als jüngste Autorin (sie ist erst 22, wird immer betont) und noch vor Erscheinen ihres ersten Gedichtbandes in die Landvermessung gepackt. Sie se... lesen


am arsch (vorbei)

Helmuth Schönauer viechert wieder ab

Helmuth Schönauer: Afterschock. Schwere HTML-Gedichte

Helmuth Schönauers Geschichten vom Mitterweg (siehe www.schoenauer-literatur.com ) würden natürlich wunderbar in diese Ausgabe der schreibkraft passen. Auf eine diesbezügliche Anfrage an den Tiroler Autor kam als Antwort nur Schweigen – und ein vom Verlag Sisyphus zugestelltes Rezensionsexemplar von Schönauers jüngstem Gedichtband Afterschock. „Lyrisches Ich – entsteht bei der germanistischen Spaltung eines Schizoids... lesen




Rezensionen der Ausgabe 12 - verhalten

ein rosenblatt vor dem mund

Über Katrin Mackowskis Kriminalroman und was Wien dabei verloren hat

Katrin Mackowski: Die falsche Frau

Anfang 2005 wurde ein Begriff lanciert, der für ein paar Monate als Etikett für diverse Neuerscheinungen aus österreichischem Lande funktionieren sollte: „Wien-Roman“. Beiträge über so genannte Wien-Romane irrlichterten plötzlich durch die Medien. Clarissa Stadlers N. Eine kleine Utopie wurde da ebenso genannt wie Eva Menasses (unfreiwillig labelbildender) Erstling Vienna. Mit dabei in der Riege dieser Aufzählungen auch Katrin Mack... lesen


paarungsverhalten

Zehn sexy Texte: Die Edition Kürbis konzentriert sich mit „Sex Volume II“ auf das Wesentliche

Wolfgang Pollanz (Hg.): Sex. Volume II

Letzten Sommer hat uns Cosima Reif unverhofft zu einer Erkenntnis verholfen: Ihre Zufallskolumne, die jede Woche in der Freitags-Beilage des Standard, erscheint, ist eigentlich eine Sexkolumne. Und Cosima Reif eine Sexkolumnistin. Bislang ist dieser Umstand an Standard-Lesern nahezu spurlos vorübergegangen. Allein schon deshalb, weil ihre Zufallskolumne mit Sex meist wenig zu tun hat. Aber frei nach Umberto Eco erkennt man(n) Sexfilme ja auc... lesen


keine rechtfertigung 1

Über literarische Masturbationsvorlagen ersten und zweiten Ranges

Markus Köhle: Letternletscho. Ein Stabreim-Abecetera

Um Spielernaturen geht es im Folgenden und um zwei Bände randständiger Lyrik: Erstens um Letternletscho. Ein Stabreim-Abecetera des Innsbrucker Slam-Poeten Markus Köhle und zweitens um die mechanismen und defekte von Peter Enzinger (mit Zeichnungen Georg Bernsteiners). Markus Köhles Buch ist eine Sensation und völlig belanglos zugleich. Auf knapp 80 Seiten breitet der Autor aus, was der Untertitel verheißt – Ein Stabreim-Abecetera... lesen


keine rechtfertigung 2

Über literarische Masturbationsvorlagen ersten und zweiten Ranges

Peter Enzinger: mechanismen und defekte

Ganz anders spielt Peter Enzinger. So wie ein Kind die Möglichkeiten der Sprache in Abzählreimen, Spottversen und Unsinnspoesie erprobt, befragt er das Repertoire lyrischer Stilmittel auf seine Verlässlichkeit und lässt uns sein Bauklötzchenspiel beobachten, ohne die entstehenden Texte extra ernst zu nehmen. Manche seiner Gedichte mögen „Sinn“ ergeben oder eine „inhaltliche“ Seite aufweisen, andere mögen die Forderung nach „S... lesen


die lange vorgeschichte der gegenwart

Nach 62 Jahren wurde das Opus magnum des Exilautors Stefan Pollatschek endlich erstveröffentlicht

Stefan Pollatschek: Doktor Ascher und seine Väter. Historischer Roman

Als der Wiener Autor Stefan Pollatschek 1942 im englischen Exil verstarb, hinterließ er ein Manuskript im Umfang von 1.096 Seiten, einen Roman mit dem Titel Doktor Ascher und seine Väter. Unmittelbar nach seiner Vertreibung durch die Nazis hatte er daran zu arbeiten begonnen und ihn wenige Tage vor seinem Tod abgeschlossen. Sechs Jahrzehnte lang ist dieses Manuskript unbeachtet in seinem Nachlass gelegen, bis zwei Wiener Exilforscher, Ulrik... lesen


... in siedendem schlaf

Heftig und deftig: Lukas Kollmers Prosa

Lukas Kollmer: "Schlächtervergessen" und "Nihil"

„Ich will nicht viele kleine Schlückchen machen, nur um länger leben zu können.“ Ein Satz aus Lukas Kollmers jüngstem Roman, Schlächtervergessen, ein paar Worte unter vielen, die vielleicht den Anspruch erheben können, etwas über die Literatur des jungen Wiener Autors auszusagen. Es ist eine kantige, heftige, hämmernde Prosa, der man sich unvermittelt ausgesetzt sieht, gleich der Wirkung eines satten Zugs aus einer Tequila-Flasche... lesen


durch die gegend schreiben

Erwin Einzinger dreht an der Samplingmaschine

Erwin Einzinger: Aus der Geschichte der Unterhaltungsmusik

Einst glaubte man, dass man beim Menschen ganz einfach oben Wissen, Geschichten und Lehren reinstecken müsste, damit unten eine proper gestaltete Geschichte, eine Lebensgeschichte, rauskommt. Heute jagt man Geschichten und Teile davon durch den Sampler und glaubt, dass einem jeder das Ergebnis mit seinen zahlreichen Verzweigungen und Verweisen als organisches Gebilde voller Weltgehalt abnimmt. Auch Erwin Einzinger hat sich daran gemacht, einen... lesen


die göttinnen im bombenhagel

Petra Ganglbauers konstruierte Absichtslosigkeit. Eine Gratwanderung

Petra Ganglbauer: Glöckchen. Nachtprogramm

„Wenn sie zerbirst, setzt es Anorganisches“. – Es gibt Bücher, die muss man von hinten nach vorne lesen, um sie ganz zu verstehen. Und manchmal muss man sich wohl auch davon lösen, verstehen zu wollen, was zu verstehen geboten wird. Von „Absichtslosigkeit“ spricht Petra Ganglbauer in ihrem alles erklärenden Nachwort zu ihrem jüngsten Werk Glöckchen. Nachtprogramm, kürzlich erschienen in der Edition Das fröhliche Wohnzimmer. D... lesen


und andere suggestible lücken

Linda Stifts "Kingpeng" kreiert eine Welt zwischen Wirklichkeit und Traum, zwischen Blackout und Präzision

Linda Stift: Kingpeng

„Wir nennen die Terrasse gegenüber Terrakottainsel“. Mit knappen Worten zieht uns Ich-Erzählerin Kinga zu sich und ihrem Bruder auf einen kleinen Balkon zwischen Küchenkräuter und Tomatenstauden. Selbst in den Nächten liegt eine unaufhörliche Hitze zwischen den Dächern, die die ganze, abwechselnd von Kinga und, seltener und kürzer, von Nick dargelegte Geschichte in eine leichte, schläfrige, bewegungslose Atmosphäre taucht. Bald... lesen


das gegenteil der osbournes

Ilse Kilic und Fritz Widhalm führen alle, die gerne in fremden Wohnungen schnurchteln, in ein literarisches Eldorado

Jana Brenessel & i.g. Naz: Reise in 80 Tagen durch das Wohnzimmer. Eine Fest- und Forschschrift. Mit Begleit-CD.

Wenn einem das Heim zum Kosmos wird, dann ist es Zeit, dass das Universum-Team ausrückt und diesen Kosmos beschreibt. Im Fall von Ilse Kilic und Fritz Widhalm ist der Kosmos Das fröhliche Wohnzimmer und das Universum-Expeditionsteam besteht aus ihren literarischen Alter Egos Jana Brenessel und i.g.Naz. Das fröhliche Wohnzimmer kennt man als Kleinverlag, als Zeitschrift (Untertitel: für unbrauchbare Texte und Bilder) und nicht zuletzt a... lesen


talschlusspanik

Olga Flor entwirft in ihrem neuen Roman eine vordergründig heile Welt

Olga Flor: Talschluss

Das Tal wird eng, schließt sich und geht über in den Berg. Almboden, Kühe, Talschluss. Dort feiert Grete ihren 60. Geburtstag. Sie ist Lebensberaterin, eine gefestigte Frau, naturverbunden und positiv. Um sich hat sie ihre Lieben versammelt, Ehemann Ernst, Sohn Thomas, Tochter Sabine samt deren Kindern. Junge Musiker sind für das Fest engagiert. Und Katharina, von Beruf Event-Managerin. Sie ist fünfunddreißig, Single, erfolgreich und ei... lesen




Rezensionen der Ausgabe 11 - und jetzt?!

zwei protokolle leiserer kompositionen

Über die letzten beiden Gedichtbände von Helwig Brunner

Helwig Brunner: grazer partituren

"wonach noch suchen", fragt Helwig Brunner in seinem Gedicht aus dem Zyklus "die praxis des versagens". Sowie einer angekommen ist, sollte er eigentlich nicht mehr suchen, könnte man antworten. Es gibt viele Möglichkeiten, Orte zu finden oder Welt zu erfahren. Zumeist finden Annäherungen in der eigenen Person statt, sozusagen in sich selbst. Auch Helwig Brunner nimmt in seinen Gedichtbänden gehen, schauen, sagen und Grazer Partituren dies... lesen


phantastische bilder

Traude Korosas Geschichten über die schwächeren Mitgliedern der Gesellschaft

Traude Korosa: Hannas Vermächtnis und andere Erzählungen

Die abtrünnige Sonja lässt sich von ihrer Stadt zurückerobern. Marion liegt gefesselt im Gitterbett und träumt sich auf ihre Bank im Hessenpark. Den Frauen in Traude Korosas Geschichten fehlt oft die Kraft sich aus gesellschaftlichen Strukturen zu befreien. Aber auch Männer wie der Behinderte Georg oder der Karli Doktor, der vom sozialen Aufstieg träumt, stehen plötzlich vor einem unüberwindbaren Hindernis. Immer wie... lesen


gefühlswinterschwimmer begünstigt

Günther Freitag seziert in seinem jüngsten Roman gesellschaftliche Kälteschichten

Günther Freitag: Flusswinter

"Der Landstrich am Fluss, früher die fruchtbare Au und geschützt, entvölkert sich von Woche zu Woche mehr." Schon mit den ersten Sätzen steht man als Leser mittendrin im von Günther Freitag entworfenen Szenario und erahnt, weiß Bescheid, worum es geht: Um Katastrophen großen Ausmaßes, um Katastrophen, deren Namen die Kapitelüberschriften in Geschichtsbüchern sein könnten. Die #große Veränderung# hat das Land befallen... lesen


hohe wasser sind tief

7 Erzählungen aus dem Leben bedrohter Existenzen

Eugenie Kain: Hohe Wasser

"In mein eigenes Leben bin ich noch nie rechtzeitig gekommen. Ich bin immer zu spät dran. Als ich auf die Welt kam, war der Vater schon weg. So ging es weiter." In ihrer neuesten Publikation Hohe Wasser vereint die Linzer Autorin Eugenie Kain sieben Erzählungen aus dem Leben bedrohter Existenzen. Sie lässt uns teilhaben am Dasein derer, denen das Wasser bis zum Hals steht: Verlierer, Verlassene, Verzweifelte, Verlorene, Nutzlose, Suchende... lesen


stimmig zweistimmig

Sinnlich und synchron erzählt – Birgit Pölzls Romandebüt

Birgit Pölzl: zugleich. Roman

Viel war in den Feuilletons während der letzten Jahre über erotische Literatur von, für und über Frauen zu lesen, über literarisch verarbeitete Intimitäten, bisweilen über versprachlichten Exhibitionismus. Schnell gewinnen herbeigeschriebene Trends wie dieser an Eigendynamik, öffnen eine Schublade, in der sehr vieles und sehr Verschiedenes Platz hat - manches Mal zum Nutzen der Autoren, die sich und ihr Schreiben plötzlich auf der H... lesen


schema f und das funkeln

Anti-Joyce: Johannes Weinberger kehrt nicht die Erzählsprache gegen die Ideologie des Romans gekehrt, sondern den Inhalt

Johannes Weinberger: Ich zähle zornig meine Schritte

Ein Roman wird zum Roman nicht kraft seiner Länge. Der Roman grenzt sich von der Erzählung ab, indem er seine Bezeichnung vor sich herträgt. Und die signalisiert uns: Idealtypische Durchdringung von Allgemein und Besonders, Spannungsbogen und Moment, Satz und Kapitel, Individuum und Gesellschaft. Oft genug heißt ein Text Roman, und man bezieht ihn auf die paar Modelle des archetypischen Bauplans, die man kennt, ohne dass dazu wirklich Anl... lesen


wo die dinge schweben

Wolfgang Hermanns poetischer Blick auf das Andere in Gestalt von Japan

Wolfgang Hermann: Japanisches Fährtenbuch

"Manchmal geht von den uniformen Gesten der Menschen hier ein schöner Glanz aus. Dieser Glanz ist ihre Bereitschaft, nichts Besonderes zu sein." - In der kurzen Klappentext-Biographie des Vorarlberger Autors Wolfgang Hermann sind auch "langjährige Auslandsaufenthalte, u.a. als Lektor an der Sophia-Universität in Tokyo" vermerkt. Von einem dieser Aufenthalte im Fernen Osten hat Hermann das Japanisch... lesen


lebenswelt kaltgepresst

Elisabeth Vera Rathenböck wirft in ihrem „Herbarium des Präsens“ einen sachlichen Blick auf ihre Umgebung

Elisabeth Vera Rathenböck: Herbarium des Präsens

Pflanzen in dicke Wälzer legen, um ihnen jedes Tröpfchen Leben auszupressen, diese Methode ist bekannt. Aber den eigenen Wahrnehmungskosmos in seinen Einzelteilen literarisch plätten und schön alphabetisch geordnet zwischen zwei Buchdeckel zu bannen, das kommt einem seltener unter. Die in Steyr und Wien lebende Autorin Elisabeth Vera Rathenböck hat diesen Versuch unternommen und in der edition innsalz ihr privates Herbarium des Präsens... lesen




Rezensionen der Ausgabe 10 - eigen

liebe, tod und teufel

Der Tod des Mädchens mit den Schwefelhölzern von Zoran Feric präsentiert die kroatische Urlaubsinsel Rab einmal ganz anders

Zoran Feric: Der Tod des Mädchens mit den Schwefelhölzern. Aus dem Kroatischen von Klaus D. Olof.

Mit einem Begräbnis startet Zoran Ferics Roman, mit einer transsexuellen Leiche nimmt die Handlung ihren Lauf. Ein Kriminalfall auf einer bekannten kroatischen Insel, ein Hauch Grusel und die zumeist kaum jugendfreien Jugenderinnerungen des Protagonisten bilden die Zutaten. Höchst morbid das alles – und der Erzähler ist zu allem Überfluss Pathologe. Pointiert und mit viel schwarzem Humor serviert er eine ebenso liebenswerte wie b... lesen


zimmer mit aussicht

Das vielschichtige Prosadebüt des Salzburger Autors Johannes Gelich

Johannes Gelich: Die Spur des Bibliothekars. Novelle.

Ob man will oder nicht, wirkt man in unserer windschnittigen Zeit allein durch die Beschäftigung mit Büchern bald einmal suspekt. Der Bibliothekar Florian Servaes, Hauptfigur und Ich-Erzähler der Novelle Die Spur des Bibliothekars, will nicht. Als es in der Wiener Stadtbibliothek durch einen ehrgeizigen Vorgesetzten ungemütlich wird, lässt sich der übergewichtige, ambitionslose und desillusionierte Servaes wegbefördern. Er wird zum Lei... lesen


wiener porzellan

An dunklen Tagen muss man aus hellen Tassen trinken, meint Christoph Strolz in seinem Debütband

Christoph Strolz: AlltagsBrüche. Ein Logbuch.

Die Wiener Edition Doppelpunkt legt sichtlich kostengünstige, aber mit markantem Doppelpunkt-Logo auf schlichtem Kartongrund neuerdings sehr ansprechend gestaltete Bücher vor. Zuletzt erschien der Gedichtband Frostspanner von Joachim G. Hammer, das bereits dreizehnte Opus dieses zu wenig beachteten Grazer Lyrikers. Auch der 1960 geborene, heute in Wien lebende Germanist und Theologe Christoph Strolz ist Graz durch längeren Aufenthalt ver... lesen


zeit im blick I

Zwei Bücher, zwei erfreuliche Lesemomente

Hanno Millesi: Im Museum der Augenblicke.

Hanno Millesi legt mit seiner jüngsten Erzählung ein Werk vor, das elegant durch die Flure eines Museums moderner Kunst schlendert – die städtische Verankerung ist hier zwar Wien, lokalisiert könnte das Museum aber auch überall anders werden –, gleichzeitig den Plot für einen Kriminalroman entwirft, ohne diesen kriminalromanmäßig zu verfolgen, und schließlich fast selbstverständlich vollkommen offen bleibt und aufgeworfene Frage... lesen


zeit im blick II

Zwei Bücher, zwei erfreuliche Lesemomente

Daniel Wisser: Dopplergasse acht.

Ein anderes Blickfeld eröffnet sich in Daniel Wissers Romandebut Dopplergasse acht. Wunderschön als Roman in 45 Strophen untertitelt, zeigt dieser Titel schon an, wie die Reise durch die Dopplergasse stattfinden soll. Wisser, der in der schreibkraft bereits zu Recht als Herausgeber der Literaturzeitschrift Der Pudel gerühmt wurde (siehe Heft 7, heftig), hat mit Dopplergasse acht nicht nur eine Liebeserklärung an seine Wohnstraße geschrie... lesen


zwischen den stühlen I

Drei Bücher, viele Lesemöglichkeiten

Leopold Spoliti: mintex prosa.miniaturen.

Es gibt Filme, die befähigen dazu, potentielles Zielpublikum für Leopold Spolitis mintex prosa.miniaturen zu enttarnen: Filme, zusammengesetzt aus knappen, in sich ruhenden Sequenzen, aus unterkühlt montierten Bildern, die nicht sofort und nicht aus sich heraus auf eine Geschichte verweisen, die es da irgendwo zu rezipieren gäbe. Erst, wenn ihrer fünf bis zehn uns gegenwärtig sind, offenbaren sie sich als "Szenen" einer "Handlung", ohne... lesen


zwischen den stühlen II

Drei Bücher, viele Lesemöglichkeiten

Lukas Cejpek, Christoph Hauri: KANNEN FANGEN. Ein Skizzenbuch.

Ein Buch, ohne das die Menschheit sicher ebensogut weiterleben könnte, ist KANNEN FANGEN. Ein Skizzenbuch von Lukas Cejpek (Text) und Cristoph Hauri (Graphik), ebenfalls erschienen im fröhlichen wohnzimmer. Es ist unmotiviert, es hängt mitsamt seinem abstrusen Thema (Kannen [!] als solche und als Träger sozialer Rituale) völlig im luftleeren Raum herum (den nie ein sinnstiftendes Diskursfragment zuvor gesehen hat), es erschöpft sich üb... lesen


zwischen den stühlen III

Drei Bücher, viele Lesemöglichkeiten

Johannes Weinberger, Lukas Kollmer, Maria Edelsbrunner: autorenmorgen 01.

Underground – Ästhetik und Kunstliteratur Nun, zu guter (na ja?) Letzt muss ich mich anschicken, drei Autoren und einem Verlag gegenüber ungerecht zu sein, denen bzw. dem ich eigentlich und von Herzen suhrkampsche Verkaufszahlen und eine ebensolche Breitenrezeption wünsche. Ungerecht, denn die Anthologie Autorenmorgen 01 aus der edition LUFTSCHACHT, in der Johannes Weinberger, Lukas Kollmer und Maria Edelsbrunner unter der Herausgebersch... lesen




Rezensionen der Ausgabe 09 - brennermania

Keine Rezension in dieser Ausgabe

Rezensionen der Ausgabe 08 - fetzen

riten, räusche, rock’n’roll

Auch in der Provinz nördlich des Polarkreises lässt es sich ganz schön fetzen

Mikael Niemi: Populärmusik aus Vittula. Roman.

Lange bevor im deutschsprachigen Raum über Warmduscher, Weicheier und Nach-Vorne-Einparker diskutiert wurde, war es im hohen Norden an der finnisch-schwedischen Grenze für die dortige männliche Jugend bereits wesentlich, nicht „knapsu“ zu sein, was ungefähr so viel wie weibisch bedeuten dürfte. Zumindest geht das aus Mikael Niemis feinem Entwicklungs- und Poproman Populärmusik aus Vittula hervor. „Gewisse Beschäftigungen sind v... lesen


das erbe der kreativen

oder was Fast-Food mit einem Lexikon zu tun hat

Lou A. Probsthayn: Müll.

Lou A. Probsthayns neuen Roman kann nun jedermann lesen vielleicht auch verstehen, aber zumindest wollte yedermann Müll verlegen und kauderwelschte* seinen Autor nicht an. Die „irren Neugeborenen“ sind der Nachlass von Trash, dem Protagonisten des Romans und das Erbe der Kreativen, die den Bildungsauftrag der Stadt, in diesem Fall Norden, übernommen haben. Norden ist eine Stadt in Deutschland und Norden ist ein Lebensgefühl, sowie al... lesen


gassschwaden. atmoterrorismus. air-design

Über Peter Sloterdijks „Luftbeben“

Peter Sloterdijk: Luftbeben. An den Quellen des Terrors.

Er gehöre, so meinte Peter Sloterdijk in einem Interview, einer Gruppe von Menschen an, die mit dem 11. September seit jeher den Geburtstag von Theodor W. Adorno verbunden habe, und im Übrigen gäbe es nach dem 11. auch noch den 12. September, „an dem das autohypnotische Schaumwerk wieder in sich zusammenfällt“. Außerdem sei er der festen Überzeugung, dass die Assoziation mit Adorno unter kulturgeschichtlichen Aspekten weit... lesen


die kunst, schlechte bücher zu schreiben

M. G. Wanko hat es wieder nicht geschafft. Über seinen neuesten Roman Ken

Martin G. Wanko: Ken. A Crime Story

Es gibt Autoren, die es verweigern, in ihren Romanen auf herkömmliche Weise eine Geschichte zu erzählen. Und es gibt Autoren, denen die Story, die sie erzählen, schlichtweg egal zu sein scheint. Der kleine Unterschied offenbart sich im Lauf der Lektüre.  Martin G. Wanko gehört zweifellos der zweiten Gruppe an. Der Plot, den er für seinen Roman Ken entwirft, lebt von seiner Exposition: Der Ich-Erzähler killt einen Strichju... lesen


mannigfache enthüllungen

Ermittlungen mit aufgesetztem Rotlicht

Sabina Naber: Die Namensvetterin.

Im Grunde genommen ist keine literarische Gattung so sehr dem Willen nach Wissen und der Offenbarung der (einer?) Wahrheit verbunden, wie der Kriminalroman. Dennoch, oder deshalb, musste sich das Genre beständig gegen die Vorwürfe verwehren, zu sehr einer nicht tiefer dringenden Oberflächenwelt verbunden zu sein, als dass man es für wissenschaftlich-literarisch ernst nehmen könnte. Die Verkaufszahlen trugen das ihre daz... lesen


der coyote singt schön

Das neue Buch des Linzer Autors Christoph Janacs erzählt magisch-reale Geschichten aus dem heutigen Mexiko

Christoph Janacs: Der Gesang des Coyoten. Mexikanische Geschichten

Mexiko ist ein facettenreiches Land: Schon lange vor der Kolonialisierung – Hernan Cortez landet 1519 in Veracruz und macht die Region zu Neu-Spanien – gab es die Hochkulturen der Maya und der Azteken. Heute ist Mexiko reich und arm, modern und rückständig, neoliberal und kolonial strukturiert. Hier leben Weiße, Mestizen und Indigene, im urbanen Mexiko City und im ländlichen Chiapas. Zwischen diesen Gegens... lesen


marcuse, schau owa! (Teil I)

Ansätze zur Ent-Entfremdung der weiblichen Seele

Eugenie Kain: Atemnot.

Zwei Neuerscheinungen im Linzer Resistenz Verlag verstärken die Verankerung der „österreichischen Frauenfigur“ als solcher in den Fußstapfen der Bachmann, eine weitere aus dem Klagenfurter Kitab Verlag bietet, aus ebenso weiblicher Perspektive, endlich Alternativen zum qualitativ mittelmäßigen Betroffenheitsgedudel zuletzt erschienener „Jugoslawienbücher“ (siehe auch: Elke Papp: Wundräume und Viktorija Kocman: Reigentänze). F... lesen


marcuse, schau owa! (Teil II)

Ansätze zur Ent-Entfremdung der weiblichen Seele

Elke Papp: Wundräume.

Wundräume von Elke Papp ließe sich in vielerlei Hinsicht als ein polares Gegenstück zu Atemnot deuten, mit der einzigen und wichtigen Ausnahme des in beiden Fällen (bei Kain in der Rede der Figuren, bei Papp ziemlich grundsätzlich) meisterhaft lakonischen Tonfalls. Das Buch besteht aus Kurztexten, habituell fragmentarischen Erzählungen und textlichen Überbleibseln der Performances, mit denen sich die Autorin österreichweit einen Namen... lesen


marcuse, schau owa! (Teil III)

Ansätze zur Ent-Entfremdung der weiblichen Seele

Viktorija Kocman: Reigentänze

Und schließlich gilt es noch mit einer „Meinung“ über die drei novellenhaft geradlinigen Erzählungen Viktorija Kocmans aufzuwarten, aus denen der Band Reigentänze besteht; ein problematisches Unterfangen: Sich Texten, die von unbedarfteren Zeitgenossen in die bequem handhabbare Kategorie „Flüchtlingsliteratur“ getan werden, anders zu näheren als mit mitleidigen Schlagworten („beachtliche Reife... lesen


der ganze sirup, saft, sog

Eine Anthologie schöpft aus dem Halbvollen der neueren österreichischen Wortartistik

Petra Nachbaur und Sigurd Paul Scheichl (Hg.): Sprachkurs: Beispiele neuerer österreichischer Wortartistik 1978 – 2000.

Es gibt eine experimentelle Poesie nach Jandl und Artmann. Sigurd Paul Scheichl, Professor für österreichische Literaturgeschichte an der Universität Innsbruck, und Petra Nachbaur, die selbst als Autorin experimenteller Gedichte auftritt, haben ein spannendes Buch herausgegeben, das Anlass und Ausgangspunkt für Diskussionen über diese Art von Literatur sein kann. Der Bogen der Texte setzt mit... lesen


disparat zum quadrat

Wolfgang Helmharts Wiederbelebung eines mittelalterlichen Dämonen

Wolfgang Helmhart: Zwizwa. Reproduktion als Konfusion zwischen Wahrnehmung und Kommunikation

Die Frau liegt mit Diagnose Krebs im Spital, die Kinder sind bei Oma und Opa verstaut, und im leeren Leben des Ich-Erzählers in Wolfgang Helmharts Prosatext Zwizwa hat sich ein ehemaliger Arbeitskollege namens Schalko zu Besuch angekündigt. Schalko, so stellt sich bald heraus, ist noch um einige Grade ärger drauf als der auch schon leicht desorientierte Ich-Erzähler. Denn Schalko kommt in die oberösterre... lesen




Rezensionen der Ausgabe 07 - heftig

zwei mal klischees übertrumpft

Aarachnes Dorf- und Verwandtenhasser

Ernst Petz (hg.): Das große Dorfhasserbuch - Das große Verwandtenhasserbuch

Das Dorf zu hassen ist in der heimischen Literatur ein reichlich gebrauchter und folglich verbrauchter Topos. Als Reaktion auf den Selbstmord von Franz Innerhofer wurde dies vom heimischen Feuilleton ein weiteres Mal festgestellt. So sehr die sogenannte Anti-Heimatliteratur ein österreichisches Schreiben geprägt hat, so sehr hat sie sich ausgeschrieben. Die großen Wörter über die (un)schönen Tage am Land sind Literatur von gestern... lesen


das zurückgeflossene dorf

Eine ethnologische Monografie des Rabiatsteires

Franzobel: Austrian Psycho oder Der Rabiat Hödlmoser. Ein Trashroman in memoriam Franz Fuchs

„Wenn das Hödlmoser-Buch von Reinhard P. Gruber das Alte Testament der Steirer ist, dann habe ich es gewagt, sozusagen das Neue Testament zu schreiben“, sagt Franzobel über Austrian Psycho. Sein Rabiat Hödlmoser ist ein Schelmenroman und eine ironische ethnologische Monographie. Das Forschungsobjekt sind die Steirer, die emische Annäherung geschieht am Beispiel des aus R. P. Grubers Buch Aus dem Leben Hödlmosers nach Mürzzusch... lesen


eine bruchstelle, gekittet?

An Peter Truschners Prosadebut wird eine Frage geknüpft

Peter Truschner: Schlangenkind

Wie weit kann das Bedürfnis, den „banalen“ Entwürfen des Alltags eine eigene, ästhetisierende Variante entgegenzuhalten, eigentlich gehen, ohne dabei Fragen aufzuwerfen? Mit "Schlangenkind" legt der in Klagenfurt geborene, mittlerweile in Berlin lebende Mittdreißiger Peter Truschner sein Romandebüt vor. Ein Debüt, dass sich wie eine autobiographische Annäherung an die Kindheit des Autors, insbesondere an die zentralen Fig... lesen


täter, taten, tote und motive

Über Lisa Lerchers klassischen Kriminalroman

Lisa Lercher: Der letzte Akt

Antonia ist eine Frau mit vielen Gesichtern. Vielmehr: war. Erfolgreiche Schauspielerin, rücksichtslose Egoistin, schwaches Weiblein, mit dem Hang, sich immer wieder die falschen Männer auszusuchen, chaotische Existenz hinter der Fassade einer Powerfrau, himmelhoch jauchzend, zu Tode betrübt und zu Tode kommt sie nun auch wirklich. Von Alkohol und Drogen betäubt, ertrunken in ihrer Badewanne. Fremdeinwirkung ist nicht auszuschließe... lesen


das meer nach hause tragen

oder Wie man aus einem Wohnzimmer ein Aquarium macht

Christian Stuhlpfarrer: fisch. ein Bericht.

Warum setzt ein Mensch seine Wohnung unter Wasser? Und flüchtet dann ausgerechnet nach Albanien? Ein gewisser Herr Ludwig Adalbert Unselig (nomen est omen?) soll tatsächlich auf diesen abstrusen Gedanken verfallen sein, um dann schließlich - nicht ganz spurlos - aus Wien zu verschwinden. Und in Albanien um Asyl anzusuchen, und schließlich, verunsichert von der Rat- und Verständnislosigkeit der dortigen Beamten, einfach unterzutauch... lesen


durch den tag fährt mein langes gehirn

Matthias Göritz hat den Puls der Großstadt in den Adern

Matthias Göritz: Loops. Gedichte.

Matthias Göritz, in Hamburg lebender Philosoph, Literaturwissenschafter und Übersetzer, hat bisher in Zeitschriften und Anthologien veröffentlicht und, so darf vermutet werden, über die manuskripte seinen Weg zum Literaturverlag Droschl gefunden. Längere Aufenthalte in Moskau, Paris und Chicago liefern den großstädtischen Hintergrund seiner Gedichte. Tag und Nacht, Schweiß und Regen, Straßen, Busse und Stiegenhäuser – in imm... lesen


molden und die publikumserwartung

med ana schwoazzblauen dintn: Qualtingereskes aus verschiedensten Quellen (1)

Ernst Molden: Doktor Paranoiski

Ernst Moldens neuer Roman Doktor Paranoiski: Ein hanebüchener Plot, pseudokafkaesk vorgetragen. Offensichtlich mit der Marktanalyse seines letzten Werkes (Austreiben) im Kopf geschrieben. Trotzdem ein wahrhaftig geiles Buch. Warum, weiß ich auch nicht so genau. Das eine Problem mit diesem Buch ist, dass es trotz allem was kann. Das andere Problem resultiert daraus, dass es sich um einen „Spannungsroman“ im weitesten Sinne ha... lesen


JaNatz & erzählende Prosa

med ana schwoazzblauen dintn: Qualtingereskes aus verschiedensten Quellen (2)

Ilse Kilic & Fritz Widhalm: Neue Nachrichten vom gemeinsamen Herd. Des Verwicklungsromans zweiter Teil

Dass es da so ein autobiographisches Dings von Ilse Kilic und Fritz Widhalm gibt, ist ja wahrhaft keine Neuigkeit. Dass dieses Dings sich einen Verwicklungsroman nennt, vielleicht auch noch nicht. Dass aber der Verwicklungsroman mittlerweile einen zweiten Teil hat, "Neue Nachrichten vom gemeinsamen Herd", und in dieser seiner Zweiteiligkeit geilgeilgeil ist, möglicherweise schon. Die Jana und der Natz, die alter Egos der beiden G... lesen


zur kenntlichkeit entstellt

postmoderne für den endverbraucher (1)

Margret Kreidl: Grinshorn und Wespenmaler. 34 Heimatdramen.

Beginnen wir mit dem einfachsten im Sinne einer einfachen Rezensierbarkeit: Grinshorn und Wespenmaler, eine Sammlung mit Lesedramoletten von Margret Kreidl. Es handelt sich um ca. dreißig Kürzestvariationen desselben Themas, nämlich die Vielfalt der Beziehungen zwischen dem völkischen und dem kapitalistischen Flügel der FPÖ, bis zur Kenntlichkeit entstellt und exemplifiziert an den nur leicht verfremdeten Bannerträgern des jeweil... lesen


konnotationskirchen

postmoderne für den endverbraucher (2)

Monika Köcher: engeltexte

Unentwirrbar barocke Geräumlichkeiten – oder so – sind es, die Monika Köcher für ihren Lyrikband engeltexte geplündert hat, wie das Verb dafür wohl vorwurfsvoll lauten müsste, käme es aus dem Mund eines dieser „dekonstruktivistischen“ Raoulschrottunddergleichen-Verächter. Das einzige, was man dem Band vorwerfen könnte, ist das Fehlen einer dezidierten Einordnung der einzelnen Texte in eine wie immer geartete Linearität... lesen


petra ganglbauers textgarten

postmoderne für den endverbraucher (3)

Petra Ganglbauer: Schräger Garten Texte

Dann hätten wir da Schräger Garten Texte von Petra Ganglbauer. Man könnte ihr anhand dieses Buches eine gewisse Nähe zum Zen-Buddhismus bescheinigen, aber nur dann, wenn man ohne Schubladen überhaupt nicht auskommt bzw. zu denen gehört, die sich vor den Kopf gestoßen fühlen, wenn ein Text sich auf Schilderung eines Moments von Wahrnehmung beschränkt, ohne gleich mit augenzwinkernden Einordnungen ins ‘große Ganze’ der Welt... lesen


ich und ich entwachsen dem kinderland (1)

Zwei sehr verschiedene Erzähler nähern sich bei Residenz ihrer Jugend und dem Älterwerden an. Ein fast zufälliger Vergleich

Gerhard Amanshauser: Als Barbar im Prater. Autobiographie einer Jugend.

Gerhard Amanshauser hat sich selbst seine Biographie geschrieben. Was an sich nichts Ungewöhnliches wäre. Doch unterscheidet sich Amanshausers Autobiographie deutlich von einem autobiographischen Roman, der in diesem Fall - ein alternder Autor rollt seine Jugend auf - zu erwarten gewesen wäre. Hier hält der Leser tatsächlich eine ?Biographie? in Händen. Ein Buch das sich ganz an dem orientiert, was entsteht, wenn das Leben eines i... lesen


ich und ich entwachsen dem kinderland (2)

Zwei sehr verschiedene Erzähler nähern sich bei Residenz ihrer Jugend und dem Älterwerden an. Ein fast zufälliger Vergleich

Andreas Mand: Vaterkind. Roman.

Das Kunststück, schöne Literatur im besten Sinne zu schaffen, ist dem 1959 in Duisburg geborenen Andreas Mand, der ebenfalls bei Residenz einen neuen Roman vorlegt, nicht oder nicht mit dieser Leichtigkeit geglückt. Mand, dessen Text zahlreiche Qualitäten, die jedem Lektor angenehm ins Auge springen müssen, bereits im Plot vereint, hat den autobiographischen Ton an vielen Stellen mit einem Tonfall von Betroffenheit verwechselt, der... lesen


über den sprachkamm

postmoderne für den endverbraucher (4)

Günther Kaip: Vademekum für Körper. Eine Bestandsaufnahme.

Schließlich bleibt noch "Vademekum für Körper". Eine Bestandsaufnahme von Günther Kaip, und ich sag’s, wie’s ist: Ich werde nicht recht schlau daraus. Der Tonfall ist ähnlich wie bei Ganglbauer, vielleicht weniger weit entfernt von Alltagssprache, aber im Gegensatz zu ihren stringenten Texten zerbröseln die Gebilde Kaips unter der Last des Anspruchs, nicht für sich, sondern als Teil eines Zyklus dazustehen. Die Gedichte sin... lesen




Rezensionen der Ausgabe 06 - echt?

ich bin in luxor gestrandet

Bettina Balàkas lyrische Kopfreisen bieten Luxus und Abenteuer

Bettina Balàka: Im Packeis. Gedichte

Bettina Balàka, 1966 in Salzburg geboren, lebt als freie Schriftstellerin in Wien und kann nicht über mangelnden Erfolg klagen. Sie hat schon so ziemlich alles eingeheimst, was sich hierzulande an Auszeichnungen anbietet, ausgenommen jene Seniorenpreise, die ihr aus rein biologischen Gründen bisher verwehrt blieben. So erhielt sie unter anderem den Rauriser Förderungspreis, den Alfred Gesswein-Preis für Lyrik, den Meta Merz-Pre... lesen


fast wie papier, nur ungeduldiger

Der Chat-Roman von Marie Kaps belegt: Die Probleme online waren schon immer die Probleme offline

Marie Kaps: SOLO SUCHT MOON. Ein Chat-Roman

KORN schreit: gibt’s do a FETISH WEIBA :-) (Mon 8:36pm) Das Kleine Arschloch: Er schreibt mia ja imma so an Scheiß - mit Mausi und so’n Fuck :-) (Mon 8:36pm)… Der erste Besuch ist meist kurz - zehn Minuten reichen, um geschockt den Raum zu verlassen, die Tür hinter sich zuzuknallen und spontan die Menschen zu verabscheuen. Mit der Tür schlägt bei vielen Menschen die Neugier zu - und irgendwann findet man sich im Chatro... lesen


sie äsen friedlich datengras

Ein Western-Roman im Cyberspace: Matthias Schamp schickt Brainboys über schillernde Platinen

Matthias Schamp: Hirntreiben.EEG. Ein Western-Roman

Irgendwann am St. Nimmerleinstag, die Menschheit hat schon lange aufgehört zu existieren, stößt Big Daddy Computer, Vater aller Dinge, bei einer Innenrevision in einem seiner entlegeneren Gefilde auf die Datei HIRNTREIBEN.EEG, öffnet sie, liest sie - und beschließt, darüber den Verstand zu verlieren. Das ist die absolut letzte kontrollierte Handlung, zu der er fähig ist. In einer postapokalyptischen virtuellen Gesellschaft... lesen


heimat arscht ihn an

Der Innsbrucker Autor Helmuth Schönauer scheißt genussvoll auf Tirol

Helmuth Schönauer: Das Tiroler Heimatbuch. Aufschnitt/Roman

„Heimatkundler sind die perfekten Fakeforscher. Auf nach Fakestan!“ ruft Helmuth Schönauer, Tiroler des Jahrgangs 1953, Autor, Bibliothekar und „Literatur-Winnetou“ (Eigendefinition), am Ende seines bislang jüngsten Buches, Das Tiroler Heimatbuch, aus. Aber warum ist Heimat ein Fake, und wieso ist das Stoff für ein Buch? Und überhaupt: Wie kommt jemand darauf, ein Heimatbuch zu schreiben? - Dazu schreibt der Autor in ein... lesen


präsidentin vera

Martin Amanshauser hat in die Zukunft geblickt. Herausgekommen ist ein amüsanter Krimi

Martin Amanshauser: Nil. Roman

Wien, Anfang Juli 2010. Es ist ein schrecklich heißer Sommer. Das Wetter als Folterinstrument macht offensichtlich literarische Karriere in der österreichischen Krimiwelt. Bei Wolf Haas ist es der Föhn, der dem Kommissar Brenner das Leben vergällt, bei Ernst Molden streichen blutrünstige Vampire im Miniaturformat über die Donauauen, wo die Luft in der Hitze flimmert, während das Donauweiblein aus dem kühlen Nass steigt, um d... lesen


zwischen magda und lena

Das Leben einer ganz normalen Frau kann spannender als jedes Kriegsdrama sein. Oder ist es ein Kriegsdrama?

Marlen Schachinger: morgen, vielleicht

Der Punkt, an dem Marlen Schachingers Debütroman morgen, vielleicht einsetzt, ist im wahrsten Sinne des Wortes ein Zerreißpunkt im Leben der Protagonistin. „Magdalena betritt die Damentoilette des Bezirksgerichts“, lautet der erste Satz. Dort, vor dem Spiegel, wenige Minuten vor einer Gerichtsverhandlung, muss sie eine lebenswichtige Entscheidung treffen. Soll sie das Sorgerecht für ihre beiden Kinder ihrem geschiedenen Mann... lesen


authentizität in größe medium

Ernst Wünsch stellt sich als bemerkenswerter Erzähler vor

Ernst Wünsch: Wo lassen schreiben

Die Literaturkritik ist ziemlich anfällig für das Authentische. Kaum gibt ein Autor Wirtshausgespräche wieder, schon wird seinem Werk bescheinigt, es atme das echte Leben. Gerne wird auch der "große deutsche/europäische/amerikanische Roman" eingefordert, in dem sich beispielhaft abbilden soll, wie das echte Leben wirklich ist. Eine Nummer kleiner – und so der Durchschnittsexistenz angemessener – gibt es der Wiener Hörspielautor... lesen


reality für anfänger

„Die Kunst der Flucht: True Stories“ ist wohl ein notwendiges Buch. Über den rein literarischen Wert lässt sich streiten

Hg. von Megaphon/Diözese Graz-Seckau: Die Kunst der Flucht: True Stories

Die Texte der Sammlung von mehr oder weniger literarisch durchformten Flüchtlingsschicksalen, Ergebnis eines Wettbewerbes, weswegen - Zitat Klappentext - „professionelle SchreiberInnen […] in einer Reihe mit literarischen AmateurInnen“ aus aller Herren Länder stehen, wurden wohl in der Mehrzahl zum Zwecke der Selbsttherapie geschrieben, wurden gesammelt und veröffentlicht, um für Verständnis zu werben und Selbstbewusstsei... lesen


nerv getroffen

Rosemarie Poiarkov debütiert als berauschende Erzählerin

Rosemarie Poiarkov: Eine CD lang. Liebesgeschichten

Die Texte von Rosemarie Poiarkovs erstem Erzählband Eine CD lang werden im Untertitel als Liebesgeschichten ausgewiesen, und schon denkt man an Rosamunde Pilcher. Aber weit gefehlt, die Autorin, Jahrgang 1974, liefert Stories für die H&M-Generation, die das ganze Beziehungsschlamassel der (Unter-)30-jährigen, ihre Sehnsüchte und Unfähigkeiten, auf den Punkt bringen, ohne in die Lifestyle-Ecke abzudriften. Poiarkov erzählt... lesen


innovationszwang und retro-moden

Über Altersrelevanz und Innovationsfuror

Konrad Paul Liessmann (Hg.): Die Furie des Verschwindens. Über das Schicksal des Alten im Zeitalter des Neuen

2000 fand zum dritten Mal das Philosophicum Lech, wissenschaftlich betreut von Konrad Paul Liessmann, statt, das sich unter dem von Hegel geliehenen Titel "Die Furie des Verschwindens" zum Ziel setzte, dem Schicksal des Alten im Zeitalter des Neuen nachzuspüren. Nunmehr liegen die Beiträge des Symposions vor und angesichts des Themas nimmt es nicht weiter Wunder, dass die Vortragenden und Diskutanten sich neben der Diskussion im Rahme... lesen




Rezensionen der Ausgabe 05 - warten, bitte

der holzmotorsägenbauer

Ausschweifungen über Reinhard K. Saurers Prosadebüt

Reinhard K. Saurers: Der Holzmotorsägenbauer. Eine Dorfgeschichte.

Seitdem ist einiges an Zeit vergangen. Damals, bei einem Konzert* der amerikanischen Band Souled Americans in Wien, die für eine sehr langsame Musik jenseits allen Schielens auf beats-per-minute steht, waren Teile des Publikums scheinbar unvorbereitet auf diese dem Hauptact vorgelagerte Vorband. In Erwartung testosteronabbaubefördernder Rockekstase war der mehr schlurfende denn peitschende Rhythmus der Souled Americans einem werten Ga... lesen


können wir schnell langsamer werden?

Lothar Baier versucht sich an der Beschreibung von Beschleunigung

Lothar Baier: Keine Zeit. 18 Versuche über die Beschleunigung.

Seitdem ist einiges an Zeit vergangen. Damals, bei einem Konzert* der amerikanischen Band Souled Americans in Wien, die für eine sehr langsame Musik jenseits allen Schielens auf beats-per-minute steht, waren Teile des Publikums scheinbar unvorbereitet auf diese dem Hauptact vorgelagerte Vorband. In Erwartung testosteronabbaubefördernder Rockekstase war der mehr schlurfende denn peitschende Rhythmus der Souled Americans einem werten Ga... lesen


für eine geschmackssichere kritik

Schreibkraft Franz Schuh legt meisterliche Essays zur Literaturkritik vor

Franz Schuh: Schreibkräfte. Über Literatur, Glück und Unglück.

Ja, das Leben ist kurz, und die Bücher sind lang, auch das hier vorliegende ist kein kurzes. Die Idee oder besser das pragmatische Ideal bei der Beurteilung von Büchern zielt auf die Schonung der Lebenszeit von Menschen ab. Soll man dies lesen oder etwas anderes? – eine schwere Frage angesichts der Tatsache, daß eines Tages das Leben eines jeden Menschen um ist. - Franz Schuh kann die Dinge auf den Punkt bringen. Der Wiener Ex-Lekt... lesen


die 90er als wille und vorstellung

Lässt sich die literarische Situation der 90er Jahre auf einen Nenner bringen?

Thomas Kraft (Hg.) : aufgerissen. Zur Literatur der 90er

Seit das Jahrtausend gewendet ist und das letzte Dezennium vorbei, hat es einen ganzen Rattenschwanz an Versuchen gegeben, den 90er Jahren klärend beizukommen – diesem „knallharten Jahrzehnt“, wie William Burroughs schon 1991 wusste. Da hat man uns zunächst mit Wickie, Slime und Paiper in die Untiefen unserer Marken-markierten Vorgeschichte zurückgebeamt, und dann kamen Leute wie Florian Illies und lancierten Begriffe wie Gener... lesen


rückkopplungsrezension

Des Pop-Besessenen Christian Gassers gesammelte Bekenntnisse

Christian Gasser: Mein erster Sanyo. Bekenntnisse eines Pop-Besessenen

An sich heißt es ja vorsichtig sein, wenn jemand sein Laster zur Leidenschaft macht und dieses dann auch noch unverhüllt samt aller Subjektzentriertheit in die öffentliche Auslage stellt. Also war auch beim Zugreifen auf Christian Gassers gesammelte Bekenntnisse eines Pop-Besessenen, die im eigentlichen Titel Mein erster Sanyo heißen (dazu später mehr), der erste durch Neugierde evozierte Reflex verzahnt mit Vorsicht und der Befür... lesen


urlaub im land der literatur

Christian Futschers perfekt unperfekter Urlaubsroman

Christian Futscher: Nidri. Urlaub total

Die Frage ist: Wann kommen die nächsten Sommerferien? Wer Christian Futschers Urlaub Total-Buch adäquat genießen will, muss wahrscheinlich noch ein Weilchen warten. Rechtzeitig zur Hitzezeit auf den Markt geworfen, hat es jedoch sicher schon dem einen oder anderen den letzten Sommer versüßt. Mir zum Beispiel. Wenn auch nur kurz. Ca. 100 sehr kleine Seiten lang. Die Story: Ein Schriftsteller macht Badeurlaub und schreibt mit. Zu Hau... lesen


arbeit im land der literatur

Harald Gsallers rhetorische Wiese

Harald Gsaller: Wiese. Einfälle und Ausfunde

Harald Gsallers Wiese ist in gewisser Weise ein unfertiger Text. Ein eigenwilliges literarisches Arbeitsbuch, könnten wir sagen, das erst durch seine Anwendung zur Vollendung gelangt. Bücher zu schreiben, Bücher zu lesen, kann eben auch Arbeit sein. So viel Binsenweisheit voran. Wie auch Futscher, bringt uns Gsaller durch seine kauzig angelegte Poetik-Warte dazu, den literarischen Produktionsvorgang wieder verstärkt ins Auge zu fass... lesen


die grenzen sind vermessen (1)

Zwei Autorinnen ver(b)raten ihre Kindheit

Monika Wogrolly: Die Menschenfresserin. Roman

I. Wie aus einem rosa Engelchen im miesen Graz, insgeheim längst eine Teufelsbraut, eine in Texas zum Tode verurteilte Menschenfresserin wird, die noch dazu behauptet, es könnte „kein besseres Ende für die Geschichte“ geben – dies versucht uns Monika Wogrolly in ihrem neuen Roman auf klassisch psychologisierendem, oft aber holprigem Wege vorzuführen. Es ist vordergründig die Geschichte einer klar definierten Opfer-Täter-Ko... lesen


die grenzen sind vermessen (2)

Zwei Autorinnen ver(b)raten ihre Kindheit

Corinna Soria: Leben zwischen den Seiten. Erzählung

I. Corinna Sorias Debüt saugt den Leser gleichsam in eine Kindheit am Rande des Schlimmstmöglichen. Nach einer kurzen Spanne gemeinsamen Weges hat der Vater einen Abgang gemacht. Schubweise gleitet die Mutter in eine Welt der diffusen Ängste und konkreten Bedrohungen. Wahnvorstellungen über geheime Verfolger, Panikattacken und Zuflucht zu konspirativen Stimmen treiben sie in die Isolation. Ihre Tochter zieht sie mit in das Reich... lesen


eine nasenlänge hinter ovid

"Achterbahn" und andere Vergnügungstexte

Bernd Schmidt: Achterbahn. Erzählungen

Berndt Schmidts Erzählungen. Vom Autor illustriert. Ein Grazer Kulturmatador hat in die Tasten gegriffen. Hat seine Schreibmaschine angekurbelt und seinen Bleistift gespitzt. Was er im Übrigen täglich tut. Als leitender Kulturredakteur der Steirerkrone. Schon ein gutes Dutzend Jahre lang. Es ist an sich nicht einfach, über so ein Buch zu schreiben. Nicht einfach, den Autor zu kritisieren, ohne an den Kritiker zu denken, ohne die Kro... lesen


alte häuser bewohnbar machen

Subitel der Rezension

Walter Grond: Old Danube House. Roman

In Old Danube House wendet sich Walter Grond einer schriftstellerischen Praxis zu, die wohl schon im groß angelegten Odysee-Nachdichtungsprojekt Absolut Homer angelegt war: dem Erzählen schlechthin. Gronds frühe spiegelverkehrte Erzählstrategie oder das „in Graz“ populäre Spielen mit den Errungenschaften aufgebrochenen Erzählverhaltens weichen in seinem neuen Roman einer gleichsam traditionell zu nennenden Form. Angesicht... lesen


doppeldeutiger doppelroman

Nur die Pataphysik unternimmt nichts, um die Welt zu retten

Klaus Ferentschik: Schwelle und Schwall. Ein Doppelroman

Klaus Ferentschik haucht einer aus Frankreich stammenden literarischen Tradition neues Leben ein: dem Spieltext. 1960 wurde in Paris vom Collegium der Pataphysik die „Ouvrage de Littérature Potentielle“, die Werkstatt für potenzielle Literatur, kurz Oulipo, ins Leben gerufen. Ziel von Autoren wie Raymond Queneau war es, die Fesseln der Ratio auszuhebeln. Eines der berühmtesten Oulipo-Werke ist der Roman von George Perec, in dem k... lesen


steinböcke am himmel

Ein paar Worte darüber, dass mensch recht wenig sagen kann über „Reisen unter den Augenlidern“

Ulrike Draesner: Reisen unter den Augenlidern

Ulrike Draesner hat ihre „Gender studies“ gelesen, und sie ist nicht bei ihnen stehen geblieben. Dies vorweg, denn es geht in den zehn Texten der Reisen unter den Augenlidern dermaßen fundamental um (Geschlechter-)Rollenbilder, dass mensch ihnen das nicht mehr anmerkt. Wenn mensch sich nicht vorsieht, packt einen der Satzfetzenwiederholungsstrudel, verunklärt einem das kleine bisschen, das man bereits über Draesners Figuren zu wi... lesen


das hohelied der morbiden stadt

Lilian Faschinger hat einen üppigen Wien-Roman geschrieben

Lilian Faschinger: Wiener Passion.

Das kunstvolle Geflecht von Lilian Faschinger jüngstem Roman Wiener Passion setzt sich aus den Lebensgeschichten dreier Menschen zusammen. Das Tagebuch der Anfang des 20. Jahrhunderts wegen Gattenmordes zum Tode verurteilten Rosa Havelka und die inneren Monologe des hypochondrischen Musiklehrers Josef Horvath und der Schauspielerin Magnolia Brown, die nach Wien kommt, um Gesangsstunden zu nehmen, sind subtil und über lange Strecken ve... lesen


frau hermi und herr jirschi

Beppo Beyerls diagnostische Tagebucherzählung über die Wiener Krankheit

Beppo Beyerl: Die Wiener Krankheit

In jedem Wiener Gemeindebau gibt es mindestens eine alte versoffene Schachtel, die Selbstgespräche vor sich her schiebt wie der Mistkäfer seinen Mist. Solche Frauen hausen passender Weise meist in einem Müllhaufen und riechen leicht angefault, schon lange bevor sie gestorben sind. Und wenn sie dann gestorben sind, bleiben sie Monate lang in ihren Wohnungen liegen. Und weil sich niemand wundert, wenn es von der Wohnung durch alle sieb... lesen


praline in versform

Martin Amanshauser buhlt um das lüstern-belustigte Grinsen seiner Leser

Martin Amanshauser: in der todesstunde von alfons alfred schmidt. eine heurigenoper gedichte & eine taschenbahn.

Allerlei Männlein und Weiblein bevölkern Martin Amanshausers Bändchen mit Versen, das eine Heurigenoper, etliche Gedichte und ein in Riesenlettern gesetztes, zwanzig Restseiten wirksam füllendes Nonsensgedicht versammelt. Sie dümpeln in den diversen (meist erotischen) Untiefen ihrer Briefträger-, Chirurgen-, Kommerzialrats-, Admirals- oder Premierministerexistenzen. Da begegnet uns zunächst in alkoholgesättigter Heurigenatmosph... lesen




Rezensionen der Ausgabe 04 - widerlich

spülen sie mit

Pissen zwischen Wien und Paris

Peter Payer: Das Notwendige und das Nützliche. Eine Kulturgeschichte der öffentlichen Bedürfnisanstalten von Wien

„Scheißen und brunzen ist kunsten“, hat H. C. Artmann dereinst verlautbart. Manch zeitgenössischer Politiker, dessen in der analen Phase erlittenen Defekte und Dysfunktionen in diesem Zusammenhang zu analysieren interessant wären, hat von dieser Schule wohl noch nie gehört und muss sich deswegen permanent über Leute wie Cornelius Kolig beschweren. Jedenfalls hier etwas über zwei Texte, die den gesellschaftlichen Umgang mit dem heik... lesen


wirklich schad um das ejakulat

Spritziges über zwei Bücher der Edition Exil

Petra Lehmkuhl, Nikolaus Scheibner, Philip Scheiner: intakte mütter

Jetzt schreiben sie alle einen ziemlich flotten Stil, knallhart, anbetungswürdig banal, mit ein paar eingestreuten surrealistischen Tatsachen, ein paar Kleinigkeiten in Lebensgröße und, ohne viel Worte jede Menge Übertreibungen. Wolf Wondratschek, Männer und Frauen Im Hinblick auf das zu rezensierende Buch bleibt dem wenig hinzuzufügen. Ich tue es trotzdem. Warum, siehe ganz unten. Intakte Mütter, so der ange... lesen


sätze. schreiben. dichter

Über die Gegensätze von Eberhart Häfner & Ulrich Schlotmann, Petra Ganglbauer & Waltraud Seidlhofer, Eve Wood & Judith Fischer

Dieter Sperl, Paul Pechmann (Hg.): edition gegensätze 9-11

edition gegensätze betreibt Partnervermittlung. Gegensätze ziehen sich an, heißt es, und so werden gegensätzliche und weniger gegensätzliche Sätze nebeneinander gesetzt, gedruckt und ausgespuckt. Ästhetisch steht all das ganz bewusst im Gegensatz zum literarischen Mainstream. Suhe "... statt Hagebutten hätte ich rote Edelnutten aufs Brot geschmiert, nicht mancherorts Dornen, sondern Tatzen gefleckter Katzen, die meine Haut... lesen


weiteratmen! trotz allem

Bettina Balàka schnappt mal wieder Luft

Bettina Balàka: Der langangehaltene Atem. Roman

„The trick is to keep breathing“, empfehlen die Briten lakonisch, wenn jemand an einem Schicksalsschlag laboriert. Ein Tip, dem die Protagonistin in Bettina Balàkas neuem Roman, Der langangehaltene Atem, nur schwer nachkommen kann. „Ich rauche zuviel. Ich atme zuwenig.“ Atemlos versucht sie ihr Leben in den Griff zu kriegen. Nur langsam kommt man drauf, was ihr eigentlich den Atem nimmt. Vordergründig ist der Anlass, dass sie... lesen


schäfchenzählen

Kürzestbetrachtung zu Oswald Eggers ausufernder Lyrik

Oswald Egger: Herde der Rede. Poem

Herde der Rede. Poem heißt das neue Buch von Oswald Egger in der edition suhrkamp (die eine Hälfte davon zumindest, die andere, Der Rede Dreh. Poemanderm Schlaf, ist in der Edition Hohweg erschienen), und der Titel entspringt dem Inhalt direkter als erwartet. Der Schäfer heißt Poemander. Den Schäferhund hat er sich bei Proust oder Joyce ausgeborgt und lässt ihn vornewegtraben: "Jede Nacht, wenn ich Einschlaf suche (und mein Herz wacht... lesen


menschliches, allzumenschliches

Bernhard Setzwein zeigt, wie aus Meteorotropismus und Magenweh Philosophie entsteht

Bernhard Setzwein: Nicht kalt genug. Roman

„Mit der Frage der Ernährung ist nächstverwandt die Frage nach Ort und Klima. Es stehet Niemandem frei, überall zu leben - und wer große Aufgaben zu lösen hat, die seine ganze Kraft herausfordern, hat hier sogar eine sehr enge Wahl.“ Sieben Sommer über fährt der Professor also in den Engadin, wo er in Sils Maria ganz nah dem Dach der Erde sein hochstrebendes Denken großen Aufgaben entgegenträgt, denn „das Genie ist beding... lesen


ein seltsames paar

Sibylle Schleicher: Das schneeverbrannte Dorf. Roman.

Seit Jahrzehnten ist „das Dorf“ einer der wichtigsten Schauplätze der österreichischen Literatur, in allen Facetten wurde dieses scheinbar so bemerkenswerte Sozialgefüge bislang vorgeführt: als Inbegriff des Ewiggestrigen, als Unort schlechthin, als dunkle Seite des Mondes, auf welchem „die Dörfler“ ja bekanntlich leben, kurz: Das Dorf wurde den Lesenden ganz schön vermiest. Ein Resultat dieser inflationären Dorfbesessenh... lesen


ein kopfstand im luftleeren raum

Beiläufige Notizen zu Robert Riedls „Zum Abschied vom Vater“

Robert Riedl: Zum Abschied vom Vater. Die gefälschten Tagebücher des Robert Zivkovic

1. Robert Riedls Prosadebüt Zum Abschied vom Vater wird all jenen, welche Sprachfixiertheit als das wesentliche Merkmal der österreichischen Gegenwartsliteratur ansehen, einen neuen Beweis für die Richtigkeit ihrer Annahme liefern. Riedls Buch nämlich ist nichts als ein einziger 170 Seiten langer Wortrausch, in den sich der Autor mit allen Mitteln seiner Kunst versetzt, ist in vielen Passagen ein großes Metapherngefecht, aus wel... lesen


vom sprachsteirer

Steirer bellen, sagt der Restösterreicher. Dass das Steirische auch anderes zu bieten hat, ist auf der CD von Anna Nöst zu hören

Anna Nöst: mama, kimm he, mama.

Wer kennt es nicht, jenes Sprachspiel, dessen einziger Zweck darin besteht, ein Wort so lange zu wiederholen, bis es jeglichen Sinn im Kopf des Sprechers verloren hat und nur noch als reiner Klang übrigbleibt. Wassily Kandinsky brachte dies auf den Punkt, als er schrieb: „Das Wort ist innerer Klang.“ Anna Nösts innerer Klang scheint ein zutiefst steirischer zu sein, zumindest ist das Steirische, so wie es gerüchteweise heute noch... lesen


i will drive slowly

All that Jazz, aber bitte straff organisiert. Herbert J. Wimmers „auto stop. tempo texte.“

Herbert J. Wimmer: auto stop. tempo texte

Wenn der Augenblick so ruhig wird, dass man endlich die Stille findet, die man immer gerne hätte, dann kommt mitten in die Gegenwart des öfteren die Vergangenheit geplatzt und flätzt sich in ihr, manches Mal genüsslich und in einem natürlichen Hoch, mitunter in einer manierlichen Melancholie, ab und wann aber auch als Kolbenhub einer auszuwachsenden Depression. So geht's einem. Ab und wann auch anders. Auch der Text auto stop... lesen


realitätsdurchtränkt. eine schöne abwechslung

Eine Assoziation zu Lisa Spalts „leichte reisen von einem ende der erde“, inklusive einer Kindheitsreminiszenz

lisa spalt: leichte reisen von einem ende der erde

Zwei Rezensenten wohnen ach in meiner Brust. Sagt der eine: „Scheiße!, das tu ich mir nicht an“, dann sagt der andere: „Da muss was sein, was sich enthüllt bzw. enthüllen lässt.“ Die ansozialisierte Rezeptionsvorliebe: Geschichte Geschichte Geschichte kann auch nicht alles sein, andererseits: Wieso lese ich dann nicht gleich Abhandlungen philosophischer Machart? Gibt es einen ästhetischen Mehrwert hinter all den Konstruktio... lesen


der arme zettel, das kühle werk

Über Lucas Cejpeks Zettelwerkprojekt, das flüchtige Hinspritzen von Tintenkartuschen und die Sehnsüchte des heutigen Papiers

Lucas Cejpek (Hg.): Zettelwerk. Gespräche zu einer möglichen Form.

AutorInnen schreiben Bücher, weil sie nichts anderes können. Oder: AutorInnen schreiben Bücher, obwohl sie anderes können und sie dennoch nicht anders können. Keine Ahnung, ob das noch immer zu diskutieren wert ist, ich glaube aber nicht, und wenn, dann bitte ohne mich. Also dann zu etwas ganz anderem: Lucas Cejpek hat als Herausgeber jene Gespräche in einem Sammelband namens Zettelwerk. Gespräche zu einer möglichen Form vor... lesen


die kometen, auf denen ich gehe

Mit Uroš Zupan unterwegs zu den lichten (W)Orten slowenischer Lyrik

Uroš Zupan: Beim Verlassen des Hauses, in dem wir uns liebten. Gedichte. Aus dem Slowenischen von Fabjan Hafner.

Uroš Zupan, das ist neben Drago Jancar, Kajetan Kovic, Maja Vidmar und etlichen anderen ein weiterer Name, dessen Klang dem interessierten Lyrikleser unserer Breiten allmählich vertraut wird. Nahtlos schließt das neue Buch des 1963 geborenen Zupan, der als Autor und Übersetzer in Ljubljana lebt und arbeitet, an eine Reihe von Gedichtbänden und Beiträgen in namhaften Literaturzeitschriften an, die dem deutschsprachigen Leser neuerd... lesen




Rezensionen der Ausgabe 02/03 - wiederkehr

das kann ihr keiner weglesen: das bleibt

Der Lyrikerstling Christoph W. Bauers und die letzten Dinge

Christoph W. Bauer: wege verzweigt. gedichte

So schwierig es auch sein mag, über Qualitäten von Lyrik zu sprechen, Qualität also wort- und dingfest zu machen an den Symptomen des Gedichts, manchmal ist sie einfach da, diese Qualität, und schert sich herzlich wenig darum, ob ein dahergelaufener Leser ihrer habhaft wird oder nicht. So widerfuhr es dem Rezensenten, der nicht nur daherlief, sondern den Gedichten Christoph W. Bauers auch eine Zeitlang in der rasch ge... lesen


ganz normale blicke aus ganz normalen fenstern

Gerhard Amanshauser: Mansardenbuch

Ein Mansardenzimmer in seinen Zuständen vor und nach der längst fällig gewordenen Generalsanierung wird zum Ausgangspunkt der Streifzüge des Denkabenteurers Amanshauser, der als Mann im Hintergrund (so Anton Thuswaldner in den Salzburger Nachrichten über G. A.) doch vielen Literaturinteressierten längst ein Begriff ist. Der gebürtige Salzburger, seit nunmehr viereinhalb Jahrzehnten freiberuflicher Schriftsteller, k... lesen


ich, ich, ich? (1)

Auf unterschiedlichste Weise thematisieren drei österreichische Literaten in ihren aktuellen Büchern die Problematik des Ich

Ilse Kilic: Als ich einmal zwei war. Geschichten vom Kindsein

Ilse Kilic, Hanno Millesi und Helmut Schranz nähern sich der Frage nach Persönlichkeit und Subjektivität aus komplett verschiedenen Richtungen. Ilse Kilics Kindergeschichte Als ich einmal zwei war zielt im Grunde auf einen funktionierenden Ich-Begriff ab. Den stellen Hanno Millesi und Helmut Schranz in ihren Buchdebüts auf unterschiedliche Weise radikal in Frage. Ilse Kilic: Doppeltes Lottchen in Personalunion... lesen


wenn die hausantenne kaputt ist ... (1)

Kino im Kopf kann auch Fernsehen sein, zeigt der Aarachne Verlag - Passwort Auferstehung

Josef K. Uhl. (Hg.): Paßwort Auferstehung. 24 Texte zum Leben danach

Verwöhnte Literatur-Gourmets, heikle Cineasten und all jene, die der Nimbus des Trivialen verschreckt, sollen sich hier nicht angesprochen fühlen. Wenn aber unsereins als herkömmlich entwickelte Seele sich gerade an seinen zwei Fernsehprogrammen sattgesehen hat oder aus unerfindlichen Gründen gänzlichen TV-Verzicht üben muss, so sei vermittels dieser Spalten adäquater Ersatz angepriesen: Unter Paßwort Auferstehung... lesen


alltagsrituale, spektakulär arrangiert

Magdalena Sadlons wunderbares Prosadebut über einen ganz normalen Außenseiter

Magdalena Sadlon: Die wunderbaren Wege. Roman

Jakob Sagmeister ist frühpensionierter Lehrer und freigesprochen. Verführung einer Schülerin wurde ihm dereinst vorgeworfen. Zu Beginn der Vorwürfe wurde er gleich einmal beurlaubt, später dann pensioniert. Das erfährt man so nebenbei, denn es ist keine ganz unmittelbare Lebensgeschichte, die Magdalena Sadlon in ihrem Prosadebut erzählt, sondern die verstreute Gesamtheit an Dingen, Zuständen, Gedanken, Ängsten... lesen


wenn die hausantenne kaputt ist ... (2)

Eine leichte Brise

Alfred Paul Schmidt: Eine leichte Brise. Kriminalroman.

Auf ein Vorabendprogramm folgt für gewöhnlich ein Hauptabendprogramm. Ein flotter Krimi etwa, aus österreichischer Produktion, wie zum Beispiel Eine leichte Brise von Alfred Paul Schmidt - ebenfalls bei Aarachne erschienen. Der Autor ist kein Unbekannter. Im selben Verlag sind von ihm bereits drei Bücher im Programm: ein Polit-Thriller, ein seismographischer Kriminalroman (der allerdings nichts zu tun hat mit Kollerit... lesen


ich, ich, ich? (2)

Hanno Millesi: Lähmung total

Hanno Millesi: Disappearing. Rückzugsvarianten.

Quälende Momente der Lähmung und des Erstarrens beschreibt Hanno Millesi in den Texten des Erzählbandes Disappearing. Rückzugsvarianten. Die zehn motivisch miteinander verknüpften Episoden des Buches umkreisen in einer um Präzision bemühten, eindringlichen und klaren Sprache jenen Moment des Stillstandes, in dem das Nichts in das Leben der Protagonisten eindringt und sich Platz verschafft. Dabei überwiegen in den... lesen


ich, ich, ich? (3)

Helmut Schranz: Aus den Lücken der Wahrnehmung

Helmut Schranz: schöner fehlen. stille exzesse

Gegen die Eindimensionalität herrschender Subjektivitätsbehauptungen setzt Helmut Schranz in seinem Buch schöner fehlen. stille exzesse kritische, komplexeste Poesie. Die 18 Prosatexte des Buches aus der ISBN-Reihe der NN-fabrik werden durch die montierten Gedichte MGV männergesangsverein ergänzt. Etliche der Texte haben mehrere Jahre kontinuierlicher Überschreibung hinter sich und präsentieren sich dementsprechend... lesen


zwischen haut und himmel

Die sinnliche Kosmologie Maja Vidmars überzeugt und irritiert

Maja Vidmar: Leibhaftige Gedichte. Aus dem Slowenischen von Fabjan Hafner

In einer Farbkombination aus Pink, Ziegelrot und Orange sticht der Einband einer Lyrik-Neuerscheinung aus dem Hause Droschl ins Auge. Was sich in derart poppig-dreistem Gewand verbirgt oder präsentiert, sind die Leibhaftigen Gedichte der aus Ljubljana gebürtigen und dort lebenden Lyrikerin Maja Vidmar. Das Buch fasst Auszüge ihrer drei slowenischsprachigen Lyrikbände aus den Jahren 1984 bis 1998 zusammen, ins Deutsche... lesen


in seiten wie diesen (1)

Zu Texten von Karin Schöffauer, Paul Divjak und Fritz Widhalm

Karin Schöffauer: vorübergehend

Denken Sie an Tagebucheintragungen und Innenansichten! Und lesen Sie jetzt trotzdem weiter! Die alte aber stete Frage, wie und ob Literatur Erkenntnisprozesse forcieren, erzeugen oder darstellen kann und der Streit darüber und dazu hier: drei Texte von einer Autorin und zwei Autoren, und allen ist zumindest eine Facette gemeinsam, sie konfrontieren den Leser/die Leserin mit einer Textoberfläche, die ihn/sie aus dem S... lesen


neueinsteiger und wiederkehrer (1)

Neues und nicht mehr ganz Neues von Karl-Heinz Ott, Hugo Ball und Gert Jonke

Karl-Heinz Ott: Ins Offene. Roman

Ein junger Mann erfährt vom unmittelbar bevorstehenden Tod der Mutter und begibt sich auf eine Reise an die Orte der Kindheit. Dass es sich dabei nicht um einen sentimentalen Ausflug eines aufgeklärten Städters in die ländliche Welt der Kinderzeit handelt, wird im Romandebüt Ins Offene des 1957 geborenen Karl-Heinz Ott bereits nach wenigen Seiten deutlich: Die Reise des namenlosen Ich-Erzählers wird zur Reise in die... lesen


in seiten wie diesen (2)

Zu Texten von Karin Schöffauer, Paul Divjak und Fritz Widhalm

Paul Divjak: eisenbirne

Mindestens so angeraten muss zu Paul Divjaks eisenbirne werden. Gleich der Erzählhaltung Karin Schöffauers trägt uns in diesem Fall ein männliches Ich seinen Gedankenfluss vor. Jochen Distelmeyer, Sänger der deutschsprachigen Band Blumfeld, könnte als Verweis für die Divjaksche Diktion herhalten, und diese Ähnlichkeit bezeugt umgekehrt, wider alle landläufige Meinung, dass auch mit der deutschen Sprache Musikalit... lesen


in seiten wie diesen (1)

Zu Texten von Karin Schöffauer, Paul Divjak und Fritz Widhalm

Fritz Widhalm: mr. elk & mr. seal

Nicht gerade leicht macht es einem Fritz Widhalm mit seiner letzten Veröffentlichung, mr. elk & mr. seal. Nach dem Vorgänger :huch, einem fast schon gemeinen Wort-ins-Ohr-Setzer, kommt das Buch in zwei Teilen etwas schwerfällig auf einen zu. mr. seals tagebuch, Teil eins des Gesamttextes, gibt Einblicke in nahezu alle Regionen des menschlichen Daseins, sodass, auch wegen der autobiographischen Namensgebung der Figu... lesen


der teufel ist ein als-ob

(... und der pöbel lernt schreiben)

Michael Köhlmeier: Der traurige Blick in die Weite.

Michael Köhlmeier hat ein neues Buch veröffentlicht. Zu sagen er hätte es geschrieben ist übertrieben, denn es wird nicht hinlänglich klar, wann der Autor selbst am Wort ist, wo er abgeschrieben, wo er „geborgt“ oder gestohlen hat. Mit etwas Mut zur Vereinfachung könnte man diese Unklarheit umgehen, indem man erklärt: der Autor „erzählt“. Das wäre „beruhigend nichtssagend“ und ganz im Köhlmeiersche... lesen


neueinsteiger und wiederkehrer (2)

Neues und nicht mehr ganz Neues von Karl-Heinz Ott, Hugo Ball und Gert Jonke

Hugo Ball: Tenderenda der Phantast. Hrsg. und mit einem Nachwort von Raimund Meyer und Julian Schütt

Bereits in den Jahren 1914 bis1920 entstand Hugo Balls (1886-1927) Text Tenderenda der Phantast. Eine Gattungsbezeichnung ist nicht ganz einfach zu finden, sie wurde in der vorliegenden Neuausgabe des erst 1967 erstmals erschienenen Textes folglich und sinnvollerweise auch weggelassen, denn mit einem Roman im herkömmlichen Sinn - Hugo Ball selbst hatte für den als „work in progress“ entstandenen Text ursprünglich... lesen


neueinsteiger und wiederkehrer (3)

Neues und nicht mehr ganz Neues von Karl-Heinz Ott, Hugo Ball und Gert Jonke

Gert Jonke: Himmelstraße - Erdbrustplatz oder Das System von Wien

Keineswegs neu sind auch die Wiener Geschichten des 1946 in Klagenfurt geborenen Gert Jonke. Himmelstraße - Erdbrustplatz oder Das System von Wien enthält 15 kurze Geschichten, die allesamt bereits in anderen Zusammenstellungen erschienen, aber längst vergriffen sind. Die Grundidee Jonkes, einen - nie fertiggestellten - Wien-Roman anhand des Liniennetzes der Wiener Straßenbahnen zu schreiben, ist noch im Titel mancher... lesen


goethejahr - endlich vorbei!

Oder: Wie die Lektüre des Alten einen humanistisch entsetzen kann

Goethe: Die Wahlverwandtschaften. Roman

Jubiläum, Jubiläum! Goethens 250. Geburtstag wird gefeiert. Vor genau 190 Jahren erschienen seine Wahlverwandtschaften erstmals, und ich bin nun der genau 63475. Germanist, der sich mit diesem Werk auseinandersetzt. Dies aus drei Gründen: a) einmal, weil das Buch als Fischer Taschenbuchausgabe, die ich einmal um fünf Schilling aus einer Ramschkiste errettete, lange Zeit in meiner Bibliothek der ungelesenen Bücher... lesen


die tiefe der sa/eiten

Über den Versuch, Literatur zum Klingen zu bringen

Peter N. Gruber: Die schwarze Prinzessin. CD

Es ist ein riskantes Projekt, dem sich der in Graz lebende Musiker Peter N. Gruber verschrieben hat: „Nach einer Unterbrechung von beinahe 20 Jahren“, so Gruber im Umschlagtext seiner ersten Solo-CD Die schwarze Prinzessin, „habe ich 1997 die Herausforderung Kontrabaß wieder aufgenommen.“ Die Musik zu dieser CD entstand in den letzten zwei Jahren, und in dieser Zeit hat der bibliophile Musiker wohl auch eine Menge... lesen


ein versuchter tod und seine vorgeschichten

Georg Payrs Roman über seelische Verwesung in der Kleinstadt

Geor Payr: Vom Drücken des Schuhs. Roman

Der lange, dünne, zerbrechliche Albert ist von einer Brücke gesprungen, in ein ausgetrocknetes Flussbett hinein. Ein Studentenspargel, eine Bohnenstange. Ein Häufchen Elend jetzt, da er ohnmächtig im Krankenhaus liegt und nicht wieder erwachen will. „Wo drückt dich der Schuh, mein Junge“ wird man ihn fragen, falls er wieder hochkommen sollte. Wo drückt der Schuh: eine erschreckend deutliche Metapher für das Unge... lesen


das mensch, das unkind

Christine Werners Roman über das Schicksal von Frauen und über eine Familie

Christine Werner: Eine Handbreit über dem Knie

„Wer nicht einmal bis zur Türklinke reicht, darf nicht mitreden.“ Die Nazis schleppen Trixis Vater davon. Zum Glück kann sich, wer nicht einmal zur Türklinke reicht, im Wäschekorb verstecken. Und wer bald auch einen arischen Stiefvater hat, braucht sich gar nicht mehr zu verstecken. „Das ist das Schicksal, Trixi... Ein rosa Ding mit Flügeln“, sagt Mamuschka. Das Schicksal bestimmt über Mamuschka und Trixi... lesen


irdische sehnsüchte

Eugenie Kain: Sehnsucht nach Tamanrasset. Sechs Erzählungen

Mit Eugenie Kains Sehnsucht nach Tamanrasset landen wir auf einem anderen Planeten. Er ist weniger romantisch, härter, echter, und gerade deswegen für real existierende Lebewesen bewohnbar. Die sechs Erzählungen in Sehnsucht nach Tamanrasset sind auf der Erde angesiedelt, mitten in Österreich und oft am Rande der hiesigen Gesellschaft. Dass die Autorin und Journalistin Kain als Trainerin im Sozialbereich arbeitet... lesen


blaues gewäsch

Sylvia Treudl: Blues. Geschichten

Wenn Sylvia Treudl den Blues kriegt, dann sind in erster Linie Geschichtlein angesagt, angereichert mit Ungetümen von Metaphern, die runter gehen wie ranziges Öl. „Denn immer, wenn sie am wenigsten darauf Wert legt, überrollen sie Assoziationen der bittersten Sorte wie Gischtwolken eine Sandburg“, beschreibt den Parcours durch die frisierte Landschaft von Treudls Texten am besten. Unter welchen Gesichtspunkten die... lesen


himmlische qualen

Franzobel: Phettberg. Eine Hermes-Tragödie

„Wir schreiben das Jahr 1999. Sternenzeit. Hier ist Capitain Hermes Phettberg, Commander der Enterprise Gumpendorf. Eine unwahrscheinliche Penetrationsmanie hat uns erfaßt. Eine unwahrscheinliche Fortpflanzungshysterie hat uns erwischt. Alle Flüssigkeit versucht uns zu befruchten. Bald werden wir verdaut sein. Liebe Nachwelt, hier ist der Notstand ausgebrochen. Lauter Fälle aus der Psychiatrie, alles Österreicher... lesen




Rezensionen der Ausgabe 01 - weltenende

tanz ums grab

Nigel Barley: Tanz ums Grab. Aus dem Englischen von Ulrich Ulrich Enderwitz

In seinem neuesten Buch, Tanz ums Grab, setzt sich der britische Star-Ethnologe Nigel Barley kritisch mit Todesvorstellungen, Begräbnisritualen und den Beziehungen zwischen Lebenden und Toten in verschiedenen Kulturen auseinander. Die Ausführungen des Autors von Bestsellern wie Traumatische Tropen oder Traurige Insulaner sind anekdotenreich, und seine Quellenkenntnis, die er souverän einsetzt, ist beeindruckend. Der Tod... lesen


vielschichtige verquerungen

Dieter Sperl hat mit seinem zweiten Prosabuch, „Alles wird gut“, so etwas wie einen Roman vorgelegt

Dieter Sperl: Alles wird gut

„..., aber es ergibt keinen Trost mehr, sagt Paul, nur weil wir nicht mehr tiefer sinken können, wir weinen ja um fast nichts mehr, wir simulieren ja nur noch Bedeutung, ruft Paul, permanentes Auftauchen und Verschwinden, bleibt alles wie es ist so ein Stillstand/Strohstand, wir haben die Zeit einfach weggeschafft, weggekehrt, der Boden besteht aus Steinfliesen, ...“ Dieter Sperl, bisher vor allem als experimentel... lesen


drehen am gewinde der wahrnehmung (1)

Margret Kreidls „In allen Einzelheiten. Katalog“

Margret Kreidl: In allen Einzelheiten. Katalog

Manchmal schade, irgendwie toll, zeitweise un- bis doch noch interessant. Die Form des Katalogs generiert zumindest zwei Assoziationen. Er vibriert in einer Spannung von einerseits altehrwürdiger Aufzeichnungstradition und andererseits ist er manifester konsumpornographischer Ausdruck unserer kapitalistischen Warenwelt. Das heißt genauer: Über den Katalog war und ist es möglich, Objekte und Geschehnisse festzuhalten und über diese... lesen


drehen am gewinde der wahrnehmung (2)

Judith Fischers „mimose.schneckenhaus“

Judith Fischer: mimose.schneckenhaus

In der Textgestalt auf den ersten Blick ähnlich, dann aber doch anders, ist die letzte Veröffentlichung von Judith Fischer, mimose.schneckenhaus. Fischer verwebt in ihrem Text zwei Stränge, jenen über die Mimose mit jenem über das Schneckenhaus. Sie addiert im wahrsten Sinne des Wortes Textstellen, wozu sie neben dem Selbstverfaßten Gedichtausschnitte, Songfetzen, Eintragungen aus naturwissenschaftlichen Sachbüchern, Notizen u.a... lesen


froschsein ist die hölle

Die Sumpfbücher von Fritz Ostermayer und Thomas Edlinger

Fritz Ostermayer und Thomas Edlinger (Hg.): Die Sumpfbücher

Hätte er sich doch nie von ihren schönen Tränen erweichen lassen und ihr die goldene Kugel nicht wieder aus dem Brunnen heraufgeholt. Denn natürlich wollte der Frosch auch eine Belohnung. Keine große, nein, bloß einen Kuß von der hübschen Prinzessin. Das war ja nun wirklich nicht zuviel verlangt. Ganz ohne Zunge, und nein, er wollte auch keine Gegenstände in ihre Genitalien einführen. Nichts dergleichen. Und... lesen


von der endlosigkeit des unsinns ...

Zur 98er-Romankollektion von Franzobel

Franzobel: Böselkraut & Ferdinand. Ein Bestseller von Karol Alois

Mit zwei Prosabänden wartet Franzobel heuer auf: der eine treibt ohne Geschichte aus zu einer Art Sprach-Spüle, und der andere versucht eine Art „Kindergeschichte für Alt und Jung“. In letzterem erzählt Franzobel die Geschichte des Duumvirats Böselkraut & Ferdinand, das auf der Suche nach Böselkrauts Hund Knödel eine Kidnapperbande aufdeckt. Ferdinand ist ein gleich einem Kinderbuchdedektiv kombinier-erpich... lesen


von besseren und schlechteren sätzen (1)

Neues aus österreichischen Kleinverlagen

Günther Geiger: Exit Vienna

„alkpoeten geifern herum, oder pennen. 10 krügel hintereinander & kopf auf den tisch. einsamkeit, trauer, depression in der übervollen gaststätte. fertig, aus, keine unterhaltung mehr möglich, nur gelalle.“ Dieses Zitat aus Günther Geigers Roman Exit Vienna als Zustandsbeschreibung der gegenwärtigen österreichischen Literatur einzusetzen wäre, wie sich zeigen wird, unangemessen. Vielmehr ist es der erst... lesen


hurra, wir leben noch (1)

Drei kräftige Lebenszeichen der realistischen erzählenden Literatur in Österreich. Die neuesten Romane von Walter Klier, Thomas Glavinic und Gabriel Loidolt

Walter Klier: Grüne Zeiten. Roman

Über die Situation der österreichischen Literatur zu klagen, gehört seit rund fünfzehn Jahren zu den Gemeinplätzen des hiesigen Kulturbetriebs. Österreichischen Autoren gehören die Form und das Genie, der restlichen Autorenwelt der Stoff und das Handwerk. Auf diese Formel ließe sich das gängige Vorurteil über die österreichische Literatur bringen. Daß es sich hierbei vor allem um ein Vorurteil handelt, bew... lesen


mögen sie roseanne?

Lilly Bretts erfolgreicher Roman „Einfach so“

Lilly Brett: Einfach so. Aus dem Englischen von Anne Lösch.

Esther ist ständig auf der Suche nach wichtigen Leuten, die wahrscheinlich in der nächsten Zeit sterben werden. Sie arbeitet als Nachrufredakteurin für eine Zeitung. Esther ist ein Mensch, der sich um die Toten kümmert, damit sie nicht gleich vergessen werden. Esthers Eltern sind Juden. Es ist wichtig für Esther, daß sie Jüdin ist. Esthers Eltern waren beide im Konzentrationslager. Sie haben das Ghetto von Lodz... lesen


von besseren und schlechteren sätzen (2)

Neues aus österreichischen Kleinverlagen

Gerhard Jaschke: Stubenrein

Für Sprachübungen und Kunststücke ganz anderer Sorte ist der „König des Anagramms“ Gerhard Jaschke zu haben. Jaschke ist der Herausgeber von Freibord. Zeitschrift für Literatur und Kunst, in der er eine Vielzahl literarischer Gattungen sowie Graphiken und Comics von bekannten und weniger bekannten Künstlern in einer abwechslungsreichen, lesenswerten Mischung zusammenbringt. Stubenrein, sein in der Edition Das F... lesen


von besseren und schlechteren sätzen (3)

Neues aus österreichischen Kleinverlagen

SI.SI. Klocker: Grete Gulbransson. Leer-und Wanderjahre einer Dichterin

Ebenso in der Edition Das Fröhliche Wohnzimmer erschienen ist die Auseinandersetzung der Bregenzerin SI.SI. Klocker mit der 1934 verstorbenen Dichterin Grete Gulbransson aus Bludenz. Grete Gulbransson. Leer- und Wanderjahre einer Dichterin. ist schwer einzuordnen. Der Titel spielt auf eine Biographie an, die eigenwilligen Geschichten und Dialoge sind allerdings alles andere als eine Anhäufung von Lebensdaten. Die 1000 u... lesen


von besseren und schlechteren sätzen (4)

Neues aus österreichischen Kleinverlagen

Ronald Pohl: der möwensimulator

Keine angerissenen Geschichten, sondern fein durchdachte, redselige Stücke stellt der Wiener Standard-Theaterkritiker Ronald Pohl in seiner Trilogie der möwensimulator vor. Das die Qualität eines Stücks nicht unbedingt von seiner Aufführbarkeit abhängt, wird hier abermals bewiesen. Denn möwensimulator, acker furcht und schuttumkehr sind auf einer Bühne kaum vorstellbar, sie würden sogar einiges ihrer Ästhetik ei... lesen


von besseren und schlechteren sätzen (5)

Neues aus österreichischen Kleinverlagen

Thomas Hoeps: Pfeifer bricht aus

War anfangs von österreichischer Literatur die Rede, trifft das nicht auf alle Autoren zu: Thomas Hoeps ist Deutscher und hat erst kürzlich in der edition selene den wirklich bemerkenswerten Roman Pfeifer bricht aus veröffentlicht. Ein Buch, aus dem man keinen Schnappschuß, sondern einen ganzen Film als Erinnerung speichern möchte. Hier trifft Lust und Talent zum Erzählen auf ein Feingefühl für Menschen und ihre... lesen


hurra, wir leben noch (2)

Drei kräftige Lebenszeichen der realistischen erzählenden Literatur in Österreich. Die neuesten Romane von Walter Klier, Thomas Glavinic und Gabriel Loidolt

Thomas Glavinic: Carl Haffners Liebe zum Unentschieden. Roman

Auch Thomas Glavinic hat sein Handwerk gelernt, auch er „kann schreiben“, ohne es dem Leser mit jedem Satz beweisen zu müssen, er baut seine Geschichte(n) effizient und spannend auf, liefert ganz einfach „brauchbare“ Geschichten, das pralle Leben, kurz: Er weiß etwas zu erzählen. Der Österreicher Carl Schlechter war einer der weltbesten Schachspieler seiner Zeit. Er hielt 1910 einen Weltmeisterschaftksampf... lesen


hurra, wir leben noch (3)

Drei kräftige Lebenszeichen der realistischen erzählenden Literatur in Österreich. Die neuesten Romane von Walter Klier, Thomas Glavinic und Gabriel Loidolt

Gabriel Loidolt: Hurensohn. Roman

Gabriel Loidots Roman Hurensohn ist ein „österreichisches Buch“, in dem die (gesellschafts)politischen Themen und Befindlichkeiten zwischen Soziologiekursen, Zeit im Bild, Krone, täglich Alles und „gesundem Volksempfinden“ durch einen interessanten Plot in einen Erzählzusammenhang gebracht werden. Durch die Präzision und Authentizität der Beschreibung gewinnt Loidolts Roman an Relevanz, denn die Figuren des R... lesen


michal viewegh shooting star

Der tschechische Autor, der in seiner Heimat mit dem Prädikat „kult“ versehen wurde, kann auch in der deutschen Übersetzung durchaus Lesesuchterscheinungen auslösen

Michal Viewegh: Blendende Jahre für Hunde. Roman. Aus dem Tschechischen von Irene Bohlen und Kathrin Liedtke

Es gibt Bücher, wenn man die gelesen hat, möchte man eine Zeitlang kein anderes anrühren, weil man weiß, besser kann es nicht mehr kommen. Die Bücher des Tschechen Michal Viewegh sind auf dem Gebiet der Satire so ein Fall. Zwei sind heuer auf Deutsch erschienen. Erziehung von Mädchen in Böhmen, Vieweghs vierter Roman, kam im Frühjahr in der Übersetzung von Hanna Vintr bei Deuticke heraus. Sein Erstling Blendende... lesen